Freitag, 01. Juli 2022

4. Sportkonferenz des Deutschlandfunks
Deutschem Spitzensport droht das Mittelmaß

Braucht der deutsche Spitzensport, um Erfolg zu haben, einen Staatssport à la DDR? Auf der 4. Sportkonferenz im Deutschlandfunk diskutierten Experten, inwiefern die Förderstruktur in der DDR dem Leistungssport als Vorbild dienen könnte. Einig war man sich vor allem in einem Punkt: Der Sport brauche mehr Geld.

Von Jonas Reese | 02.10.2014

Die Triathletin Annika Vössing, im Hintergrund ist Christoph Niessen vom Landessportbund NRW zu sehen
Die Triathletin Annika Vössing bei der 4. Sportkonferenz des Deutschlandfunks, im Hintergrund Christoph Niessen vom Landessportbund NRW. (DLF / Jessica Sturmberg)
"Neben meinem Medizinstudium habe ich meistens Frühtraining, dann geht's zur Uni, und nach der Uni wieder Training und Lernen. Also meistens ist der Fokus wirklich auf dem Sport und auf der Uni, also ein wirkliches Privatleben ist dann fast gar nicht mehr möglich."
"Also ich bin in der achten Klasse zur Sportschule gekommen. War zusammen mit 14 anderen in der achten Klasse, im Abitur waren wir zu fünft. Und ich konnte in drei Jahren mein Abitur machen. Hab dann studiert und mein Lektor kam zu mir in die Sportschule. Also das ist wirklich heute gar nicht mehr vergleichbar."
Zwei Systeme, zwei unterschiedliche Bedingungen. Die junge Triathletin und Medizinstudentin Annika Vössing aus Oberhausen in Westfalen. Und Henry Maske, Weltmeister und Olympiasieger im Boxen, großgeworden im DDR-Sportsystem.
Von der DDR-Förderstruktur lernen
Braucht der deutsche Spitzensport also um Erfolg zu haben, ein Staatssport a la DDR? Für Dagmar Freitag Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag ist die Antwort klar:
"Ich möchte keine Staatssportler, ich stelle mir schon vor, dass es durchaus Sinn macht, dass es zusätzlich zu der staatlichen Förderung weitere Elemente geben kann. Ich wünsche mir da eher ein konstruktives Miteinander aller handelnder Akteure im Sport."
Da hätte man aber durchaus von der Förderstruktur in der DDR lernen können, meint Ferdinand Kösters. Er war Referatsleiter im Bundesinnenministerium und mit zuständig für die Fusion beider Sportsysteme nach dem Fall der Mauer:
Neben Geld fehlt es an gesellschaftlicher Debatte
"Ich bin der Meinung, wenn man Erfolg im Sport hatte, dann hätte man, wenn es zu einer Vereinigung kommt, die Strukturen, die vorhanden waren, so sichern müssen, dass ein gewisses Level, ein bestimmtes Niveau des Erfolgs erhalten geblieben wäre und das hat man versäumt."
Heute braucht der Sport mehr Geld, da scheint man sich einig. Sonst droht Deutschland das Mittelmaß. Der Vorsitzende des Landessportbundes Nordrhein Westfalen Christoph Niessen erklärt warum:
"Ist doch einfacher als das kleine Einmaleins. Es gibt drei Bestandteile: Ich habe eine steigende globale Konkurrenz mit steigenden Investitionen. Und ich habe ein stagnierendes bis schrumpfendes deutsches Budget. Und ich habe einen Erfolgsanspruch X. Und wenn ich dieses X halten will: Das funktioniert nicht, diese drei Dinge passen nicht übereinander."
Doch Geld kann nicht die einzige Lösung sein. Vielmehr fehle es an einer gesellschaftlichen Debatte. Eine Debatte darüber, was die Gesellschaft vom Sport erwartet. Der ehemalige Boxer Henry Maske und heutige Gesellschafter der neuen "Deutschen Sportlotterie" macht sich da keine Illusion:
Staatliche Förderung für Siege notwendig
"Wir wollen Spitze sein. Wir wollen nicht weniger Spitze sein als bei den letzten Olympischen Spielen, sondern wir wollen mehr Spitze sein, um der Diskussion aus dem Weg zu gehen, was haben wir vernachlässigt, was haben wir nicht getan, worüber haben wir beim letzten Mal diskutiert, was können wir zukünftig machen."
Die Sportausschussvorsitzende Dagmar Freitag fordert dagegen ein etwas weiteres Blickfeld:
"Ich bin der festen Überzeugung, dass wir eben auch dahin kommen müssen, einen Platz vier, Platz fünf, Platz sechs bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen auch als Gesellschaft entsprechend wertzuschätzen."
Doch selbst ein Platz unter den ersten zehn wird nur mit staatlicher Förderung zu erreichen sein.