Christoph Schmitz: Vor acht Jahren reiste der britische Künstler Steven Stapleton in einem klapperigen Bus über die arabische Halbinsel. Er stellte zu seinem großen Erstaunen fest, dass es unter dem strengen Regime des saudischen Königshauses autonome zeitgenössische Kunst gibt. Der Brite trommelte eine Künstlergruppe zusammen und nannte sie Edge of Arabia. Der Gouverneur der Stadt Dschidda unterstützte ihn dabei. Eine Ausstellung mit Werken der Edge of Arabia tourte durch Europa: London, Berlin, Istanbul. Jetzt gab es den ersten Auftritt im Heimatland, in Dschidda. Die Stadt liegt im Westen der arabischen Halbinsel, etwa auf der Höhe von Mekka, direkt am Roten Meer, mit sehr großem Hafen, moderner Skyline und über drei Millionen Menschen.
Werner Bloch, Sie waren bei der Eröffnung der Ausstellung "We need to talk" dabei - in einem prächtigen Museumspalast fand sie ja wohl nicht statt.
Werner Bloch: Nein, ganz und gar nicht. Es gibt auch überhaupt keine Museen in Dschidda und es gibt überhaupt keine Vorrichtungen, die irgendwie etwas mit moderner Kunst zu tun haben könnten. Und deshalb ist man auf die Idee gekommen, diese wichtige, wahrscheinlich die wichtigste Kunstausstellung, die es in dem Land je gegeben hat, in einer halb fertigen Mall zu zeigen, also einem Einkaufszentrum, in dem praktisch noch die Bauarbeiter herumlaufen, und dort hat man praktisch vor unfertigen Wänden, was ja vielleicht auch ein ganz schönes Bild ist, diese moderne Gegenwartskunst gezeigt.
Schmitz: Sollte diese Kunst dort versteckt sein, eben in einem Provisorium, oder war das Ambiente mit Konzept?
Bloch: Das könnte man glauben, aber das glaube ich nicht, denn ich war bei der Eröffnung dabei und ich habe noch nie eine Kunstveranstaltung gesehen, zu der so viele Menschen gekommen sind. Man hat da überhaupt keinen Platz mehr gefunden, das hatte sich wirklich herumgesprochen und halb Dschidda war da auf den Beinen.
Schmitz: Halb Dschidda, das wären 1,5 Millionen. So viele waren es wohl nicht ganz?
Bloch: Nicht ganz, aber es war wirklich sehr, sehr voll und das Interesse, dass es überhaupt mal Kunst gibt, also individuelle Äußerungen in einem Land, das ja sonst völlig unter dem Gesetz der Scharia steht, ein Land, in dem Frauen kein Auto fahren dürfen und in dem Frauen noch nicht mal alleine zum Arzt gehen dürfen, also jetzt mal mit pointierten künstlerischen, auch gesellschaftlich wichtigen Äußerungen konfrontiert zu sein, das ist für Saudi-Arabien was völlig neues.
Schmitz: In Riad soll es nur ein einziges Kino geben. Aber bleiben wir in Dschidda. Welche Künstler haben denn was gezeigt? Geben Sie uns doch bitte ein paar Beispiele.
Bloch: Na ja, es waren 22 Künstler, darunter neun Frauen. Das war eine richtig große Ausstellung, das müsste man im Einzelnen besprechen. Aber ganz wichtig ist der Künstler Ahmed Mater, der arbeitet mit Röntgenbildern, und das ist kein Zufall: Der Mann ist im Zivilberuf Arzt. Interessant, dass viele dieser Künstler überhaupt noch einen Brotberuf haben. Es gibt einen anderen, Abdulnasser Gharem, der ist Soldat. Ahmed Mater arbeitete mit Röntgenbildern, die er praktisch aus seinem Krankenhaus mitbringt, die er bearbeitet. Da gibt es ein fast ikonisches Bild, das inzwischen auch in Europa relativ bekannt geworden ist, und zwar eine Zapfsäule, eine Benzinzapfsäule an einer Tankstelle mutiert in einer Bilderserie langsam zu einem Menschen, und gleichzeitig hält sich diese Figur an der Zapfsäule den Trichter, also das, wo das Benzin rauskommt, an den Kopf, wie eine Pistole.
Schmitz: Was soll das bedeuten?
Bloch: Das soll offenbar bedeuten, dass wir uns in den Kopf schießen, wenn wir weiterhin nur auf Öl setzen, und das ist natürlich in einem Land, das der größte Erdölexporteur der ganzen Welt ist, ein ziemliches Statement.
