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StartseiteForschung aktuell"Das Wikipedia-Schiedsgericht ist nicht mehr arbeitsfähig"19.12.2016

Streit bei Online-Enzyklopädie"Das Wikipedia-Schiedsgericht ist nicht mehr arbeitsfähig"

Das Online-Lexikon Wikipedia steht in Deutschland nicht nur wegen unkorrekter Einträge in der Kritik. Immer mehr Mitarbeiter und Nutzer haben das Gefühl, dass Rechtspopulisten unerlaubten Einfluss auf die Inhalte nehmen. Einem Mitglied des Schiedsgerichts wird ideologische Einseitigkeit vorgeworfen.

Peter Welchering im Gespräch mit Ralf Krauter

Wikipedia (imago stock & people)
Ein Mitglied des Schiedsgerichts von Wikipedia in Deutschland hat sich dazu bekannt als Funktionär der Partei "Alternative für Deutschland" tätig zu sein. (imago stock & people)
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Ralf Krauter: Und um genau diese Online-Enzyklopädie ist ein heftiger Streit entbrannt. Übernehmen Rechtspopulisten Wikipedia in Deutschland? Das fragen sich immer mehr Wikipedia-Mitarbeiter und Nutzer. Anlass für diese Fragen ist der Fall "Magister". Worum geht es da Herr Welchering?

Peter Welchering: Das hat eine längere Geschichte: Im September hat sich ein Mitglied des Schiedsgerichts von Wikipedia in Deutschland, das unter dem Pseudonym "Magister" auftritt, dazu bekannt, dass er als Funktionär der Partei "Alternative für Deutschland" tätig sei. Daraufhin sind zunächst drei Mitglieder des Wikipedia-Schiedsgerichts aus persönlichen Gründen zurückgetreten. In der Wikipedia-Gemeinde wurde das mit Stirnrunzeln vermerkt. Es gab dann weitere Rücktritte. Und jetzt, Mitte Dezember, haben weitere Schiedsrichter ihren Rücktritt damit begründet, dass sie nicht mit einem AfD-Funktionär im Wikipedia-Schiedsgericht zusammenarbeiten wollen. Da läuft gerade eine sehr emotionale Diskussion. Und da geht es auch um Vorwürfe, Schiedsrichter "Magister" habe Einfluss auf die politische Ausrichtung von Wikipedia-Artikel genommen?

Vorwurf der einseitigen Artikel-Arbeit

Ralf Krauter: Was wird dem unter dem Pseudonym "Magister" agierenden Wikipedia-Schiedsrichter da konkret vorgeworfen?

Peter Welchering: Im wesentlichen drei Dinge: Er habe einen Artikel-Autor, der unter dem Pseudonym "PimboliDD" auftritt, geschützt und unterstützt. PimboliDD hatte eine Flut von Artikeln über die Wehrmacht, nationalsozialistische Themen und generell Militärdinge in Wikipedia eingebracht, die sehr umstritten waren und sind. Die Kritik an diesen Artikeln von PimboliDD lautete: "Inhaltlich mangelhaft", "unkritische Zitate von NS-Literatur", "oberflächliche Heldenverehrung", "Extensive Verwendung von NS-Symbolen" in seinen Artikeln. Das hat letztlich dazu geführt, dass der Autor PimboliD gesperrt wurde für die weitere Mitarbeit an Wikipedia. Und Magister wird jetzt vorgeworfen, diese ideologisch einseitige Artikel-Arbeit von Pimboli lange Zeit unterstützt zu haben.

Ralf Krauter: Und der zweite Vorwurf?

Peter Welchering: Da geht es um Artikel von Magister selbst. Zum Beispiel über seine Beiträge zu den Litauerkriegen des Deutschen Ordens. Da wird ihm ideologische Einseitigkeit vorgeworfen. Und damit hat auch der dritte Vorwurf zu tun. "Magister" hat nämlich die Wikipedia-Standards für Quellennachweise kritisiert, wollte die verändern. Da ging es um sogenannte "graue Literatur" im NS-Umfeld.

Ralf Krauter: Politische Einflussnahe auf Wikipedia-Artikel ist nun nicht so neu. Warum ist dieser Streit so brisant?

Peter Welchering: Das Wikipedia-Schiedsgericht ist nach den Rücktritten nicht mehr arbeitsfähig. Im Mai muss neu gewählt werden. Und diese Wahl wird durch den Streit um die Ausrichtung von Wikipedia bestimmt. Dieser Streit wird von mehreren Diskussionen bestimmt, die sich teilweise überlagern.

"Es geht um die politische Einflussnahme auf Wikipedia-Artikel"

Ralf Krauter: Dann lassen Sie uns diese unübersichtliche Lage mal etwas  klären. Worum geht es beim Fall "Magister" genau?

Peter Welchering: Zunächst um die politische Einflussnahme auf Wikipedia-Artikel. Deshalb muss genau aufgeklärt werden, was an den Vorwürfen gegen "Magister" dran ist. Dass aber wollen einige bei Wikipedia nicht, weil sie dadurch z.B. die Vertraulichkeit des Gremiums "Schiedsgericht" verletzt sehen. Wenn der Fall "Magister" geklärt werden soll, muss auf den Tisch, inwieweit der unter diesem Pseudonym auftretende Wikipedia-Mitarbeiter politischen oder sogar ideologischen Einfluss auf Artikel genommen hat. Und dann gibt es noch die Diskussion, ob die Wikipedia-Regeln ausreichen, um genau solch eine politische Einflussnahme auf Artikel zu verhindern.

Ralf Krauter: Was muss nach dem Dafürhalten der Kritiker an diesen Regeln geändert werden?

Peter Welchering: Zum Beispiel die Abschaffung von Mitarbeiter-Pseudonymen für die Artikel-Arbeit. Wer zu Artikeln etwas beiträgt, soll das unter seinem Namen tun. Wer sich in ein Gremium wie das Schiedsgericht wählen lassen will, soll unter seinem wirklichen Namen auftreten. Dann wird darüber diskutiert,  ob nicht strengere Maßstäbe von wissenschaftlichen Enzyklopädien an die Wikipedia-Artikel angelegt werden müssten.

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