Donnerstag, 01. Dezember 2022

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Abitur in NRW
G8: Es gibt gute Gründe

Was wird aus dem Abitur in Nordrhein-Westfalen? Bei G8 bleiben? Zurück zu G9? NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) möchte diese Frage im Dialog mit allen Beteiligten lösen – an einem Runden Tisch. Für die Wirtschaft nimmt Franz Roggemann von der IHK NRW teil. Er sagte im Deutschlandfunk: G8 muss bleiben.

Franz Roggemann im Gespräch mit Jörg Biesler | 05.05.2014

    Gymnasiallehrerin Theresa Neudecker sitzt in einem Gymnasium in Straubing / Bayern vor einer Tafel mit der Aufschrift "G8" und "G9".
    Wie lang soll die Schulzeit dauern? Die Debatte um das "Turbo"-Abitur reißt nicht ab. (picture alliance / dpa)
    Jörg Biesler: Die Bundesländer denken derzeit darüber nach, ob das eigentlich so eine gute Idee war, die Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre zu verkürzen. Wir haben häufig darüber berichtet hier bei "Campus und Karriere". Niedersachsen ist bereits zurückgerudert, Hessen lässt den Schulen die Wahl, in NRW will Schulministerin Sylvia Löhrmann heute an einem Runden Tisch in der Landeshauptstadt Düsseldorf prüfen, ob der Konsens von Schulen, Wirtschaft, Schülern und Eltern noch hält. Vor allem die Eltern und Schüler, so zeigen Umfragen, wollen zurück zu G9, G8 nämlich, so meinen sie, mache Stress. Franz Roggemann ist Geschäftsführer der IHK Nordrhein-Westfalen, spricht für die Wirtschaft, auch heute am Runden Tisch in Düsseldorf. Guten Tag, Herr Roggemann!
    Franz Roggemann: Guten Tag!
    Biesler: Viele Eltern und Schüler, ich habe es gerade gesagt, finden G8 stressig. Sie wollen trotzdem das Abitur nach zwölf Schuljahren. Warum?
    Roggemann: Als die Verkürzung der Gymnasialzeit eingeführt wurde, hatte man dafür gute Gründe. Die deutschen Schulabgänger sind im internationalen Vergleich zu alt und die Deutschen arbeiten im internationalen Vergleich zu wenig, sie fangen zu spät an zu arbeiten. Diese Gründe gelten nach wie vor, und deswegen halten wir am G8 fest.
    Biesler: Was ist für Sie der Vorteil, wenn die Berufsanfänger jünger sind?
    Roggemann: Sie stehen der Wirtschaft früher als Fachkräfte zur Verfügung, das ist der wesentliche Vorteil, und können vor allen Dingen auch länger ... Also damals hat man auch das Thema Rentenkassen und so weiter diskutiert, wie die finanziert werden können, und um auf 45 Beitragsjahre zu kommen, was ja heutzutage auch in der Diskussion ist, da muss man eben ... Wenn man erst spät anfängt nach Abitur und Studium, dann kommt man da nur schwer drauf.
    "Handwerklich nicht optimal umgesetzt"
    Biesler: Also die Gründe liegen eigentlich alle außerhalb der Schule. Das hat mit der Schule nichts zu tun, dass sie meinen, die funktioniert besser in acht Jahren, sondern die gesellschaftlichen, sagen wir mal, auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind so, dass die Wirtschaft der Auffassung ist, die Schüler müssen früher ans Arbeiten kommen?
    Roggemann: Genau, wobei wir natürlich auch sehen, dass G8, ich sage mal, handwerklich nicht optimal umgesetzt wurde. Also wenn man die Klagen über die hohe Belastung der Schüler hört, die kommen ja nicht von ungefähr, und da ist schon die Frage, ob man da inhaltlich an die Entschlackung der Lehrpläne mal rangehen muss und da gucken muss, ob man das nicht auch sinnvoller umsetzen kann. Aber nichts desto trotz: G8 an sich halten wir für richtig.
    Biesler: Haben Sie denn eigentlich selber Kinder auf der Schule oder Erfahrungen mit Eltern, die Ihnen berichten können, wie das in den Schulen aussieht? Also was haben Sie da für ein Bild?