Schmitz: Das heißt, kritische Aussagen zur Gegenwart sind durchaus erlaubt?
Bloch: Absolut! Das ist das, was mich auch wirklich überrascht hat. Ich habe gedacht, okay, es gibt sicherlich gute Kunst zu sehen, die Leute werden sich auch interessieren, aber man wird einiges abhängen, und das ist überhaupt nicht passiert. Es ist erstaunlich ernst, wie diese Kunst eben auch gesellschaftliche Bereiche angeht.
Ich gebe Ihnen vielleicht noch ein anderes Beispiel. In einer Kunstaktion hat ein junger Mann beschlossen, Mikrofone an verschiedenen Orten in Dschidda aufzustellen, und die ganz normale Bevölkerung sollte dort die Möglichkeit haben, fünf Minuten in diese Mikrofone hineinzusprechen. Das Ganze wird dann im Internet übertragen, kann also von anderen gehört werden, und das ist natürlich eine völlige Umkehrung von allem, was wir uns über Saudi-Arabien vorstellen. Das ist sehr mutig auch. Der Künstler hat mir erzählt, er müsse auch damit rechnen, dass er Ärger mit der Zensur bekommt, aber er will das machen, er will von verschiedenen Stellen in der Stadt aus praktisch die Stimmen einfangen und sie wieder herausgeben. So etwas gab es überhaupt noch nie.
Schmitz: Und was sagen die Macher selbst von ihrem Anliegen?
Bloch: Die Macher sind sehr zufrieden, weil natürlich bisher das Ganze doch sehr merkwürdig gelaufen ist. Edge of Arabia waren in Saudi-Arabien selber nicht denkbar. Diese Ausstellung wäre noch vor fünf Jahren überhaupt nicht denkbar gewesen. Es gab keine Künstler, die man irgendwie kennen würde, die waren verstreut. Es gab keine Institutionen. Es gab keine Museen - gibt es immer noch nicht -, und es gab auch keine Galerien. Also man hätte sich das gar nicht vorstellen können, die Regierung würde so etwas auch nicht unterstützen, und deshalb waren Edge of Arabia auf die Idee gekommen, diese Grand Tour eben durch Europa zu machen - Istanbul, London, Berlin -, um dort Anerkennung zu bekommen und mit diesem Prestige sozusagen zurückzukehren. Damit hat man dann die saudischen Behörden überzeugt, dass man diese Ausstellung machen solle.
Schmitz: Werner Bloch, vielen Dank für diesen Bericht über die erste Ausstellung der saudi-arabischen Künstlerinitiative Edge of Arabia in Dschidda am Roten Meer.
Werner Bloch, Sie waren bei der Eröffnung der Ausstellung "We need to talk" dabei - in einem prächtigen Museumspalast fand sie ja wohl nicht statt.
Werner Bloch: Nein, ganz und gar nicht. Es gibt auch überhaupt keine Museen in Dschidda und es gibt überhaupt keine Vorrichtungen, die irgendwie etwas mit moderner Kunst zu tun haben könnten. Und deshalb ist man auf die Idee gekommen, diese wichtige, wahrscheinlich die wichtigste Kunstausstellung, die es in dem Land je gegeben hat, in einer halb fertigen Mall zu zeigen, also einem Einkaufszentrum, in dem praktisch noch die Bauarbeiter herumlaufen, und dort hat man praktisch vor unfertigen Wänden, was ja vielleicht auch ein ganz schönes Bild ist, diese moderne Gegenwartskunst gezeigt.
Schmitz: Sollte diese Kunst dort versteckt sein, eben in einem Provisorium, oder war das Ambiente mit Konzept?
Bloch: Das könnte man glauben, aber das glaube ich nicht, denn ich war bei der Eröffnung dabei und ich habe noch nie eine Kunstveranstaltung gesehen, zu der so viele Menschen gekommen sind. Man hat da überhaupt keinen Platz mehr gefunden, das hatte sich wirklich herumgesprochen und halb Dschidda war da auf den Beinen.
Schmitz: Halb Dschidda, das wären 1,5 Millionen. So viele waren es wohl nicht ganz?
Bloch: Nicht ganz, aber es war wirklich sehr, sehr voll und das Interesse, dass es überhaupt mal Kunst gibt, also individuelle Äußerungen in einem Land, das ja sonst völlig unter dem Gesetz der Scharia steht, ein Land, in dem Frauen kein Auto fahren dürfen und in dem Frauen noch nicht mal alleine zum Arzt gehen dürfen, also jetzt mal mit pointierten künstlerischen, auch gesellschaftlich wichtigen Äußerungen konfrontiert zu sein, das ist für Saudi-Arabien was völlig neues.
