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StartseiteKultur heute"Wir sind in eine neue Ära eingetreten"13.05.2014

Urteil zum "Recht auf Vergessen""Wir sind in eine neue Ära eingetreten"

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann sieht in dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes zum "Recht auf Vergessenwerden " im Internet einen entscheidenden Wandel in der Erinnerungskultur. Die westliche Kultur sei bisher von dem Wunsch erfüllt gewesen, erinnert zu werden. Das ändere sich nun, da mit dem Internet die Vergangenheit nicht mehr vergehe.

Aleida Assmann im Gespräch mit Christoph Schmitz

Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann, vor einem Bücherregal, hält sich ihre Zeigefingern an die Schläfe. (dpa/picture alliance/Patrick Seeger)
"Wir müssen eine Technik entwickeln, die uns das Recht auf Vergessen sichert", sagt Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann. (dpa/picture alliance/Patrick Seeger)
Weiterführende Information

Urteil des EuGH - Schallende Ohrfeige für Google (Deutschlandfunk , Kommentar, 13.05.2014)

EuGH stärkt "Recht auf Vergessenwerden" (Deutschlandfunk, Aktuell, 13.05.2014)

Christoph Schmitz: Die europäischen Kulturen leben vom Gedächtnis. Die Museen, die Bibliotheken, die Archive sind voller Erinnerungen, die gesammelt, sortiert und ausgewertet werden, um Vergangenheit, Gegenwart und sich selbst besser zu verstehen. Und jetzt im digitalen Zeitalter wird im Zeichen des Internets aus dem Vergessen eine Tugend. Eine Meisterin der Erinnerungsforschung ist die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann aus Konstanz. "Erinnerungsräume: Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses" lautet eines ihrer Bücher, oder "Der lange Schatten der Vergangenheit: Erinnerungskultur und Geschichtspolitik". War das alte Europa nicht schon immer vor allem ein Gedächtnisraum, habe ich Aleida Assmann zuerst gefragt.

Aleida Assmann: Absolut! Deswegen müssen wir, glaube ich, auch das, was heute passiert ist, als ein wirklich historisches Datum ernst nehmen. Ich sehe da geradezu so etwas wie eine Umpolung, denn die westliche Kultur war weitgehend davon bestimmt, von dem Wunsch, erinnert zu werden. Dass wir inzwischen ein Recht auf Vergessenwerden haben, ist wirklich so etwas wie ein ganz, ganz entscheidender Wandel, und man muss sich fragen, wie kommt dieser Wandel zustande. Ich würde denken, es hat mit einem anderen Zeitbewusstsein zu tun, und das ist ebenso grundlegend, denn bisher hatte die Zeit eigentlich die Aufgabe, für das Vergessen zu sorgen. Das war so etwas wie eine Autohygiene. Die Zeit war der Motor auch des Vergessens, die nahm alles Mögliche wieder mit, und Erinnern war immer gegen den Widerstand des Vergessens gerichtet. Jetzt sind wir in der genau umgekehrten Situation: Im Internet bleiben die Dinge bestehen. Wir haben eine Vergangenheit wirklich, die in dem Sinne nicht mehr vergeht.

Das Internet hat eine "Rückholungsoperation"

Schmitz: Das heißt, wir brauchen wieder eine Hygiene des Vergessens, die es in anderen Zeiten aufgrund der anderen Zeitdimensionen, Zeitrhythmen, Entschleunigung oder Langsamkeit sich von selbst ergeben hat und die es heute nicht mehr gibt, und da, meinen Sie, muss man heute eingreifen?

Assmann: Da müssen wir eingreifen. Da müssen wir eine Technik entwickeln, die uns dieses Recht auf Vergessen sichert, und das Problem ist natürlich dabei, ob das durchsetzbar ist und wie das funktionieren soll.

Schmitz: Aber zuvor würde ich gerne fragen: Das Vergessen - es ist ja nicht nur ein passiver Prozess in einer langsameren Welt, dass man etwas nicht mehr festhalten kann, sondern es war doch auch immer ein aktiver Prozess, oder zumindest ein psychologisch aktiver Prozess, denn nach Krisen neigt der Mensch ja auch zum Vergessen, etwas beiseite zu schieben, um weiterleben zu können.

Assmann: Ja, es gibt ganz unterschiedliche Formen des Vergessens. Es gibt das aktive Vergessen, sagen wir mal, der Täter nach einem politischen Systemwandel, wo dann die Archive geschreddert werden, damit die Dokumente nicht mehr zugänglich werden, die diese Geschichte aufarbeiten, die gerade zu Ende gegangen ist. Das wäre ein aktiver Eingriff. Auf der anderen Seite gibt es vieles, das vergessen werden kann, aber noch in Archiven gespeichert wird.
Das Internet ist aber ganz anders sortiert. Das Internet funktioniert auf Knopfdruck und es kann auf ein Wort hin durchsucht werden und es kann das Wort immer wieder nach oben holen, und diese einfache Rückholungsoperation, die war bisher in dieser Form nicht zugänglich.

Schmitz: Andererseits sagen Sie ja selbst, dass es in der Geschichte immer so war, dass es Automatismen des Vergessens gegeben hat: Psychische Transformationen, aber auch aufgrund der Langsamkeit der Zeit sind Dinge in Vergessenheit geraten. Und wenn ich Sie richtig verstanden habe, sagen Sie ja, dass es auch gut so war, damit dann nicht alles als Masse bearbeitet werden muss, sondern nur das Gefilterte als Rückstand für die Erinnerungskultur zugänglich gemacht werden muss.

Assmann: Genau! Aus diesem Grund gab es immer auch schon einen positiven Begriff des Vergessens. Insofern ist das nichts ganz Neues, denn jeder Neuanfang ist nur möglich, wenn wir die Vergangenheit auch hinter uns lassen können. Bert Brecht hat ein Gedicht über das Lob des Vergessens geschrieben, und da fragt er sich, wie würden wir überhaupt jeden Morgen noch mal aufstehen können, wenn wir alles wüssten, was wir gespeichert haben, an Schmerzen und Verlusten. Also wir müssen eine Unbefangenheit auch immer wieder aufbauen.

"Mit einer ganz neuen Umwelt auseinandersetzen"

Schmitz: Zur gleichen Zeit muss man ja sagen, das Internet hat nun wahnsinnige Datenmengen, Myriaden von Informationen. Sinnvoll wäre es doch auch hier, wenn es in diesem Datenmeer einen Algorithmus gäbe, der sortieren, ordnen würde.

Assmann: Diesen Algorithmus gibt es und wir haben ja auch überall die Möglichkeiten, mit unseren Fragen da ranzugehen und die Informationen zu sortieren. Aber das Internet selbst stellt uns keinen Algorithmus zur Verfügung, der die Informationen bewertet, und das ist etwas, was die Menschen tun müssen. Und die Frage ist letztlich dann, ob die Menschen wirklich noch in der Lage sind, das in den Griff zu bekommen und diese neue Richtlinie auch umzusetzen.

Schmitz: Sie klingen eher skeptisch. Das heißt, man müsste im Grunde diese Autobahn verlassen?

Assmann: Ja. Die wird man auch nicht verlassen können. Wir müssen uns mit einer neuen Umwelt auseinandersetzen, und das, denke ich, ist auch ein Problem, was jetzt nicht nur die Richter haben und die Informatiker, sondern die ganze Gesellschaft. Wir sind in eine neue Ära eingetreten.

Schmitz: ..., sagt Aleida Assmann über das Netz und das Recht auf Vergessen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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