Václav Havel war einer der führenden Köpfe der antikommunistischen Opposition in der Tschechoslowakei. 1977 gehörte er zu den Initiatoren der Charta 77, die unter Berufung auf die KSZE-Schlussakte von Helsinki Menschenrechtsverletzungen anprangerte und bürgerliche Freiheiten forderte. In der Folgezeit wurde Havel mehrmals verhaftet. Insgesamt verbrachte er fünf Jahre im Gefängnis. 1989 gründete er das Bürgerforum mit, was das Ende des kommunistischen Regimes einleitete. Fortan galt er als "Held der Samtenen Revolution". Havel avancierte vom Oppositionellen einer kommunistischen Diktatur zum Staatsoberhaupt einer demokratischen Republik. Von 1989 bis 1992 war er Präsident der Tschechoslowakei und nach der Teilung des Landes von 1993 bis 2003 Staatsoberhaupt Tschechiens. - Nicht gerade ein typischer Lebenslauf.
"Auch mir kommt von Zeit zu Zeit mein Schicksal absolut unwahrscheinlich vor. Wie konnte es nur geschehen, dass ich - und gerade ich - mich im Zentrum so wichtiger Ereignisse befand, die das Schicksal vieler Völker und Millionen von Menschen geprägt haben? Warum musste ich, ein Autor absurder Theaterstücke, Hunderte von solch absurden Situationen erleben, wie zum Beispiel meinen ersten Besuch im Kreml? ... Manchmal sage ich mir, dass ich mein Leben wohl nur träume und dass ich sehr bald aus all dem erwache".
Das Buch besteht aus drei Teilen, die miteinander verwoben sind. Wie schon in der 1986 entstandenen Bilanz "Fernverhör" beantwortet Havel Fragen des Journalisten Karel Hvízd'ala. Ergänzt werden die Antworten durch Tagebucheinträge aus dem Jahr 2005, als das Buch entstand. Schließlich finden sich Mitteilungen aus der Zeit von Havels Präsidentschaft ab 1993, gleichsam Anweisungen an seine engsten Mitarbeiter,
die Einblick in den Alltag des tschechischen Präsidenten geben.
Tschechien ist längst Mitglied der NATO und der EU. Vielen erscheint das inzwischen selbstverständlich. Dass davon eigentlich keine Rede sein kann, weiß, wer sich die bipolare Blockkonfrontation Ende der achtziger Jahre vor Augen führt. Der Wandel ist enorm. Das Wort von der "Zeitenwende" beschreibt den Sachverhalt treffend. Auf die Frage nach dem wichtigsten Moment in seinem politischen Leben antwortet denn auch Havel:
"Jenen Moment, als ich im Sommer 1991 - als Vertreter des damals vorsitzenden Landes - zum Abschluss des letzten Gipfeltreffens des Warschauer Pakts der Welt feierlich verkündete, dass dieser Pakt sich gerade aufgelöst hat, halte ich für einen der ganz besonderen Momente meines Lebens. Es geschah darüber hinaus in Prag, einer Stadt, die der Pakt dreiundzwanzig Jahre vorher überfallen hatte".
Havel war stets ein Befürworter der europäischen Integration. Nach der Lektüre von Dokumenten der EG und der EU sprach er 1994 indes von einem komplizierten und unübersichtlichen Paket, das nur mehr Professionelle verstünden, nicht aber die Bürger. Was Havel vor dreizehn Jahren seinen Vertrauten mitteilte, hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt.
"Das ruft direkt nach der Entstehung einer einfachen Charta der EU und ihrer einfachen, übersichtlichen Verfassung, die dieses ganze Paket in gewisser Weise überdachen oder Überwölben (nicht ändern), einfach daraus eine verständliche Sache machen würden. Ebenfalls ist mir aufgefallen, dass im Unterschied zu anderen großen europäischen Reichen der Vergangenheit die EU kein klares und einziges Oberhaupt hat und infolgedessen als eine amorphe Missgestalt erscheint, zusammengesetzt aus vielen unterschiedlich miteinander verknüpften Institutionen und Organen. Nötig wäre klarerweise das Amt eines Präsidenten (wenn es schon kein Kaiser sein kann), der rein repräsentativ sein könnte, der aber ein deutlicher Punkt der gesamten Struktur wäre".