Schmitz: In Riad soll es nur ein einziges Kino geben. Aber bleiben wir in Dschidda. Welche Künstler haben denn was gezeigt? Geben Sie uns doch bitte ein paar Beispiele.
Bloch: Na ja, es waren 22 Künstler, darunter neun Frauen. Das war eine richtig große Ausstellung, das müsste man im Einzelnen besprechen. Aber ganz wichtig ist der Künstler Ahmed Mater, der arbeitet mit Röntgenbildern, und das ist kein Zufall: Der Mann ist im Zivilberuf Arzt. Interessant, dass viele dieser Künstler überhaupt noch einen Brotberuf haben. Es gibt einen anderen, Abdulnasser Gharem, der ist Soldat. Ahmed Mater arbeitete mit Röntgenbildern, die er praktisch aus seinem Krankenhaus mitbringt, die er bearbeitet. Da gibt es ein fast ikonisches Bild, das inzwischen auch in Europa relativ bekannt geworden ist, und zwar eine Zapfsäule, eine Benzinzapfsäule an einer Tankstelle mutiert in einer Bilderserie langsam zu einem Menschen, und gleichzeitig hält sich diese Figur an der Zapfsäule den Trichter, also das, wo das Benzin rauskommt, an den Kopf, wie eine Pistole.
Schmitz: Was soll das bedeuten?
Bloch: Das soll offenbar bedeuten, dass wir uns in den Kopf schießen, wenn wir weiterhin nur auf Öl setzen, und das ist natürlich in einem Land, das der größte Erdölexporteur der ganzen Welt ist, ein ziemliches Statement.
Schmitz: Das heißt, kritische Aussagen zur Gegenwart sind durchaus erlaubt?
Bloch: Absolut! Das ist das, was mich auch wirklich überrascht hat. Ich habe gedacht, okay, es gibt sicherlich gute Kunst zu sehen, die Leute werden sich auch interessieren, aber man wird einiges abhängen, und das ist überhaupt nicht passiert. Es ist erstaunlich ernst, wie diese Kunst eben auch gesellschaftliche Bereiche angeht.
Ich gebe Ihnen vielleicht noch ein anderes Beispiel. In einer Kunstaktion hat ein junger Mann beschlossen, Mikrofone an verschiedenen Orten in Dschidda aufzustellen, und die ganz normale Bevölkerung sollte dort die Möglichkeit haben, fünf Minuten in diese Mikrofone hineinzusprechen. Das Ganze wird dann im Internet übertragen, kann also von anderen gehört werden, und das ist natürlich eine völlige Umkehrung von allem, was wir uns über Saudi-Arabien vorstellen. Das ist sehr mutig auch. Der Künstler hat mir erzählt, er müsse auch damit rechnen, dass er Ärger mit der Zensur bekommt, aber er will das machen, er will von verschiedenen Stellen in der Stadt aus praktisch die Stimmen einfangen und sie wieder herausgeben. So etwas gab es überhaupt noch nie.
Schmitz: Und was sagen die Macher selbst von ihrem Anliegen?
Bloch: Die Macher sind sehr zufrieden, weil natürlich bisher das Ganze doch sehr merkwürdig gelaufen ist. Edge of Arabia waren in Saudi-Arabien selber nicht denkbar. Diese Ausstellung wäre noch vor fünf Jahren überhaupt nicht denkbar gewesen. Es gab keine Künstler, die man irgendwie kennen würde, die waren verstreut. Es gab keine Institutionen. Es gab keine Museen - gibt es immer noch nicht -, und es gab auch keine Galerien. Also man hätte sich das gar nicht vorstellen können, die Regierung würde so etwas auch nicht unterstützen, und deshalb waren Edge of Arabia auf die Idee gekommen, diese Grand Tour eben durch Europa zu machen - Istanbul, London, Berlin -, um dort Anerkennung zu bekommen und mit diesem Prestige sozusagen zurückzukehren. Damit hat man dann die saudischen Behörden überzeugt, dass man diese Ausstellung machen solle.
Schmitz: Werner Bloch, vielen Dank für diesen Bericht über die erste Ausstellung der saudi-arabischen Künstlerinitiative Edge of Arabia in Dschidda am Roten Meer.