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20 Diktaturopfer spielen die Antigone

"Antigona Oriental" zeigt den Kampf zwischen dem Recht des Einzelnen auf Gerechtigkeit und dem Recht des Staates am Beispiel der Militärdiktatur in Uruguay. Im Mittelpunkt stehen 20 Frauen aus der Widerstandsbewegung.

Hartmut Krug im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich | 29.01.2012
    Burkhard Müller-Ullrich: Der Theatermacher Volker Lösch ist bekannt für sein politisches Engagement. Mal holt er entlassene Straftäter auf die Bühne, mal streitet er gegen den Stuttgarter Bahnhofsneubau. Dass er sich jetzt im fernen Uruguay mit Opfern der dort einst herrschenden Militärdiktatur befasst, und dass Sie, Hartmut Krug – guten Tag übrigens –, jetzt über Löschs Antigone-Inszenierung in Montevideo berichten, das hat aber auch einen biografischen Hintergrund, nicht wahr?

    Hartmut Krug: Ja, es ist weniger der biografische Hintergrund von Volker Lösch, der hier sechs Jahre in seiner Jugend gelebt hat und direkt vor dem Ausbruch der Militärdiktatur, die ja zwischen '73 und '82 in Uruguay herrschte, ausgereist ist mit seinen Eltern. Sondern es ist eine Initiative von Theaterleuten aus Montevideo, die gemeinsam mit dem Goethe-Institut überlegt haben, wie sie einen modernen politischen Theatermacher zu einer Mitarbeit bewegen können. Also, es ist wirklich eine Initiative, die ausgegangen ist hier von Montevideo.

    Und dass dann Volker Lösch auch noch hier gelebt hat und auch noch den Hintergrund von vielen Dingen hier kannte, machte sich dann sehr positiv bemerkbar. Also, man ist nach Deutschland gefahren, hat sich Inszenierungen von ihm angesehen, er ist hier hergekommen, hat sich hier informiert. Und dann hat man gemeinsam erst dieses Thema gefunden, was jetzt die Militärdiktatur beziehungsweise die Opfer der Militärdiktatur angeht, die endlich sich selber melden und die Öffentlichkeit suchen und sagen, wir müssen gehört werden, was ist uns widerfahren.

    Müller-Ullrich: Jetzt kommt aber noch die griechische Antike ins Spiel, denn man hat sich Sophokles' "Antigone" vorgenommen – ein Stück, das ja öfter mal in der Hinsicht aktualisiert wird auf unseren Theaterbrettern, dass man eine Militärdiktatur irgendwie als Hintergrund ausstellt.

    Krug: Ja. Das ist jetzt aber hier nicht platt gemacht, sondern ich müsste mal die Szene beschreiben. Es beginnt nämlich dieser Abend, der übrigens eine freie Produktion ist, auch wenn sie im größten Haus, dem Teatro Solís, in Montevideo - mit über 1.000 Sitzen das größte Theater Uruguays – stattfindet, ist es doch eine freie Produktion mit ganz wenig Geld. Und das heißt, das einzige Bühnenbild sind 20 Stühle für 20 Frauen, die aus der Widerstandsbewegung der Linken-Bewegung kamen, die alle im Knast gesessen haben, eventuell sehr gefoltert worden sind, ihre Familien sind zerbrochen. Und am Anfang sitzen sie ganz im Hintergrund im Dunkeln und kommen dann, indem sie ihre Biografien vortragen, die nicht die jeweiligen der jeweiligen Personen sind, sondern Biografien von allen möglichen Frauen, die in diesem Chor in verschiedenen Schattierungen miteinander reden. Und kommen immer weiter nach vorne an die Bühne, bis sie sich endlich ins Licht gewagt haben. Und der gesamte Chor ist ja eigentlich dann die Antigone. Es gibt aber auch eine junge Schauspielerin, die die Antigone spielt. Und wenn sie dann vorne sind und von sich geredet haben, dann wird eben ganz deutlich lange Passagen von der antiken Antigone gespielt, wo es wirklich darum geht, das Recht des Einzelnen auf Gerechtigkeit und das Recht des Staates gegeneinanderzusetzen.

    Müller-Ullrich: Wie ist das denn ästhetisch gelungen?

    Krug: Ästhetisch finde ich das sehr erstaunlich, wie stark die 20 Frauen sind. Es sind natürlich Schicksale, die fürchterlich sind, die dann öffentlich werden. Ihnen gegenüber gibt es drei Männer, die den Kreon spielen, um wenigstens ansatzweise etwas gegen diese Kraft zu setzen. Und dazu gibt es natürlich dann auch noch eine Auseinandersetzung mit diesen Kreons und dem Machismo, der ja ganz stark auch diese ganze politische Situation bestimmt.

    Und ästhetisch ist es so gelungen, dass dem Publikum hier gestern Abend bei dieser Premiere, was ein Sensationserfolg war – so viel Applaus muss es hier noch überhaupt nicht gegeben haben – es wirklich sehr nahe ging, weil Forderungen, die die Politiker sagen, in die Situation der Antigone hineingearbeitet worden sind und weil sehr szenisch gearbeitet worden ist, sehr mit Lichtregie, weil ja es überhaupt kein Bühnenbild.

    Und gar nichts gab und weil die Kraft der verschiedenen Konstellationen der Figuren, auch der jungen Antigone oder der Ismene, die aus dem Publikum dann kommt, weil das alles eine wirklich ästhetische Kraft entfaltet aus der Genauigkeit des Spiels und der dramaturgischen Montage.

    Wobei ich sagen muss, das ist ja nicht nur Volker Lösch. Es gibt eine Regisseurin und Autorin, eine bekannte hier im Lande, Marianella Morena, die hier als Dramaturgin tätig war und viele Passagen sehr poethisch formuliert hatte. Es ist also nicht nur dieses einfache Wort-Staccato von Lösch, sondern es ist wirklich auch eine poethische Inszenierung.

    Müller-Ullrich: Vielen Dank! - Das war Hartmut Krug in Montevideo, wo es jetzt 14.45 Uhr am Nachmittag und auf alle Fälle sehr heiß ist.