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Abseits des Mainstreams

In den frühen 80er-Jahren wurden elektronische Instrumente handlicher und preiswerter. Weltweit wurde Musik in Heimstudios produziert und mit Kassetten aufgenommen. Veronica Vasicka sammelt diese seit 20 Jahren und veröffentlicht sie inzwischen unter ihrem Lable Minimal Wave.

Veronica Vasicka im Gespräch mit Jumoke Olusanmi | 31.03.2012
    Veronica Vasicka: Die Musik basiert auf Drum Machines und Synthesizern. Minimal Wave zeichnet sich vor allem durch reduzierte musikalische Strukturen aus. Durch die Einschränkungen! Man kann hören, dass diese Aufnahmen nicht professionell im Studio gemacht wurden. Es waren Produktionen von Hobbymusikern, für die Musik ein Weg war, sich auszudrücken.

    Jumoke Olusanmi: Sie sprechen von Hobbymusikern. Ging es diesen Leuten also nicht darum, mit ihrer Musik ein bestimmtes Publikum zu erreichen?

    Vasicka: Es waren Außenseiter-Künstler, die abseits des Mainstreams agierten und keiner großen Öffentlichkeit bekannt waren. Sie verarbeiteten eine Vielzahl musikalischer Einflüsse und machten sich keine Gedanken darüber, wie besonders das war. Sie haben es einfach getan, die Musik lediglich für sich selbst produziert. Vor allem das ist ein wichtiger Aspekt, wie ich finde. Sie haben nicht in Genres gedacht, als sie die Musik gemacht haben und es war ihnen auch nicht bewusst, dass es neben ihnen auch andere gab, in anderen Städten, die ähnlich gearbeitet haben. Der künstlerische Selbst-Ausdruck war die einzige Grundlage ihrer Arbeit.

    Olusanmi: Wenn ich mir die neue Minimal Wave Kompilation anhöre, kommt es mir heute so vor, als hätte man damals den Sound der Zukunft vorwegnehmen wollen.

    Vasicka: Es gab ein weitverbreitetes Interesse an Science-Fiction, Dadaismus und Surrealismus. Oft beschäftigen diese Künstler sich mit einer Reihe von Fragestellungen im Hinblick auf die Zukunft. Es ist interessant, denn diese Bands haben Musik gemacht, die man nicht ohne Weiteres einordnen konnte. Die Band In Aeternam Vale aus Frankreich zum Beispiel hat 1987 schon Techno produziert. Sie waren ihrer Zeit weit voraus.

    Anfangs habe ich noch versucht, den Sound der Originalquellen zu säubern. Mittlerweile repariere ich allenfalls beschädigte Bänder und versuche nur noch den Klang wiederherzustellen, den die Künstler beabsichtigt haben, statt der Musik ihren Charakter zu nehmen.


    Olusanmi: Die Musik, die Sie auf Ihrem Label Minimal Wave veröffentlichen, ist zum Teil schon über 30 Jahre alt. Ich nehme an, dass viele der Künstler nicht mehr aktiv sind. Gab es Musiker, die nach einer Wiederveröffentlichung auf Ihrem Label ihre Karrieren wieder aufgenommen haben?

    Vasicka: Ja, sogar einige. Einer der Künstler, der vor kurzem hier in New York einen Auftritt hatte – "Das Ding" aus Holland – hatte schon lange keine Musik mehr gemacht. Nachdem wir aber 2009 die alten Stücke wieder veröffentlicht hatten, bekam er immer häufiger Anfragen von Veranstaltern. Jetzt hat "Das Ding" wieder ein Set zusammengestellt und vor kurzem sein erstes Konzert in den USA gegeben.

    Olusanmi: Auf Minimal Wave bringen Sie vorwiegend europäische Synthesizer-Musik heraus – gab es in den USA denn nicht so eine große Szene?

    Vasicka: Es gab eine ganze Menge Synthesizer-Musik, die in den 80er-Jahren in den USA veröffentlicht wurde, aber sie hatte eine andere Ästhetik als die europäische. Und ich fühle mich einfach zu der europäischen Ästhetik hingezogen.

    Olusanmi: Würden Sie sagen, dass es einen Unterschied gibt, zwischen – sagen wir – deutscher und belgischer Synthesizer-Musik?

    Vasicka: Das belgische Material ist romantischer und nicht so hart wie das deutsche. In der belgischen Synthesizer-Musik kann man interessanterweise immer auch den Einfluss der damals aktuellen Veröffentlichungen des britischen Factory Records Labels aus Manchester hören – aber eben auf die belgische Art. Das ist faszinierend.

    Olusanmi: Soweit ich weiß, kamen Sie über das Radiohören mit Musik in Kontakt. Waren Sie damals schon an einem bestimmten Sound interessiert?

