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40 Jahre taz
Digital statt radikal?

Einst ein Sammelsurium linker Ansichten ist die taz längst erwachsen geworden. Zum Jubiläum zieht sie in einen modernen Neubau - und will dort vor allem Online-Projekte vorantreiben.

Von Michael Meyer | 27.09.2018
    11.09.2018, Berlin: Redaktionsraum der taz - die tageszeitung. Die Tageszeitung ist eine überregionale deutsche Tageszeitung. Sie wurde 1978 als alternatives, selbstverwaltetes Zeitungsprojekt gegründet.
    1978 wurde die taz als alternatives, selbstverwaltetes Zeitungsprojekt gegründet. (dpa/ Carsten Koall)
    Die Geschichte der Zeitung ist lang und kann aus allen möglichen Blickwinkeln erzählt werden - was derzeit erneut in einem dicken, mehrere Kilo schweren Jubiläumsbuch geschieht. Einer der bekanntesten Mitbegründer der taz ist Hans-Christian Ströbele, Anwalt, Aktivist und langjähriger Bundestags-Abgeordneter der Grünen. Ströbele erinnert sich an die Anfänge:
    "Was wir wollten war immer eine undogmatische, das war ganz wichtig, weil damals gab es ja die vielen K-Gruppen, die auch Publikationen hatten, das sollte es nicht werden, wir wollten eine undogmatische, linke, radikale Tageszeitung."
    Legendäre Überschriften
    Radikal war man vor allem im ersten Jahrzehnt des Bestehens - so radikal, dass es immer mal wieder Rügen des Presserats gab und auch Ärger mit Ermittlungsbehörden, die sich sehr für die Nähe der Redaktion zur damals aktiven Hausbesetzerszene interessierten. Legendär waren von jeher auch die Überschriften der taz. 1989 zum Mauerfall etwa: "Die Mauer fällt - wann geht Kohl?" Oder 2004 zur Einführung von Hartz IV über Kanzler Schröder: "Kanzler der Hartzen".
    Doch die Radikalität hat im Laufe der Jahre stark abgenommen. Schon lange kritisiert der Mitbegründer Hans-Christian Ströbele, dass ihm viele Texte zu mainstreamig daherkommen. Es gebe seiner Ansicht nach zu wenig wirklich kontroverse Standpunkte im Blatt: "Da vermisse ich in der taz, in dem Maße, dass man es auch wahrnimmt, auch ganz andere Sichten veröffentlicht werden, geschrieben werden, das vermisse ich."
    Der Trump-Effekt bleibt aus
    Allerdings ist die Frage, ob eine zunehmend fragmentierte Gesellschaft, die oft nicht mehr nach dem Muster klassisch links und rechts funktioniert, noch vergleichbar ist mit der Zeit von vor zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren. Festzuhalten bleibt: Trotz einer zunehmend polarisierten Gesellschaft, die sich vor allem auf der rechten Seite radikalisiert - Stichwort AfD und Pegida - können linke Zeitung in Deutschland nicht von einem Trump-Effekt profitieren. Die linken Titel, und das betrifft nicht nur die taz, stagnieren oder verlieren sogar an Auflage.
    Der Chefredakteur der taz, Georg Löwisch, sagt zwar, dass in ereignisreichen Wochen, wie rund um die Ereignisse in Chemnitz, deutlich mehr Zugriffe auf die Website zu verzeichnen sind. Aber: "Was es tatsächlich nicht gibt, ist, was es in den USA gab: Trump wird gewählt, und sofort steigen die Auflagen von 'New York Times' und 'Washington Post'. Das gibt es in Deutschland nicht, wahrscheinlich weil die Situation dann doch nicht so bedrohlich gesehen wird. Ich glaube, da müsste jetzt noch mehr passieren, was ich natürlich auch nicht hoffe, dass es da diesen Kick gibt, den es in den USA gab."
    Neue Projekte im neuen Haus
    Zum Jubiläum schenkt sich die taz nun ein 23 Millionen Euro teures Gebäude, das vor allem durch die 18.000 Mitglieder der taz-Genossenschaft finanziert wurde. Im neuen Haus soll auch die Produktion von Podcasts oder Videos möglich werden. Diese Mittel will die taz künftig stärker nutzen. Kürzlich schalteten sich beispielsweise 100.000 Nutzer während eines Reporter-Livestreams von einer Demo in Köthen ein.
    So etwas wünsche er sich noch mehr, sagt Georg Löwisch: "Das ist irre, man kann live dokumentieren, was wo genau passiert. Und hinterher gibt es keinen Zweifel und keine Diskussionen drum, wie zum Beispiel bei Chemnitz, was da passiert ist. Also das ist schon eine Möglichkeit, dass man sozusagen die Welt mit Köthen verbindet und da 100.000 Leute bei so einer Demo zuschauen."
    "Wir wollen uns von diesem System befreien"
    Doch digitale Projekte kosten auch Geld - Geld, das die taz nicht im Überfluss hat. Zwar macht die Zeitung jedes Jahr mehrere hunderttausend Euro Gewinn, aber davon lässt sich nicht alles finanzieren.
    Karl-Heinz Ruch ist Geschäftsführer der taz, und hat seit Jahrzehnten einen strengen Blick auf die Kassen der Zeitung. Nächstes Jahr will er in den Ruhestand gehen und schreckte kürzlich Leser, Redakteure und Genossen auf mit einem Szenario, voraussichtlich in drei Jahren die werktägliche gedruckte Ausgabe der taz einzustellen:
    "Es ist unvermeidbar, weil die gedruckte tägliche Ausgabe kontinuierlich zurückgeht, weil niemand mehr heute täglich gedruckte Zeitungen abonniert und damit die Erlöse immer geringer werden, die Kosten steigen und das System immer unzuverlässiger wird. Und wir wollen uns von diesem unzuverlässigen System befreien."
    "taz Digital" heiße eben auch: deutlich weniger Vertriebs-Kosten und ein günstigeres Abo für die Leser, so Ruch. Er sei da gar nicht pessimistisch, dass die taz auch in zehn Jahren noch gut dastehen werde. Aber das leidige Thema Geld und Finanzen bleibe der Zeitung mit Sicherheit erhalten: "Auch im Netz - Journalismus kostet immer Geld. Dass etwas nichts kostet, das gibt es gar nicht. Es kostet etwas und es muss auch bezahlt werden."