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StartseiteUmwelt und VerbraucherBesser zu Fuß gehen, als kutschiert zu werden25.08.2016

Schulweg von KindernBesser zu Fuß gehen, als kutschiert zu werden

Wer seine Kinder mit dem Auto zur Schule fährt, tut dem Nachwuchs keinen Gefallen. "Kinder, die selbstständig zur Schule gehen, gewinnen Souveränität im Straßenverkehr, das muss man einfach lernen", sagt Claudia Neumann, Expertin für Spiel und Bewegung beim Deutschen Kinderhilfswerk, im DLF.

Claudia Neumann im Gespräch mit Stefan Römermann

Kinder überqueren einen Zebrastreifen. (picture-alliance / dpa / Georg Wendt)
Kinder überqueren einen Zebrastreifen. (picture-alliance / dpa / Georg Wendt)
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Stefan Römermann: In vielen Bundesländern hat der "Ernst des Lebens" wieder begonnen und auch in den restlichen Bundesländern neigen sich die Sommerferien langsam aber sicher dem Ende entgegen. Die Schule geht also wieder los. Doch wie kommen die Kinder eigentlich zu ihrer Schule hin? - Für viele Eltern ist der Fall klar: mit dem Auto. Der Verkehrsclub VCD und das Kinderhilfswerk wollen das allerdings ändern und starten auch in diesem Jahr wieder die Aktion "Zu Fuß zur Schule und in den Kindergarten". Darüber spreche ich jetzt mit Claudia Neumann, sie ist Expertin für Spiel und Bewegung beim Deutschen Kinderhilfswerk. Frau Neumann, für die Umwelt ist zu Fuß gehen sicher gut und sinnvoll. Aber für die Kinder ist es doch erst mal super bequem, wenn Mama sie mit dem Auto zur Schule bringt, oder?

Claudia Neumann: Das mag bequem sein und vermeintlich denken die Eltern, sie tun ihrem Kind einen Gefallen damit. Aber so ist es bei Weitem nicht, denn Kinder, die selbstständig zur Schule gehen, erlangen damit Selbstständigkeit. Sie können ihren Schulweg eigenständig meistern. Sie gewinnen Souveränität im Straßenverkehr, das muss man einfach lernen. Sie erlangen aber auch Kenntnis von ihrer Wohngegend, ihrem Wohnumfeld. Das kann man einfach nicht von der Rückbank vom Auto in einer Zwei-Minuten-Fahrt lernen, sondern das muss man sich selber auch erarbeiten.

Zudem gelangen Kinder dadurch zu viel mehr Bewegung. Da haben sie ihre erste Bewegungseinheit morgens schon erreicht. Und es ist auch meistens kommunikativer, wenn sie mit ihren Mitschülern zusammen laufen. Dann können sie sich schon mal ausquatschen, wie war das Wochenende, sodass sie eigentlich ausgeruht, ausgequatscht und auch bewegt in den Unterricht starten können.

Römermann: Da muss ich jetzt dann aber doch mal einhaken. Das klingt so, als ob Sie die Kinder auch tatsächlich allein zur Schule gehen lassen möchten, also nicht Mama nimmt sie mit an der Hand, sondern die Kinder allein. Kann man das denn tatsächlich ohne Bedenken machen?

Neumann: Ich denke, das muss man wirklich vom Kind abhängig machen, vom Alter, wie auch das Kind selber drauf ist, wie reif es ist. Uns geht es gar nicht darum, dass man jetzt den Sechsjährigen schon alleine losschickt, sondern es geht darum, dass sie selbstständig, eigenständig laufen können. Das kann damit beginnen, dass sie einfach von Mama begleitet werden, statt von Mama kutschiert zu werden. Und dann kann man schauen: Traut es sich irgendwann den Weg alleine zu, oder geht man vielleicht lieber mit einem Mitschüler, vielleicht auch mit einem älteren Mitschüler, der in der gleichen Straße wohnt.

