
In der Medizin galt lange der Mann als Maß aller Dinge, der Frauenkörper als Abweichung von der Norm. Frauen waren vom Forschungsprozess ausgeschlossen. Viele Studien wurden nur mit Männern durchgeführt. Doch inzwischen rücken die besonderen gesundheitlichen Bedürfnisse von Frauen mehr in den Fokus.
Historische Wurzeln der Forschungslücken
Eine Ursache für die Vernachlässigung von Frauengesundheit sieht die Medizinerin Sylvia Mechsner im Frauenbild des späten 19. Jahrhunderts. Die Professorin für Endometrioseforschung an der Charité Berlin erklärt, dass Frauenbeschwerden zwar häufig mit Gebärmutter und Zyklus in Verbindung gebracht wurden. Zugleich seien sie jedoch oft als psychiatrische Erkrankung gedeutet worden, etwa als “Hysterie”. Das wirkt sich bis heute aus.
Mechsner setzte sich deshalb dafür ein, eine Definition von chronischem Unterbauchschmerz aus dem Jahr 1890 zu überarbeiten. Das hat dazu beigetragen, mehr Aufmerksamkeit auf Endometriose zu lenken, eine häufig übersehene chronische Erkrankung.
Auch in anderen medizinischen Leitlinien sieht Mechsner noch zum Teil veraltete Annahmen. Das hängt mit Jahrzehnten gewachsenen Strukturen zusammen: Mehr als 80 Prozent der Führungspositionen in der Universitätsmedizin sind von Männern besetzt. Dadurch prägt die männliche Perspektive Forschung und Versorgung bis heute.
Neben Endometriose gibt es eine Vielzahl anderer vernachlässigter Frauengesundheitsthemen. Dazu gehören Wechseljahresbeschwerden, Lipödeme oder das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS).
Frauen haben oft andere Symptome
Nicht nur bei typischen Frauenbeschwerden spielt das biologische Geschlecht eine Rolle, auch bei anderen Erkrankungen. Organe wie Herz, Nieren oder Leber funktionieren bei Frauen anders als bei Männern. Besonders deutlich wird das beim Herzinfarkt: Während Männer meist über einen plötzlichen, sehr starken Schmerz im Brustkorb klagen, erleben Frauen eher Kurzatmigkeit, Schweißausbrüche und Übelkeit.
Kardiologinnen, die auf diese Unterschiede hinwiesen, wurden lange belächelt, wie die Medizinerin Sabine Oertelt-Prigione berichtet. Erst in den 1990er-Jahren wurden die Erkenntnisse mittels Datenerhebung wissenschaftlich untermauert.
Dennoch werden Frauen mit akuten Herzproblemen auch heute noch häufig schlechter therapiert als Männer. Und das liege nicht nur an ihrem biologischen, sondern auch an ihrem sozialen Geschlecht, so Sabine Oertelt-Prigione. Stereotype können einer angemessenen Behandlung im Wege stehen: Frauen seien wehleidig, gingen schneller zum Arzt oder litten eher psychisch als körperlich.
Medikamente vor allem für Männer getestet
Dieser diagnostische Gender-Bias setzt sich bei der medikamentösen Behandlung fort: Medikamente wurden jahrzehntelang fast nur an Männern getestet. Dadurch sei die Dosis für Frauen oft zu hoch, so Petra Thürmann, Pharmakologin und Mitglied der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft. Denn die Leber des weiblichen Körpers verstoffwechsele manche Enzyme anders und die Nierenfunktion der Frauen sei generell geringer.
Um diese biologischen Unterschiede zu berücksichtigen, wurde das Arzneimittelgesetz in Deutschland geändert, aber erst im Jahr 2004 . Allerdings sind Frauen laut Pharmakologin Thürmann bei Studien nach wie vor unterrepräsentiert, da etwa Schwangerschaften oder mögliche Schwangerschaften oft zu ihrem Ausschluss führen.
Von geschlechtersensibler Forschung profitieren jedoch nicht nur Frauen. So ließ sich bei einem neuen Antikörpermedikament gegen eine spezielle Form des Non-Hodgkin-Lymphoms auch die Wirksamkeit für Männer durch eine geschlechtsspezifische Anpassung verbessern.
Was wird für eine geschlechtersensible Medizin getan?
Inzwischen wird geschlechtersensible Forschung stärker politisch unterstützt. Union und SPD haben in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt, Forschung zu Frauengesundheit zu fördern. Kirsten Kappert-Gonther, Ärztin und Grünen,-Gesundheitspolitikerin, begrüßt das, kritisiert aber auch die Sparmaßnahmen etwa in der Geburtshilfe. Das benachteilige wieder Frauen, so Kappert-Gonther.
Dabei könnten sich Investitionen in Frauengesundheit auch wirtschaftlich auszahlen. Ein Bericht des McKinsey Health Institute aus dem Jahr 2024 kommt zu dem Schluss, dass eine bessere gesundheitliche Versorgung von Frauen langfristig erhebliche volkswirtschaftliche Vorteile bringen könnte.
Auch Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) hat Frauengesundheit zu einem Schwerpunkt ihres Hauses gemacht. Deutschland sei in diesem Bereich noch ein „Entwicklungsland“. Für Grundlagenforschung stehen in dieser Legislaturperiode knapp 90 Millionen Euro zur Verfügung.
Einen weiteren Impuls will die „Allianz für Frauengesundheit“ setzen. Sie arbeitet an einer Strategie, um Frauengesundheit dauerhaft im Gesundheitssystem zu verankern.
Daran beteiligt ist auch die Professorin für Diversität in der Medizin, Sabine Ludwig. Zwar werde inzwischen etwa über die Wechseljahre deutlich offener gesprochen, sagt sie. Aber noch sei das Wissen in der Bevölkerung und in der Aus- und Weiterbildung von Fachkräften zu gering.
Radiobeitrag: Birgit Augustin; Onlinetext: Constanze Pilaski
















