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StartseiteKultur heuteNeue Sicht auf die Ukraine30.05.2015

Deutsch-Ukrainische Historikerkommission Neue Sicht auf die Ukraine

Die Ukraine gehört wohl zu den größten von Wissenschaftlern vernachlässigten Ländern in Europa. Um das zu ändern hat zum ersten Mal die deutsch-ukrainische Historiker-Konferenz getagt. In Berlin beschäftigten sich hochkarätige Historiker aus aller Welt mit der Ukraine in den großen Transformationen des neuzeitlichen Europa.

Von Thomas Franke

Spuren der Kämpfe in Uglegorsk, einem Nachbarort von Debalzewe in der Ukraine (dpa / picture alliance / Nikolai Muravyev)
Spuren der Kämpfe in der Ukraine (dpa / picture alliance / Nikolai Muravyev)
Weiterführende Information

Ukraine Ukraine verbietet Sowjetsymbolik

Die Ukraine gehört wohl zu den größten von Wissenschaftlern, vernachlässigten Ländern in Europa. Mit Ausbruch des Krieges vor gut einem Jahr wurde das vielen bewusst. Martin Schulze Wessel, Professor an der Universität München und Vorsitzender des Verbands der Historikerinnen und Historiker in Deutschland, hat die ukrainisch-deutsche Historikerkommission genau deshalb mitgegründet.

"Mit der Ukraineforschung stehen wir in Deutschland tatsächlich noch am Anfang. Es gibt einige Professoren, die seit Jahrzehnten das betreiben. Es gibt wirklich viele weiße Flecken der Ukrainegeschichte, die noch zu erforschen sind."

Die Sicht auf die Ukraine wird derzeit noch von der Sicht Russlands und der Sowjetunion dominiert. Das soll sich ändern. Federführend für die Historiker auf der Ukrainischen Seite ist Yaroslav Hrytsak, Professor an der Universität in Lviv.

"Die Ukraine wird jetzt zum Subjekt und ist nicht mehr nur Objekt. Die Ukraine äußert sich selbst."

Skepsis im Vorfeld

Und das widerspricht den machtpolitischen Interessen Russlands. Wird Geschichte aber machtpolitisch missbraucht, können Kriege angeheizt werden, wie in den 90er Jahren auf dem Balkan und aktuell in der Ukraine. Eines der großen Themen der Konferenz ist deshalb ein gemeinsames europäisches Geschichtsverständnis. Yaroslav Hrytsak:

"Wir sagen nicht, dass die Geschichte der Ukraine abgekoppelt werden muss von der Historie anderer Länder. Wir brauchen ein globales Geschichtsverständnis. Man kann das, was in der Ukraine, in Polen oder Deutschland passiert, nur verstehen, wenn man im globalen Kontext denkt."

Im Vorfeld der Konferenz haben einige deutsche Historiker Skepsis angemeldet, man könne Russland verärgern. Wolfgang Eichwede, emeritierter Professor aus Bremen, war früher in der Deutsch-Russischen Historikerkommission. Er verweist auf den polnischen Publizisten Adam Michnik. Der habe gesagt:

"Ich bin natürlich bereit, als politisch denkender Mensch immer meine Kompromisse zu machen. Aber (...) eine Aggression bleibt eine Aggression. Eine Intervention ist keine brüderliche Hilfe, sondern ist eben eine Intervention. Und ein Krieg ist ein Krieg."

Russland verweigert sich derzeit jedem Diskurs

Und der wird nicht nur mit Waffen ausgefochten, sondern es ist auch ein Medienkrieg, ein Kulturkampf, der auch auf die Diskurskultur der Wissenschaftler zielt. Darum ging es dann auch schon in den ersten zwei Minuten der Eröffnungsrede von Martin Schulze Wessel.

"Wir folgen einer wissenschaftlichen Logik und verstehen uns selbstverständlich nicht als Agenten einer bestimmten Geschichtspolitik."

Das wird nicht viel helfen. Russland verweigert sich derzeit jedem Diskurs. Eröffnet wurde die Konferenz vom US-Historiker Timothy Snyder. Snyder ist zur Zeit eine Art Star der Szene. In seinem Buch "Bloodlands" geht es um die 14 Millionen Menschen, die zwischen 1933 und 1945 unter anderem in der Ukraine ums Leben gekommen sind, ermordet durch den Sowjetstaat unter Stalin und die deutschen Besatzer. Nebenbei ist auch das Buch in Russland nicht gern gesehen.

"Man kann geschichtliche Recherche in einer freien Welt nicht dem unterwerfen, was russische Politik zulässt oder nicht."

Es war ein russischer Historiker da, ein oppositioneller. Die harte Debatte blieb deshalb aus. Schulze Wessel:

"Das muss man aber nicht auf einer Eröffnungskonferenz machen. Sicherlich muss in einer weiteren Perspektive das Gespräch zwischen deutschen, ukrainischen und russischen Historikern gesucht werden. Aber eins nach dem anderen."

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