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Bürger alle zwei Jahre auf Kultursicherheit prüfen

Der Leiter der Franz-Liszt-Akademie in Weimar, Christoph Stölzl, vergleicht den Kultur-TÜV mit dem technischen TÜV für Automobile. Jeder Bürger solle einen Führerschein mit einem Bild bekommen. Stichprobenartig werde der Wissensstand nach Opern oder Romanen abgefragt und eingetragen werden.

Christoph Stölzl im Gespräch mit Mascha Drost |
    Mascha Drost: Oper, bildende Kunst, Theater - das waren bislang die Themen unserer Sendung, die Trias der Hochkultur. Doch wer kommt in deren Genuss - immer noch eine zu kleine Elite, ein Bildungsbürgertum, das mit Schiller und Goethe im Bücherschrank, Mozart und Wagner in den Ohren aufgewachsen ist. Das ist für eine Kulturnation, als die sich Deutschland bezeichnet, mehr als peinlich, es ist beschämend - und deshalb wird Kulturstaatsminister Bernd Neumann morgen vor die Presse treten und den sogenannten Kultur-TÜV vorstellen. Unter Schirmherrschaft der Kanzlerin wird schon seit Längerem daran gearbeitet, in der Planungskommission finden sich Künstler wie Günther Grass, Durs Grünbein, Claus Peymann, Daniel Barenboim, Thomas Quasthoff und auch Christoph Stölzl. Der war schon unter Helmuth Kohl als kulturpolitischer Berater tätig. Ich hatte vor der Sendung Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, und habe ihn gefragt, was man sich denn unter einem Kultur-TÜV vorstellen muss.

    Christoph Stölzl: Also ich begrüße das nachdrücklich, dass die Bundesregierung hier tatsächlich initiativ wird in einer zentralen Frage Deutschlands. Wir haben in diesem Beraterkreis etwas vorgeschlagen, was auf große Zustimmung in der Bundesregierung gestoßen ist, nämlich analog zum technischen TÜV den Kultur-TÜV einzuführen. Das heißt: So wie unsere Automobile alle zwei Jahre auf Herz und Nieren geprüft werden, so werden unsere Bürger auch geprüft, ob sie kultursicher sind. Also der Kultur-TÜV hieße, alle zwei Jahre zum Test zu kommen und vier Gedichte eigener Wahl, aber aus den Epochen sortiert vorzutragen. Bei den Opern werden Stichproben genommen, ob Arientexte gekannt werden oder Leitmotive. Bei den Romanen ist natürlich auch viel, da dauert es zu lange, um dort tatsächlich länger zu prüfen, da müssen auch Stichproben genommen werden. Wir haben auch schon so ein Modell für dieses Heftchen, so ähnlich wie für die Automobilbesitzer, das heißt so ein kleiner Kultur-TÜV-Führerschein mit einem fotometrischen Bild, was der Bürger mit sich trägt, sodass auch da jeder Unterschleif ausgeschlossen wird.

    Drost: Und wer soll diese Prüfungen dann abnehmen? Für den TÜV gibt es ja schon bestimmte Organisationen, das muss doch alles geregelt sein.

    Stölzl: Ich meine, die Kultur ist sowieso föderal organisiert. Der technische TÜV ist, wie man weiß, ja auch nach Landesverbänden organisiert. Wir haben mit den TÜV-Organisationen Rücksprache gehalten, die sind bereit, da mit Rat und Tat bei der Einrichtung zu helfen. Es gibt eine große Zahl von tüchtigen Fachkräften, die ja bei uns auf den Hochschulen ständig absolvieren, Kultursoziologen oder kulturtätige Wissenschaftler, die wir da auch mit neuen Arbeitsplätzen versehen können.

    Drost: Aber wie stellen Sie sich das vor? Ein Auto, das durch den TÜV fällt, wird aus dem Verkehr gezogen. Was ist mit Menschen, die eben nicht aus dem Stand vier Gedichte, vier Lieder vortragen können? Kriegen die dann Museums- oder Opernverbot oder was soll da passieren?

    Stölzl: Das Verbot, das wäre ja ganz falsch. Wirklich gute Kulturpädagogik funktioniert immer durch Anreize, nicht durch Verbote. Ich glaube, so ähnlich wie unser Schulsystem notgedrungen heutzutage stark durch Nachhilfeunterricht funktioniert, so werden sich selbstverständlich analog zu den Fahrschulen auch diese Kulturschulen einbürgern. Auch hier müssen Sie an den demografischen Faktor denken, wie viele pensionierte Studienräte, pensionierte Museumskuratoren ja noch lange Zeit sehr tüchtig im Beruf sein können. Die warten geradezu darauf, hier sozusagen das Paralleltraining zu übernehmen. Ich bin ganz sicher, das ist ja zumutbar. So wie man erwarten kann, dass ein Scheinwerfer leuchtet und eine Bremse bremst, so kann man erwarten, dass man alle zwei Jahre vier Gedichte aufsagt. Wir sind uns in diesem Beraterkreis noch nicht einig gewesen, ob wir auf das Prinzip des Kanons setzen, sozusagen immer die gleichen Dinge abzufragen, warum nicht immer den Faust, warum nicht immer die Zauberflöte, warum nicht immer "Der Mond ist aufgegangen". Da bin ich eher konservativ. Wir haben uns da gestritten, ich gebe das zu, die Experten waren sich nicht einer Meinung. Es gab Neutöner, Vertreter der zeitgenössischen Künste, die darauf beharrt haben, dass das ganz, ganz neue Modelle der Kultur sein müssen, ähnlich wie bei den Automobilen. Da bin ich konservativer. Ich finde, wenn jemand sein Leben lang die gleichen vier Opern, die gleichen vier Gedichte, die gleichen vier Romane nimmt - wenn es die großen sind, dann spricht gar nichts dagegen, dass man die gleichen Dinge in- und auswendig kennt.

    Drost: Wie steht es denn mit Menschen mit Migrationshintergrund? Kann man von denen wirklich verlangen, wenn sie noch nicht einmal die deutsche Sprache fließend sprechen, dann vier Gedichte vorzutragen? Könnte man nicht vielleicht auch auf Dichter ihres Heimatlandes, sagen wir klassische türkische oder arabische Dichtungen, zurückgreifen?

    Stölzl: Das ist tatsächlich ein Gesichtspunkt, der sehr stark ventiliert worden ist. Wir sind ein multikulturelles Land, und warum nicht Puschkin, Eugen Onegin, wunderbar, ganz prima. Und wir haben auch eigentlich gedacht, wir sollten das den deutschen Mitbürgern freistellen, auch mit Weltliteratur, Weltmusik, Weltlyrik aus anderen Nationen sich hier zu präsentieren. Das ist etwas, was, glaube ich, die Kulturfreundschaft innerhalb Deutschlands außerordentlich stimulieren könnte.

    Drost: Christoph Stölzl über den geplanten Kultur-TÜV.

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.