
Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie, die im Fachblatt Science veröffentlicht wurde. Sie wirft ein neues Licht auf die Evolution der globalen Kulturgeschichte. Jedes Jahr verschwinden weltweit mehr als vier Sprachen – Tendenz steigend. Das Aussterben der Sprachen erfolgte demnach aber nicht kontinuierlich, ausgehend von einem Höchststand etwa in der Altsteinzeit. Vor dem Aufkommen von Landwirtschaft und Viehzucht war die sprachliche Vielfalt mit schätzungsweise 4.500 bis 6.000 Sprachen geringer als heute. Die Zahl der Sprachen entwickelte sich erst dann im Zuge der wachsenden Weltbevölkerung zu einem "goldenen Zeitalter" mit dem historischen Höchststand von zehntausenden Sprachen in der Zeit vor 1.000 bis 3.000 Jahren.
Der Wendezeitpunkt zu einem radikalen Rückgang der Vielfalt an Sprachen setzte den Forschern zufolge dann lange vor dem modernen Kolonialismus ein. Dieses Massensterben habe bereits mit der frühen Expansion multinationaler Reiche begonnen, die regionale Kulturen und Dialekte verdrängte. Die expandierenden Imperien brachten nicht nur ihre eigenen Sprachen und Kulturen mit, sondern oft auch tödliche Krankheitserreger, was zum Zusammenbruch und zur Assimilation kleinerer ethnolinguistischer Gruppen führte. Erstautor Damian Blasi, der an der "Catalan Institution for Research and Advanced Studies" beziehungsweise der Harvard University forscht, erklärte, die heutigen Sprachen seien die Überlebenden.
Experte: Aussagen unsicher
Die Erforschung dieser Faktoren, die die sprachliche Vielfalt geprägt haben, ist laut den Autoren von grundlegender Bedeutung für das Verständnis der menschlichen Geschichte, Kultur und Kognition. Für ihre neue computergestützte Modellierungsstudie haben die Forscher statistische, ethnografische Daten und paläodemografische Daten verknüpft.
Der Sprachwissenschaftler Johann-Mattis List von der Universität Passau, der an der Veröffentlichung nicht beteiligt war, gibt zu bedenken, dass solche Studien immer mit sehr vielen Unsicherheitsfaktoren behaftet seien. Man wisse schlicht nicht, wie es war, erklärte er. Trotzdem sei es gut, dass solche Studien gemacht würden.
Diese Nachricht wurde am 24.07.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
