Mittwoch, 29. Juni 2022

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Alexej Gorlatch spielt Klavierwerke von Ludwig van Beethoven

Nur wenige Wochen nach dem Erfolg beim ARD-Musikwettbewerb hat das Label BR-Klassik Alexej Gorlatchs Finalauftritt auf CD veröffentlicht. Die Live-Aufnahme mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Sebastian Tewinkel ist die beindruckende Momentaufnahme eines großen Talents.

Von Jochen Hubmacher | 01.01.2012

Ludwig van Beethoven
Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll,
K: Ludwig van Beethoven
3. Satz, Rondo. Allegro
Track 3


Der Beifall explodierte geradezu an diesem Septembernachmittag 2011. "Das wird schwer zu toppen sein", dachte ich. Und so ging es sicher noch vielen anderen Zuhörern in der Münchener Philharmonie im Gasteig, die das Finale der Pianisten beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD verfolgten. Alexej Gorlatch, der noch jünger aussieht als er mit seinen Anfang 20 sowieso schon ist, hatte eine packende, eine bravouröse Version von Ludwig van Beethovens drittem Klavierkonzert abgeliefert. Darin waren sich Publikum und Jury einig, und so gingen 1. Preis und Publikumspreis an den Ukrainer, der seit frühester Kindheit in Deutschland lebt.

Nur wenige Wochen nach dem Erfolg beim ARD-Musikwettbewerb hat das Label BR-Klassik Alexej Gorlatchs Finalauftritt auf CD veröffentlicht. Die Live-Aufnahme von Beethovens drittem Klavierkonzert mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter Sebastian Tewinkel lebt von der unglaublichen Spannung und Intensität der Wettbewerbssituation. Dazu kommt, dass das Stück für den Solisten offenbar ein echte Herzensangelegenheit ist.

"Ich liebe dieses Konzert sehr, denn da passiert sehr viel. Die zwei Randsätze sind komplett unterschiedlich vom mittleren Satz, der, ja, wirklich eine neue Welt öffnet da in der Mitte. Und um das Wesen dieser Musik zu verstehen, ja, man muss sich wirklich stark hineinfühlen und alle Phrasen genau ansehen und verstehen, wo Beethoven zu einem spricht, was denn hier mehr ist als eine Verzierung, als eine Girlande hier um die Harmonien herum, und wirklich verstehen, dass in jedem Ton dieses Konzerts auch eine Bedeutung liegt."

Ludwig van Beethoven
Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll,
K: Ludwig van Beethoven
2. Satz, Largo
Track 2


"Der macht nichts so Spezielles, aber in seinem Spiel und auch in Gesamterscheinung, er verwandelt sozusagen Publikum zu einer Einheit irgendwie."

So erklärt Pianistenlegende Anatol Ugorski den Erfolg von Alexej Gorlatch. Ugorski gehörte mit zu der Jury, die dem jungen Pianisten beim diesjährigen ARD-Musikwettbewerb den 1. Preis im Fach Klavier verliehen hat. Alexej Gorlatchs spektakulärer Finalauftritt im Münchener Gasteig ist jetzt beim Label BR Klassik auf CD erschienen. Neben der Live-Aufnahme von Beethovens drittem Klavierkonzert findet sich darauf auch eine unmittelbar nach dem Wettbewerb entstandene Studioeinspielung der Beethovenschen Klaviersonate f-Moll, op. 2 Nr.1.

Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier f-Moll, op. 2 Nr.1
K: Ludwig van Beethoven
1. Satz, Allegro
Track 4


Die besondere Situation einer Studioaufnahme war für Alexej Gorlatch nichts Neues. Erste Erfahrungen hatte er bereits 2007 im Deutschlandfunk Kammermusiksaal in Köln sammeln können. Zwei CDs von ihm erschienen schon vor seinem Erfolg beim ARD-Musikwettbewerb. Eine davon in Zusammenarbeit mit Deutschlandradio Kultur. Auf seiner dritten nun also Beethovens c-Moll Klavierkonzert und die Klaviersonate f-Moll, op. 2 Nr.1. Die Sonate entstand Anfang der 1790er-Jahre, also rund zehn Jahre vor dem Konzert, während Beethovens ersten Jahren in Wien. Sie setzt musikalisch schon das um, was Graf Ferdinand von Waldstein dem jungen Beethoven prophezeit hatte, als der Bonn Richtung Wien verließ:

Mozart's Genius trauert noch und beweinet den Tod seines Zöglinges. Bei dem unerschöpflichem Haydn fand er Zuflucht, aber keine Beschäftigung; durch ihn wünscht er noch einmal mit jemanden vereinigt zu werden. Durch ununterbrochenen Fleiß erhalten Sie: Mozart's Geist aus Haydns Händen.
Beethoven widmet die insgesamt drei Klaviersonaten op. 2 seinem Lehrer Joseph Haydn. Aber gleichzeitig distanziert er sich damit von ihm. Es sind oft scheinbare Kleinigkeiten, mit denen er gegen musikalische Traditionen rebelliert und die altbekannte Form Klaviersonate mit neuen Inhalten füllt. Wie etwa beim Tempo des zweiten Satzes der f-moll Sonate. Die Hörer zu jener Zeit rechneten hier mit einem Andante, also einen mittlerem Tempo. Beethoven entschied sich jedoch für das langsamere Adagio.

Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier f-Moll, op. 2 Nr.1
K: Ludwig van Beethoven
2. Satz, Adagio
Track 5


Unwichtige Noten gebe es für ihn nicht, betont Alexej Gorlatch immer wieder in Interviews. Gorlatch weiß jedoch hörbar klug zu unterscheiden, welche Noten wichtig und welche sehr wichtig sind. Wo es darauf ankommt, versteht er sich als rigoroser Anwalt des Komponisten, extrem kontrolliert und texttreu. Wenn es sich jedoch anbietet, dann lässt er seine immense Spielfreude und die Lust am intuitiven Musizieren aufblitzen.

Ludwig van Beethoven
Sonate für Klavier f-Moll, op. 2 Nr.1
Ende 3. Satz, Menuetto. Allegretto /Anfang 4. Satz, Prestissimo
Track 6 , Track 7


Alexej Gorlatch ist erst Anfang 20. Immer noch Student und in der Hannoveraner Kaderschmiede des legendären Klavierpädagogen Karl-Heinz Kämmerling in hervorragenden Händen. Das lässt für die Zukunft noch einiges erwarten. Gut möglich, dass man die jetzt beim Label BR-Klassik erschienene Beethoven-CD von Alexej Gorlatch irgendwann als den Durchbruch eines großen Pianisten bezeichnen wird. Einstweilen ist sie eine beindruckende Momentaufnahme eines zweifellos großen Talents. Das war die neue Platte. Am Mikrofon verabschiedet sich, mit Dank fürs Zuhören, Jochen Hubmacher.

Beethoven
Alexej Gorlatch, Klavier
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Ltg.: Sebastian Tewinkel
Label: BR Klassik
Bestell-Nr.: 4035719001150
LC: 900115