Die Instruktionen an Havels engste Mitarbeiter sind ambivalent zu beurteilen. Einerseits erfährt der Leser, wie es bisweilen auf der Prager Burg, dem Sitz des Präsidenten, zugegangen ist. So schrieb Havel viele seiner Reden selbst. Zu delegieren, war seine Sache nicht. Andererseits handelt es sich häufig um Banalitäten. Havel schien sich um alles mögliche kümmern zu wollen: vom Besteck bei Staatsbanketten über die Außenbeleuchtung seines Amtssitzes bis zum Flugzeug für einen Staatsbesuch. Und wer interessiert sich schon für Havels regelmäßig auftretende Probleme mit dem Computer?
Darüber hinaus gibt es mehrere Anweisungen an seine Mitarbeiter, die jeweils vier- oder fünfmal - über das gesamte Buch verteilt und stets unter demselben Datum - abgedruckt werden. Das gilt etwa für diesen Satz:
"Herrn Rechtácek bitte ich, mir das Feuerzeug zu reparieren, zu füllen und zurückzuschicken".
Der Leser wundert sich. Soll das, vor allem die mehrmalige Wiederholung, "kunstvoll" wirken? Soll es ein Beleg für die brillante Komposition des Buches sein, von der auf dem Klappentext die Rede ist? Oder möchte sich Havel als Autor absurder Texte selbst die Reverenz erweisen?
Dass er derlei Brimborium nicht nötig hat, zeigt folgendes Beispiel. Im Jahr 2005 verbrachte er zwei Monate in Washington, um an diesem Buch zu schreiben. In der Kongressbibliothek wurde ihm ein Raum zur Verfügung gestellt, damit er in Ruhe arbeiten konnte. Des Englischen zwar mächtig, hatte er aber Schwierigkeiten die amerikanische Aussprache stets auf Anhieb zu verstehen, was mitunter zu peinlich-absurden Situationen führte.
"Gestern wollte ein jüngerer Schwarzer, mit dem ich im Aufzug fuhr und der mir sagte, wie sehr er mich schätzt, ein Autogramm von mir. Dann murmelte er etwas, das ich nicht verstand, das aber offenbar eine Frage war. Der Einfachheit halber sagte ich 'Ja'. Gleich darauf aber ging mir auf, was er gefragt hatte: ob ich 'Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins' geschrieben habe. Jetzt noch die Antwort zu verändern ging nicht, fliehen war auch nicht möglich ... Wirklich eine Kundera-Situation".
Das war eine Rezension von Ralf Altenhof zu den Memoiren von Václav Havel "Fassen Sie sich kurz. Gedanken und Erinnerungen", erschienen im Rowohlt Verlag in Reinbek bei Hamburg, das Buch hat 432 Seiten und kostet 19 Euro 90.
"Auch mir kommt von Zeit zu Zeit mein Schicksal absolut unwahrscheinlich vor. Wie konnte es nur geschehen, dass ich - und gerade ich - mich im Zentrum so wichtiger Ereignisse befand, die das Schicksal vieler Völker und Millionen von Menschen geprägt haben? Warum musste ich, ein Autor absurder Theaterstücke, Hunderte von solch absurden Situationen erleben, wie zum Beispiel meinen ersten Besuch im Kreml? ... Manchmal sage ich mir, dass ich mein Leben wohl nur träume und dass ich sehr bald aus all dem erwache".
Das Buch besteht aus drei Teilen, die miteinander verwoben sind. Wie schon in der 1986 entstandenen Bilanz "Fernverhör" beantwortet Havel Fragen des Journalisten Karel Hvízd'ala. Ergänzt werden die Antworten durch Tagebucheinträge aus dem Jahr 2005, als das Buch entstand. Schließlich finden sich Mitteilungen aus der Zeit von Havels Präsidentschaft ab 1993, gleichsam Anweisungen an seine engsten Mitarbeiter,
die Einblick in den Alltag des tschechischen Präsidenten geben.
Tschechien ist längst Mitglied der NATO und der EU. Vielen erscheint das inzwischen selbstverständlich. Dass davon eigentlich keine Rede sein kann, weiß, wer sich die bipolare Blockkonfrontation Ende der achtziger Jahre vor Augen führt. Der Wandel ist enorm. Das Wort von der "Zeitenwende" beschreibt den Sachverhalt treffend. Auf die Frage nach dem wichtigsten Moment in seinem politischen Leben antwortet denn auch Havel:
"Jenen Moment, als ich im Sommer 1991 - als Vertreter des damals vorsitzenden Landes - zum Abschluss des letzten Gipfeltreffens des Warschauer Pakts der Welt feierlich verkündete, dass dieser Pakt sich gerade aufgelöst hat, halte ich für einen der ganz besonderen Momente meines Lebens. Es geschah darüber hinaus in Prag, einer Stadt, die der Pakt dreiundzwanzig Jahre vorher überfallen hatte".
