Biodiversitätsabkommen: Balanceakt zwischen Artenschutz und Wirtschaft

Artenvielfalt stabilisiert Ökosysteme und sichert damit auch wirtschaftliche Grundlagen. Dennoch gerät die Einhaltung der Biodiversitätsziele in Vergessenheit, wenn es um wirtschaftliche Interessen geht.

    Apfel-Anbaugebiet bei Natz-Schabs in Südtirol. Vor einer Bergkulisse hängen prächtige, rotgelbe Äpfel an einem Baum.
    Auf Apfelplantagen in Tirol kommen regelmäßig Pestizide zum Einsatz. Durch den Wind landen sie auch in den Gipfeln, wo sie anderen Organismen Schaden zufügen. (Imago / Manngold)
    Regierungsvertreter aus aller Welt haben beim Biodiversitätsabkommen von 2022 im kanadischen Montreal neue Ziele zum Schutz und Wiederherstellung der Natur formuliert. Das Besondere damals: 30 Prozent der Landfläche und 30 Prozent der Wasserfläche sollen bis zum Jahr 2030 unter Schutz gestellt werden.
    Ein Zwischenbericht zeigt: Es läuft zu langsam. Bei der 17. UN-Konferenz zur biologischen Vielfalt (COP17) in der armenischen Hauptstadt Eriwan geht es nun darum, wie die Staaten ihre Ziele noch erreichen können.
    Auch Deutschland liege bei den Biodiversitätszielen weit zurück, kritisieren Umweltschützer - und fordern die rasche Verabschiedung eines wirksamen Gesetzes für die natürliche Infrastruktur.

    Inhalt

    Bilanz nach vier Jahren weltweit und in Deutschland

    In vielen ausgewiesenen Schutzgebieten konnte der Rückgang der Artenvielfalt zumindest punktuell gestoppt werden, sagt die Biologin Katrin Böhning-Gaese. Für eine wirkliche Trendwende sei der Erfolg aber noch nicht flächendeckend genug.
    In Deutschland sind bislang mehr als 16 Prozent der Flächen an Land und fast 45 Prozent der Flächen in den Meeren als Schutzgebiete ausgewiesen. International sind es laut Angaben aus dem Bundesumweltministerium 18,4 Prozent der Landfläche, bei den Meeren international nur zehn Prozent.
    UN-Generalsekretär Antonio Guterres mahnt die Lücke an, die zwischen den politischen Zusagen der Vertragsparteien und ihrer Umsetzung klafft. Die Flächenausweisung allein reicht nicht aus, sagt auch Böhning-Gaese. Der Schutz müsse in einem zweiten Schritt wirksam umgesetzt werden.

    Falsche Steuerung durch umweltschädliche Subventionen

    Große Defizite sieht der Bericht dort, wo wirtschaftliche Interessen berührt werden, etwa beim Abbau naturschädlicher Subventionen. 2022 hatten sich die 196 Vertragsstaaten des Biodiversitätsabkommens unter anderem darauf geeinigt, bis 2030 umweltschädliche Subventionen etwa für Kohle, Öl und Gas weltweit um mindestens 500 Milliarden Dollar zu verringern.
    Doch aus Sicht von Florian Thietze von der Umweltstiftung WWF geht der Trend in den letzten Jahren sogar in die entgegengesetzte Richtung. Eine Studie des Forums Ökologische Marktwirtschaft zeige, dass die schädlichen Subventionen z.B. in Deutschland im Jahr 2026 sogar um elf Milliarden Euro erhöht wurden. Darunter falle auch der Tankrabatt, der zudem keine Steuerungswirkung habe und Biodiversitätsziele untergrabe, sagt Thietze.
    Auch die Subventionen für die Agrar- und Forstwirtschaft setzen kaum Anreize, die Natur zu schützen. Bislang geht der Großteil der EU-Beihilfen nämlich an landwirtschaftliche Großbetriebe, weil sich der Verteilungsschlüssel nach der Fläche in Hektar richtet. Und auch die Pendlerpauschale setzt keine Anreize, weniger Auto zu fahren. 

    Verlust der Artenvielfalt führt zu wirtschaftlichem Schaden

    Artenvielfalt ist überlebenswichtig. Internationale Analysen zeigen, dass über 50 Prozent der Wirtschaftsleistung auf funktionierende Ökosysteme angewiesen ist. Manche Studien gehen sogar davon aus, dass die ganze Wirtschaft auf Ökosystemleistungen angewiesen ist.
    So schossen zuletzt die Preise für Kakao in die Höhe, weil in den Anbaugebieten die Produktivität eingebrochen war – als Folge von artenarmen Anbaumethoden und den Auswirkungen des Klimawandels.
    Doch nicht nur die Preise, sondern auch die Lebensmittelsicherheit etwa in Deutschland ist von den Leistungen der Ökosysteme im tropischen Regenwald oder den Meeren abhängig.
    Wenn Ökosysteme und die Lebensgrundlagen für viele Menschen zusammenbrechen, sorge das auch an anderen Orten der Erde für Instabilität und wirke sich auf Lieferketten und Handelsbeziehungen aus, sagt WWF-Experte Thietze.

    Konflikte zwischen Biodiversität und Wirtschaftlichkeit

    Am Beispiel der Pestizide zeigt sich ein Interessenskonflikt zwischen Biodiversität und Wirtschaftlichkeit: Pflanzenschutzmittel sind einerseits notwendig, weil viele Produkte der Agrarlandschaft sonst von Schädlingen bedroht würden, sagt die Biologin Katrin Böhning-Gaese.
    Andererseits können die Nebenwirkungen dieser Mittel auch andere Organismen und sogar Menschen schaden. So sind Pestizide, die in den Apfelplantagen in den Tälern Tirols bis zu 30 Mal pro Jahr gespritzt werden, noch in hohen Gipfellagen nachweisbar, weil sie vom Wind überall hingeblasen werden.

    Rohstoffsicherung versus Artenvielfalt

    Konfrontiert mit der aggressiven Rohstoffsicherung Chinas und der USA, wirbt das Bundeswirtschaftsministerium für eine Rohstoffwende, um die deutsche Industrie und hiesige Arbeitsplätze zu sichern. Unter anderem soll es künftig wieder mehr Bergbau in Deutschland geben, obgleich der Bergbau zu den Hauptursachen für den Artenverlust zählt.
    Selbst in der Europäischen Union kommt es beim Abbau von Rohstoffen immer wieder zu Zwischenfällen, wie in Portugal, wo in einer Mine zum Abbau von Wolfram giftiges Arsen aus den Abraumhalden in die Flüsse und schließlich in vor Ort angebautes Gemüse gelangt ist.
    Deshalb wirbt der Arbeitskreis Rohstoffe für eine strengere Regulierung, auch wenn die Lockerung des EU-Lieferkettengesetzes in die entgegengesetzte Richtung weist. Einig sind sich Regierung und NGOs aber in der Überzeugung, dass zur Senkung des Rohstoffverbrauchs die Kreislaufwirtschaft gestärkt werden müsse.

    Onlinetext: Tina Hammesfahr; Quellen: Deutschlandfunk, Agenturen (KNA, DPA)