    Roggemann: Unmittelbare Erfahrung habe ich nicht, ich habe selbst kein schulpflichtiges Kind. Man hört natürlich hier und da, was so die Eltern erzählen, wir sind auch in Kontakt mit der einen oder anderen Landeselternschaft hier auf Landesebene in Düsseldorf. Also ich habe jetzt zum Beispiel gerade eine Zeitschrift der Gymnasialeltern vor mir liegen, die sich gegen eine Rolle rückwärts, wie sie es ausdrücken, beim G8 aussprechen. Wir sind da schon auch mit den Eltern in Kontakt. Das Gefühl der Überforderung, das hört man an vielen Stellen, wobei die Frage ist, ob die Lösung ist, zum G9 zurückzukehren, denn wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, gab es auch damals Diskussionen, dass die Schüler überfordert seien. Vermutlich ist diese Diskussion so alt wie die Schule selbst. Und das heißt also, ist die Frage, ob die Rückkehr zum G9 ein taugliches Mittel wäre, die Überforderung der Schüler zu beheben, und ob man da nicht lieber inhaltlich rangeht und an die Lehrpläne rangeht. Das scheint mir sinnvoller zu sein.
    Eine andere Art von Schule?
    Biesler: Sie haben es gerade selber gesagt: Viele Probleme wurden auch einfach dadurch verursacht, dass die handwerkliche Umsetzung schwierig war, weil sie auch in unglaublich kurzer Zeit erfolgen musste. An der Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen kann man weiter in neun Jahren Abitur machen, die Möglichkeit grundsätzlich gibt es also in Nordrhein-Westfalen. Wäre das jetzt nicht vielleicht mal eine Chance, die Diskussion zu nutzen und zu sagen: Eigentlich finden auch wir – ich denke, das ist auch bei der Wirtschaft Konsens –, dass die Schulausbildung sich verändern sollte, dass sie aus den Klassenräumen raus sollte, dass sie andere Lernformen möglich machen sollte, all das machen uns ja auch andere Länder vor und schneiden dabei ziemlich gut ab, und dass man sagt, G9 führen wir jetzt wieder ein, und das Jahr, was wir da aus Ihrer Sicht verlieren, das nutzen wir aber, um andere Erkenntnisse zu gewinnen außerhalb derer, die normalerweise so positiv zu vermittelndes Wissen sind? Also wir gehen raus, wir machen eine andere Art von Schule? Das wäre ja auch vielleicht für Sie sinnvoll, weil die Kinder dann mehr können.
    Roggemann: Ja, da erwischen Sie mich so ein bisschen auf dem falschen Fuß, denn ich sage mal, die detaillierten Inhalte, wie Unterricht gemacht wird, da kenne ich mich nicht aus. Neue Formen – grundsätzlich ist es nie verkehrt, wenn man über neue Formen von Unterricht nachdenkt, aber da kann ich mich inhaltlich nicht in aller Tiefe zu äußern.
    Biesler: Was sind denn Ihre Argumente, die Sie heute mit an den Runden Tisch bringen?
    Roggemann: Das, was ich Ihnen gerade schon gesagt habe: Die Gründe, warum man G8 eingeführt hat, sind nach wie vor aktuell und die gelten nach wie vor. Wenn G8 in der Umsetzung nicht optimal ist, heißt es nicht, dass es im Grundsatz schlecht ist. Und ein ganz wichtiger Grund noch: Wenn wir jetzt tatsächlich das Rad zurückdrehen sollten und zu G8 zurückkommen würden, droht der komplette Ausfall eines Abiturjahrgangs vom Gymnasium. Wir reden ja noch vom doppelten Abiturjahrgang, der letztes Jahr die Schule verlassen hat aufgrund von der Umstellung zu G8, und wenn man jetzt das Rad zurückdreht, hätte man plötzlich ein Jahr, wo gar keiner Abitur macht am Gymnasium. Und das wäre natürlich vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und den Schwierigkeiten der Betriebe, geeignete Bewerber zu finden, wäre das natürlich fatal, weil dann ja ein Jahr lang noch weniger Bewerber zu Verfügung stünden.
    Biesler: Heute Nachmittag sitzt Franz Roggemann von der IHK Nordrhein-Westfalen mit am Runden Tisch der nordrhein-westfälischen Schulministerin, wo darüber nachgedacht werden soll, ob es noch einen Konsens gibt in Nordrhein-Westfalen für das G8. Danke, Herr Roggemann!
    Roggemann: Danke!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.