    Vasicka: Ja, im Alter zwischen 11 und 14 Jahren habe ich Mixtapes von Radiosendungen gemacht. Viel Synthesizer Musik, Indie, Underground, New Wave. Wenn ich das Radio eingeschaltet habe, dachte ich immer, diese Musik würden alle hören.

    Olusanmi: Gab es für sie in dem Alter außer dem zufälligen Radiohören noch andere Berührungspunkte mit Musik?

    Vasicka: Zu dieser Zeit war ich in einem Kassetten-Klub und bekam jeden Monat per Post eine Kassette zugeschickt. Aber mit dem Sammeln habe ich etwas später angefangen: Mit 15 fing ich an, in einem Plattenladen zu arbeiten. Dort habe ich die Musik von Throbbing Gristle und andere Veröffentlichungen vom britischen Industrial Records Label kennengelernt. Auch Mute Records und die ganze Welt des dunklen Synth-Pop wurde mir dort näher gebracht. Und dann bin ich recht schnell in die Materie eingestiegen.

    Olusanmi: Sie waren damals ja noch ein Teenager. Gab es fand denn über das Musikhören und –sammeln hinaus auch Kontakt zu einer Musik-Szene in New York?

    Vasicka: Ich bin auf Konzerte gegangen. Und dafür aus dem Haus geschlichen. Wir waren damals 14, 15 Jahre alt, und ab 23 Uhr galt eine gesetzliche Ausgangssperre für Teenager. New York war zu dieser Zeit ein gefährlicher Ort. Ich habe also so getan als würde ich zu Hause bleiben, um mich dann später – um Mitternacht aus dem Haus zu schleichen.

    Olusanmi: Wo in New York fanden die Veranstaltungen statt, die sie heimlich besuchten? Brooklyn, ist heute recht bekannt für seine Musikszene, spielte dieser Stadtteil schon vor 20 Jahren eine Rolle?

    Vasicka: Sie waren im East Village und in der Lower East Side von Manhattan. Ich erinnere mich aber auch in Brooklyn in leerstehenden Lagerhallen gewesen zu sein. Dort veranstalteten Teenager Partys in besetzten Häusern. Williamsburg – ein Teil von Brooklyn – nicht weit von meiner Wohnung, in der wir gerade sind, war ein verlassenes, verwahrlostes Industriegebiet. Dort haben wir unsere Partys gefeiert. New York war einfach ein völlig anderer Ort damals.

    Olusanmi: Heute ist Williamsburg ein schickes und teures Szeneviertel in Brooklyn. Vor einigen Jahren noch war New York berüchtigt für seine hohe Kriminalitätsrate. Seit ein paar Jahren hat die Polizeipräsenz massiv zugenommen und man bestraft kleine Delikte rigoros. Hat dieses Vorgehen auch Auswirkungen auf Popkultur und Nachtleben gehabt?

    Vasicka: Die Dinge haben sich sehr verändert. Heute gibt es überall Aufpasser, die alles im Blick haben. Selbst beim Tanzen im Club wird man von jemandem beobachtet. Und um Punkt vier Uhr muss die Musik ausgemacht werden. Es fällt schwer, heute in New York zu leben, mit all den Erinnerungen an damals und die treibende Energie, die es hier gab. Diese Stadt hat noch immer wunderbare Seiten, aber sie hat sich sehr verändert.

    Olusanmi: Aber nehmen Sie es denn so wahr, dass New York sich wirklich so sehr verändert hat oder könnte es nicht auch einfach eine Generationsfrage sein?

    Vasicka: Schwierig. Ich weiß nicht… Subkultur findet heute durch das Internet auf einer völlig anderen Ebene statt. Und ich glaube, der Underground ist nicht mehr so "unberührt" wie damals. Früher gab es noch eine klare Trennung zwischen Subkultur und Mainstream. Heute sind die Grenzen unscharf geworden, weil Musik, Medien, Bilder und Dokumentationen von Veranstaltungen viel leichter über das Internet verfügbar sind. Es ist schwierig zu beurteilen, ob Subkultur noch auf derselben Ebene stattfindet wie damals. Ich weiß es nicht.

    Olusanmi: Würden Sie sagen, dass die Arbeit an Ihrem Label Minimal Wave sowohl eine nostalgische als auch eine musikhistorische Beschäftigung mit der eigenen Jugend ist?

    Vasicka: Auf jeden Fall. Je mehr ich mich mit dieser Musik befasst habe, desto mehr stellte ich fest, dass dieses Gebiet noch vollkommen unerforscht war. Es gab keine Informationsquelle, auf die man zurückgreifen konnte, um zu erfahren, was damals international passierte. So etwas existierte bisher einfach nicht. Ich befriedige damit ein Bedürfnis nach Nostalgie, das zu einer Leidenschaft geworden ist.