Havel war stets ein Befürworter der europäischen Integration. Nach der Lektüre von Dokumenten der EG und der EU sprach er 1994 indes von einem komplizierten und unübersichtlichen Paket, das nur mehr Professionelle verstünden, nicht aber die Bürger. Was Havel vor dreizehn Jahren seinen Vertrauten mitteilte, hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt.
"Das ruft direkt nach der Entstehung einer einfachen Charta der EU und ihrer einfachen, übersichtlichen Verfassung, die dieses ganze Paket in gewisser Weise überdachen oder Überwölben (nicht ändern), einfach daraus eine verständliche Sache machen würden. Ebenfalls ist mir aufgefallen, dass im Unterschied zu anderen großen europäischen Reichen der Vergangenheit die EU kein klares und einziges Oberhaupt hat und infolgedessen als eine amorphe Missgestalt erscheint, zusammengesetzt aus vielen unterschiedlich miteinander verknüpften Institutionen und Organen. Nötig wäre klarerweise das Amt eines Präsidenten (wenn es schon kein Kaiser sein kann), der rein repräsentativ sein könnte, der aber ein deutlicher Punkt der gesamten Struktur wäre".
Die Instruktionen an Havels engste Mitarbeiter sind ambivalent zu beurteilen. Einerseits erfährt der Leser, wie es bisweilen auf der Prager Burg, dem Sitz des Präsidenten, zugegangen ist. So schrieb Havel viele seiner Reden selbst. Zu delegieren, war seine Sache nicht. Andererseits handelt es sich häufig um Banalitäten. Havel schien sich um alles mögliche kümmern zu wollen: vom Besteck bei Staatsbanketten über die Außenbeleuchtung seines Amtssitzes bis zum Flugzeug für einen Staatsbesuch. Und wer interessiert sich schon für Havels regelmäßig auftretende Probleme mit dem Computer?
Darüber hinaus gibt es mehrere Anweisungen an seine Mitarbeiter, die jeweils vier- oder fünfmal - über das gesamte Buch verteilt und stets unter demselben Datum - abgedruckt werden. Das gilt etwa für diesen Satz:
"Herrn Rechtácek bitte ich, mir das Feuerzeug zu reparieren, zu füllen und zurückzuschicken".
Der Leser wundert sich. Soll das, vor allem die mehrmalige Wiederholung, "kunstvoll" wirken? Soll es ein Beleg für die brillante Komposition des Buches sein, von der auf dem Klappentext die Rede ist? Oder möchte sich Havel als Autor absurder Texte selbst die Reverenz erweisen?
Dass er derlei Brimborium nicht nötig hat, zeigt folgendes Beispiel. Im Jahr 2005 verbrachte er zwei Monate in Washington, um an diesem Buch zu schreiben. In der Kongressbibliothek wurde ihm ein Raum zur Verfügung gestellt, damit er in Ruhe arbeiten konnte. Des Englischen zwar mächtig, hatte er aber Schwierigkeiten die amerikanische Aussprache stets auf Anhieb zu verstehen, was mitunter zu peinlich-absurden Situationen führte.
"Gestern wollte ein jüngerer Schwarzer, mit dem ich im Aufzug fuhr und der mir sagte, wie sehr er mich schätzt, ein Autogramm von mir. Dann murmelte er etwas, das ich nicht verstand, das aber offenbar eine Frage war. Der Einfachheit halber sagte ich 'Ja'. Gleich darauf aber ging mir auf, was er gefragt hatte: ob ich 'Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins' geschrieben habe. Jetzt noch die Antwort zu verändern ging nicht, fliehen war auch nicht möglich ... Wirklich eine Kundera-Situation".
Das war eine Rezension von Ralf Altenhof zu den Memoiren von Václav Havel "Fassen Sie sich kurz. Gedanken und Erinnerungen", erschienen im Rowohlt Verlag in Reinbek bei Hamburg, das Buch hat 432 Seiten und kostet 19 Euro 90.