"Es geht um Selbstständigkeit"

Römermann: Ab wie viel Jahre würden Sie sagen kann man Kinder mehr oder weniger bedenkenlos alleine loslassen? Sie sagen, das kann man nicht immer genau sagen.

Neumann: Nein. Ich denke, ein Achtjähriger sollte das schon schaffen, je nach Umfeld, je nach Reife. Aber wie gesagt, das hängt wirklich von den Umständen ab und von dem Kind. Es gibt auch genug Sechsjährige, die schon wirklich selber laufen und sagen, Mama, es ist peinlich, von Dir begleitet zu werden, ich will das alleine machen, das ist doch gar nicht so weit und das lohnt sich überhaupt nicht, das Auto hochzufahren. Aber das ist ganz individuell. Aber wie gesagt: Es geht nicht darum, alleine; es geht um selbstständig. Man kann Laufgruppen bilden, man kann Schulbusse, diese Walking-Busse mitnutzen. Die funktionieren wie ein Schulbus, bloß eben laufend, die dann auch von einem Elternteil zumindest begleitet werden, aber wo man doch selbstständig sich den Weg erarbeitet und so Souveränität gewinnt und vielleicht irgendwann sagt, nein, jetzt müssen wir gar nicht mehr von Erwachsenen begleitet werden, jetzt gehen wir noch zu zweit oder zu dritt und irgendwann alleine.

Römermann: Ist die Gefahr nicht doch relativ groß, dass man beispielsweise das Opfer von Kriminellen oder von Verkehrsunfällen wird?

Neumann: Opfer von Kriminellen, das kann man sicherlich nie ausschließen. Aber ich glaube, das ist durch die Medialisierung oft wesentlich höhergekocht, als dass tatsächlich Fälle passieren. Das kann man natürlich nie ausschließen, aber dafür muss man entsprechend, auch trotzdem mit dem Kind üben. Irgendwann muss es ja selbstständig sein. Man kann sein Kind ja nicht ewig begleiten. Deswegen gehört es natürlich dazu, dass man mit seinem Kind darüber redet, was passieren kann, und wenn sich ein Kind auch selber unsicher fühlt oder die Eltern das noch nicht zulassen wollen, dann schaut man: Gibt es ein Nachbarkind, mit dem man läuft. Man kann ja sogar sagen, ich bring Dich wenigstens noch bis zum Nachbarskind, natürlich zu Fuß, und dann laufen die beiden gemeinsam los. Ich glaube, da gibt es nicht nur Schwarz und Weiß, da gibt es viele Schattierungen dazwischen und man muss den passenden Weg finden.

Was den Straßenverkehr angeht: Ganz ehrlich, ich glaube, das ist ein selbst gemachter Teufelskreis, weil das Meiste passiert vor den Schulen. Das ist ein selbst gemachtes Verkehrschaos.

"Die meisten Unfälle mit Kindern passieren als Beifahrer bei ihren Eltern"

Römermann: Weil viele Eltern ihre Kinder zur Schule bringen, stauen sich da die Autos, oder?

Neumann: Ja, genau! Die stauen sich, dann hopsen die Kinder schnell mal mitten im Verkehr aus dem Auto raus, obwohl die anderen heranbrausen. Sie gefährden die anderen Kinder, die doch noch gewagt haben, alleine und zu Fuß zu gehen. Teilweise - das liest man ja jetzt auch wieder in den Medien, die ganzen Diskussionen - parken die Eltern sogar auf dem Zebrastreifen. So was geht wirklich gar nicht und damit gefährden sie die ganzen anderen Kinder und auch ihr eigenes mit. Wie gesagt, das ist ein Teufelskreis, und Statistiken sagen, die meisten Unfälle mit Kindern passieren als Beifahrer bei ihren Eltern.

Römermann: Claudia Neumann vom Kinderhilfswerk - vielen Dank für diese Informationen.

Neumann: Gerne doch!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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