
Im Januar hat der von US-Präsident Donald Trump sogenannte Friedensrat für den Wiederaufbau von Gaza seine Arbeit aufgenommen. Laut US-Medien ist aber noch kein einziger Dollar der zugesagten Milliarden für den Wiederaufbau auf dem Konto der Weltbank eingegangen.
Seit Oktober 2025 gilt offiziell ein Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas. Zwar wurden bereits einige Vorhaben von Trumps Friedensplan umgesetzt, wie die Rückkehr der israelischen Geiseln sowie die Einsetzung einer Übergangsregierung aus palästinensischen Technokraten. Ihre Arbeit vor Ort hat sie allerdings noch nicht aufgenommen.
Auch der Beginn des Wiederaufbaus, die Entwaffnung der islamistischen Hamas und der Rückzug der israelischen Armee lassen auf sich warten. Für viele der rund zwei Millionen Menschen in Gaza bleibt der Friedensrat dennoch die einzige Hoffnung auf eine Verbesserung ihrer Lage.
Verzweifelte Lage im Gazastreifen
Journalisten haben keinen Zugang zum Gazastreifen und sind deshalb auf Augenzeugenberichte anderer angewiesen. Der britische Kinderarzt Joseph Simpson, der bereits zum achten Mal mit der deutschen Hilfsorganisation Cadus e.V. in Gaza war, spricht von einer verzweifelten Lage mit Blick auf die humanitäre Situation, die Gesundheitsversorgung, die hygienischen Bedingungen, den Zugang zu Trinkwasser, Essen und Babynahrung sowie Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche.
Simpson berichtet, dass großes Gerät wie Planierraupen in Gaza nicht erlaubt sei, sodass der Schutt liegen bleibe. Einem BBC-Bericht zufolge haben sich 60 Millionen Tonnen Schutt angehäuft. Der Wiederaufbau habe bislang nicht begonnen, sagt auch Tahani Abu Daqqa, Leiterin der palästinensischen Hilfsorganisation Damour.
Die Mehrheit der Gebäude sei teilweise oder vollständig zerstört, die Mehrheit der Palästinenser lebe in Zelten, sagt Simpson. In einem BBC-Bericht ist von 80 Prozent der Gebäude im Gazastreifen die Rede, mehr als 1,9 Millionen Menschen - 90 Prozent der Bevölkerung - seien vertrieben worden, viele mehrfach.
Viele Menschen seien körperlich versehrt, benötigten Rollstühle und Krücken, es gebe viele Kinder mit Amputationen, sagt Simpson. Ein Großteil der jungen Generation wachse ohne Bildung auf. Zwar hätten manche Schulen den Unterricht wieder aufgenommen, doch die meisten Schulgebäude seien so beschädigt, dass man sie nicht mehr nutzen könne.
Humanitäre Hilfe kommt nur eingeschränkt an: Es gibt wenige Übergänge in den Gazastreifen, und Israels Regierung erschwert internationalen Hilfsorganisationen teils den Zugang. Trotz des verkündeten Friedens sei kein einziger humanitärer Korridor wieder geöffnet worden, kritisierte Frankreichs Präsident Macron am 22. September vor den Vereinten Nationen. Laut Simpson kontrolliert Israel die Einfuhr medizinischer Hilfsgüter streng und weist sie teils zurück. Ärzte müssten deshalb abgelaufene Medikamente verwenden, Einmal-Equipment mehrfach nutzen oder ohne Schutzhandschuhe arbeiten.
Erschwert wird die Lage noch durch die Luftangriffe von Israels Militär. Seit Beginn der Waffenruhe im Oktober 2025 sind nach Angaben der Behörden im Gazastreifen mindestens 1400 Palästinenser getötet worden, darunter mehr als 300 Kinder. Israel meldete im selben Zeitraum den Tod von vier Soldaten. (Stand 30.09.2026)
Streitfrage um die Entwaffnung der Hamas
Das Grundproblem von Trumps Friedensplan entzündet sich an der Frage einer vollständigen Entwaffnung der Hamas. Zwar hat sich die Terrororganisation damit einverstanden erklärt und ihre Regierung aufgelöst, aber aus Israels Sicht sind das nur Lippenbekenntnisse. Deshalb besetzt Israels Militär weiterhin 70 Prozent des Gazastreifens.
Nicht nur Israels politische Hardliner, sondern auch das moderate Lager stellt sich gegen einen militärischen Rückzug hinter die sogenannte Gelbe Linie – das Gebiet, das Israel kontrolliert. Israelische Militärberater pochen sogar auf einen neuen Einmarsch in Gaza-Stadt.
Mitglieder der in Teilen rechtsextremen Regierung in Israel sprechen offen darüber, Menschen aus Gaza vertreiben zu wollen. Solche Äußerungen gelten in Israel eher als Wahlkampfgerede. Denn am 27. Oktober stimmen die Israelis über die Zusammensetzung der Knesset ab. Würde Netanjahu jedoch Zugeständnisse Richtung Friedensplan machen, würde die extreme Rechte in seinem Lager protestieren – und er braucht sie für die Mehrheit in der Knesset. Solange Israel und die Hamas also feststecken, kommt auch Trumps Friedensrat nicht weiter.
Palästinensische Übergangsregierung hängt in Ägypten fest
Das Komitee zur Verwaltung Gazas sei bewusst nur mit Technokraten besetzt, ohne politische Vertreter von Fatah oder Hamas, sagte der Politikwissenschaftler und Nahost-Experte Usama Antar. Beide Parteien hätten ihre politische Legitimation verloren: die Hamas, weil ihr Vorgehen Leid und Zerstörung gebracht habe, die Fatah, weil Mahmud Abbas praktisch als Alleinherrscher regiere.
Im Juli kündigte Trump an, die Waffen der Hamas sollten von der Übergangsregierung im Gazastreifen verwahrt und kontrolliert werden, statt an Israel oder nichtpalästinensische Parteien zu gehen. Israel lehnte das ab. Die Hamas knüpft die Abgabe schwerer Waffen seither unter anderem an einen israelischen Abzug.
Seitdem hängt die neue Übergangsregierung in Ägypten fest, denn Israel verweigert dem Gremium die Einreise nach Gaza. Damit werde die Erwartung der Menschen dort zunichtegemacht, sagt Antar. Auch die Palästinenserin Abu Daqqa blickt pessimistisch in die Zukunft. Trump habe zeigen wollen, dass es eine Lösung für Gaza gibt: “Es war reine Show.”
Radiobeitrag: Steffi Hentschke, Jehudit Weinberger Basha, Onlinetext: Tina Hammesfahr














