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Album "Delirium Tremens" Der Australier Mick Harvey singt Serge Gainsbourg

Für den australischen Sänger und Gitarristen Mick Harvey waren die Songs des französischen Chansonnier Serge Gainsbourg eine Offenbarung. In den 90ern hat Harvey Lieder ins Englische übertragen, auch um den Chansonnier in Australien populärer zu machen. Jetzt veröffentlicht er das dritte Album mit Gainsbourg-Titeln. Angetan haben es ihm vor allem die Texte.

Von Carsten Beyer | 02.07.2016

Der australische Sänger Mick Harvey bei einem Konzert in Lissabon
Der australische Sänger Mick Harvey bei einem Konzert in Lissabon (Imago / Global Images)
Irgendwann in den frühen 70er-Jahren war es: Mick Harvey, damals ein junger Gitarrist in Melbourne, hörte im australischen Radio dieses Lied: Ein französischer Sänger und eine britische Schauspielerin schworen sich da ewige Liebe und stöhnten dabei lasziv um die Wette. Das war neu, das war ungewöhnlich und es war für einen Musiker wie Mick Harvey, der schon damals auf der Suche nach neuen Sounds war, eine Offenbarung.
Zehn Jahre später – Mick Harvey lebte mittlerweile in Berlin, um hier an der Seite von Nick Cave die Geschicke der Bad Seeds voranzutreiben, lief ihm Gainsbourg erneut über den Weg: diesmal in Form einer Mix- Kassette, die ihm eine französische Freundin geschenkt hatte. Noch mehr musikalische Schlüpfrigkeiten gab es da zu hören, aber auch derbe Späße über die Nazizeit und die Marseillaise in einer Reggae-Version. Und vor allem: eine Menge großartiger Texte. Harvey, der mittlerweile ein bisschen Französisch gelernt hatte, kam auf die Idee, diese Songs ins Englische zu übersetzen und so einem noch größeren Publikum näher zu bringen.
"Für Leute hier in Europa mag das ein bisschen merkwürdig klingen, weil sie es einfach gewohnt sind, Songs in anderen Sprachen zu hören und sich nichts dabei zu denken. Aber in der englischsprachigen Welt war das damals noch eine echte Hemmschwelle. Es gab ganz einfach so viel englischsprachige Musik, dass für Songs in anderen Sprachen kein Platz mehr war in den Läden und auch im Bewusstsein der Leute. Als ich aufwuchs, in Australien, konnte man noch nicht mal die Platten der Stooges kaufen. Wie sollte man da an Serge Gainsbourg herankommen?"
Bereits in den 90ern beschäftigte Harvey sich mit Gainsbourg
In den 90er-Jahren veröffentlichte Mick Harvey die beiden Gainsbourg Cover-CDs "Intoxicated Man" und "Pink Elephants" – beides Alben, auf denen vor allem die bekannten Chansons des Franzosen zu finden sind, aus den späten 60ern und frühen 70ern. Gainsbourg selbst war da schon tot, aber es gab Applaus von seiner Familie – und von Jane Birkin, der langjährigen Muse und Lebensgefährtin des Chansonniers. Jetzt, weitere 20 Jahre später, hat sich Mick Harvey auf "Delirium Tremens" mit Liedern beschäftigt, die ihm im ersten Durchgang noch als unübersetzbar erschienen. Beispielsweise die kontroverse Nazi-Persiflage "SS – C’est Bon" – die SS ist gut.
"Es war mir wichtig, auf der neuen CD auch einen Song von "Rock around the bunker” mit drauf zu haben. Natürlich war dieses Album eine Provokation, eine ganz bewusste Provokation und ein Angriff auf den guten Geschmack. Aber wenn man genauer hinguckt, kann man auch eine Menge schwarzen Humor darauf entdecken. Das war natürlich nicht immer ganz leicht zu übersetzen, aber ich glaube man bekommt zumindest eine Ahnung davon, was gemeint ist."
"SS – C’est Bon" zeigt, wie gut es Mick Harvey gelungen ist, die Musik und den Tonfall Gainsbourgs zu treffen. Nicht nur das Wortspiel mit den scharfen S-Lauten hat er in seine Übersetzung gerettet, sondern auch die bitterböse Ironie des Inhalts, in dem sich Gainsbourg, der Sohn russisch-jüdischer Emigranten über die vielen Nazi-Mitläufer des französischen Vichy-Regimes lustig macht. Überhaupt sagt Harvey, habe er durch die Beschäftigung mit den Gainsbourg-Texten viel über den Franzosen gelernt – und ein paar durchaus überraschende Erkenntnisse gewonnen.
Ein Gang über ein Minenfeld
"Dieses ganze betrunkene Gehabe, diese Provokationen, das war doch nur ein kleiner Teil von dem, was Gainsbourg ausgemacht hat. Er war ein sehr ernsthafter Künstler, der Hunderte von großartigen Songs geschrieben hat. Er war übrigens auch ein sehr umgänglicher Typ und ein ausgewiesener Familienmensch. Also ich denke, im Leben von Serge Gainsbourg lässt sich sehr viel mehr entdecken als seine Sauftouren und was er mal zu Whitney Houston gesagt haben soll. Mich jedenfalls hat das überhaupt nicht interessiert."
Mit dem Gang über ein Minenfeld hat Mick Harvey seine Übersetzungs-Arbeit einmal verglichen – ein Gang, der ihm ganz offenbar Spaß gemacht hat. Auch wenn man heutzutage selbst in Australien niemand mehr erklären muss, wer Serge Gainsbourg eigentlich war: "Delirium Tremens" ist eine erfrischende Wiederbegegnung mit einem der ganz großen Songschreiber des 20. Jahrhunderts.