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Liebes-Krisen

Was im Titel so harmlos klingt, ist eigentlich schrecklich und böse: "Liebelei" – Artur Schnitzlers Schauspiel, das er selbst als "rührende Tragikomödie" bezeichnet hat. Am Schauspiel Frankfurt hat der Regisseur Stephan Kimmig die "Liebelei" entstaubt und in die Gegenwart gebracht, wenn auch mit Verlusten.

Von Ursula May |
    Eigentlich sind wir vorgewarnt: Wir müssten mit einer sehr lauten Musikeinspielung rechnen und auch mit stroboskopartig flackernden Lichteffekten: Ein junger Mann im weißen Anzug stellt sich vor uns hin , sein Gesicht sehen wir noch einmal riesengroß als Projektion auf der Bühnenwand. Minutenlang schaut er uns an, bis wir es fast nicht mehr aushalten.

    Dann kommen noch drei: Zwei Männer , zwei Frauen formieren sich - sie beginnen zu zucken, verrenken bizarr die Körper. Es bleibt still. Dann kommen die angekündigte laute Musikeinspielung und grelle Lichteffekte: Jetzt machen die Bewegungen Sinn. Die vier Tänzer gießen sich Wein über und über - Komasaufen in der Disko. Wie , so fragt man sich, will Regisseur Stephan Kimmig von hier wieder zu Schnitzler kommen?

    In dieser Inszenierung sind Theodor und Fritz zwei Studenten aus unserer Zeit: Dass der eine eine verheiratete Frau liebt, passiert ja nicht nur im Wiener Fin de siècle, auch wenn das damals geradezu ein Gesellschaftsspiel war. Und dass der gehörnte Ehemann auftaucht, die Briefe seiner Frau an ihren Geliebten zurückfordert und eine Aussprache will - auch das kommt vor.

    Stephan Kimmig, dem es schon so oft gelungen ist, mit psychologisch genauem Hinsehen überzeugend Stücke aus anderen Epochen in die Gegenwart zu holen, hat kräftig gestrichen. Auf fernsehgerechte 90 Minuten hat er Schnitzlers Liebelei zurechtgestutzt - viele Umständlichkeiten und Verweise auf einen anderen Zeitgeist hat er gestrichen. Das Duell am Ende findet nicht gar nicht statt: Fritz wird bei einer nicht näher bezeichneten Schießerei sein Leben lassen. Ganz von heute ist das Gefühlschaos der jungen Männer: Theodor gespielt von Sascha Nathan geht mit Mitzi aus, eine lockere , unverbindliche Beziehung - und der Fritz von Isaak Dentler versucht, sich mit dem Mädchen Christine zu trösten, denn seine Liaison mit der verheirateten Frau geht ihm nicht aus dem Sinn. Das Frauenbild der beiden steht zwar ganz genauso bei Schnitzler beschrieben - es passt auch auf Machos unserer Tage.

    Stephan Kimmig hat die bittersüße Romanze von Schnitzler radikal entsentimentalisiert: Keine Spur mehr von Wiener Schmäh, von Vorstadtmädelromantik. Die Bühne ist karg, ein Plexiglaskubus mit spärlichstem Mobiliar. Stephan Kimmig versucht, den Stoff für einen Diskurs über die Krise von Identität und Bindung zu nutzen - über tiefsitzende Ängste, Mangel an Empathie und die Schwierigkeit, Intimität auszuhalten. Dabei lotet er aber nicht sehr tief: der Erkenntnisgewinn über die Seelenlage dieser Figuren bleibt gering.

    Manchmal flüchtet sich die Regie in Mätzchen - wenn plötzlich die Diskomusik laut wird, wenn Gefühle Thema werden oder die Schauspieler wild grimassieren müssen. Die Hauptlast dieser Interpretation trägt Christine - das ist das arme Mädel, wie Schnitzler sein Stück ursprünglich nennen wollte -, und in Gestalt von Kathleen Morgeneyer ist sie wirklich ein bedauernswertes Geschöpf. Mit dürren nackten Beinen stakst sie auf die Bühne, erinnert an ein aus dem Nest gefallenes Vögelchen, das man unverzüglich retten und aus den Fängen des sich seiner Gefühle so unsicheren Fritz retten will.

    Doch solch eine Christine will sich nicht retten lassen. Die Unbedingtheit, mit der die Tochter aus kleinbürgerlichem Musikerhaushalt diesen Gelegenheitsstudenten liebt und sich in ihrer Opferrolle einrichtet - sie bekommt in der Inszenierung von Stephan Kimmig fast schon pathologische Züge.

    Der Zuschauer versteht recht schnell, dass dieser Christine nicht zu helfen ist: Und so haben wir zwar Mitleid mit dieser Figur, doch sie bringt uns nicht zum Nachdenken. Immerhin muss sie bei Stephan Kimmig am Ende nicht sterben, aber mit der bitteren Erkenntnis leben, dass sie denn mit all ihren großen Gefühlen für ihn doch nur eine Affäre gewesen ist. Mit großem, auf die Bühnenwand projizierten traurigen Gesicht blickt sie uns am Ende an.

    Schnitzler hat Stephan Kimmig zwar entstaubt, aber das, was ihn ausmacht - die feine Seelenanalyse, der genaue Blick auf die Ambivalenz der Gefühle -, das hat er nicht wirklich in die Gegenwart gebracht.