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Als Merkel Schröder überholte

Gerhard Schröder muss geahnt haben, dass das auf ihn zukommen wird, dass der Tag kommen wird, an dem Angela Merkel ihn überholt. Deshalb hat er sich an diesem denkwürdigen Wahlabend mit Händen und Füßen gegen diese Entwicklung gewehrt. Mit einem grandiosen Auftritt, der völlig zu Recht in die Geschichte der Fernsehelefantenrunden eingegangen ist. Dabei war die Ausgangslage relativ normal.

Von Peter Zudeick | 20.12.2012

"CDU und CSU sind die stärkste Kraft."

Und das bedeutet:

"Rot-Grün ist abgewählt in Deutschland, und das ist eine gute Nachricht."

Nicht für alle, aber immerhin. Die andere Nachricht lautete:

"Für unser Wahlziel Schwarz-Gelb hat es wahrscheinlich nicht gereicht."

Genau so und nicht anders. Und das bedeutet:

"Diejenigen, die einen Wechsel im Amt des Bundeskanzlers erstreben wollten, sind grandios gescheitert."

Mit anderen Worten: Mal wieder hatten alle gewonnen. Angela Merkel hatte gewonnen, weil sie ein knappes Prozentpünktchen vor Schröder lag, obwohl sie um rund zehn Prozent hinter den Erwartungen zurückblieb. Gerhard Schröder hatte gewonnen, weil Schwarz-Gelb verloren hatte. Dass er das mieseste SPD-Ergebnis seit 1957 eingefahren hatte – wen juckt das schon. Das soll den Jungs und Mädels mal einer nachmachen: Schröder hat keine Mehrheit, will aber Kanzler bleiben, Merkel hat keine Mehrheit, will aber Kanzlerin werden. Und der Leichtmatrose Westerwelle will die einzige Chance, doch noch in die Regierung zu kommen, nicht wahrnehmen. "Keine Ampel", ruft er siegestrunken in alle Mikrofone. Auf diese Weise vollgepumpt mit Adrenalin oder anderen Muntermachern setzen sich die Damen und Herren in die Berliner Runde und liefern eine Performance ab – großartig. Noch sieben Jahre danach bin ich hin und weg vor Begeisterung.

"Verglichen mit dem, was in dieser Republik geschrieben und gesendet worden ist, gibt es einen eindeutigen Verlierer, und das ist nun wirklich Frau Merkel. Und das sollten auch Sie mal zur Kenntnis nehmen, das ist ja doch so."

Okay, das ist die Ausgangslage. Schröder hat gewonnen. Merkel natürlich auch.

"Da gibt es nur eins, dass den Regierungsauftrag nur derjenige hat, der die stärkste Fraktion stellt."

Mag ja so sein, sagt Schröder, aber nicht bei dem Ergebnis.

"Ein Ergebnis, das eindeutig ist. Jedenfalls eindeutig, dass niemand außer mir in der Lage ist, eine stabile Regierung zu stellen, niemand außer mir."

Große Verblüffung in der Runde: Wie meint er denn das?

"Sie wird keine Koalition unter ihrer Führung mit meiner Sozialdemokratischen Partei hinkriegen, das ist eindeutig. Machen Sie sich da gar nichts vor."

Öh, und wieso nicht?

"Glauben Sie im Ernst, dass meine Partei auf ein Gesprächsangebot von Frau Merkel bei dieser Sachlage einginge, indem sie sagt, sie möchte Bundeskanzlerin werden. Ich mein’, wir müssen die Kirche doch auch mal im Dorf lassen."

Großartig, einfach großartig. Schröder in Bestform. Zankt sich mit den Moderatoren, rüpelt in der Gegend rum wie der Lümmel von der ersten Bank, die ganze Zeit wartet man darauf, dass zwei stämmige Herren mit der weißen Jacke mit den langen Ärmeln kommen und ihn mehr oder weniger sanft abtransportieren – riesig, diese Nummer. Und Frau Merkel schauet stumm in dem ganzen Kreis herum, guckt leicht verstört aus der Wäsche und kann gar nicht fassen, was da abgeht.

"Bin einigermaßen überrascht, in welcher Art und Weise nun hier von der anderen Seite das Ergebnis dargestellt wird."

Ja, gut, man muss dazu sagen, dass sie vor der Sendung so kreischend gut drauf war, dass man ihr eine Anstaltspackung Valium verpasst hatte. Sodass sie nicht die triumphierende Strahlefrau abgab, sondern routiniert die Mundwinkel der Erdanziehungskraft überließ. Aber der Schröder. Wie aufgedreht.

"Ich weiß nicht, was Sie hier vor der Sendung gemacht haben, aber ich würde jetzt ganz gerne, ja, ich bin mir nicht sicher, was da vorher noch alles gewesen ist, aber wenn Sie jetzt freundlicherweise noch diesen Satz zu Ende sagen können."

Ja, was hat er vor der Sendung gemacht? Zwei bis zwölf Pils gekippt, wie viele sogleich argwöhnten? Oder sonst irgendwie auf Droge? Iwo. Kein bisschen. Hier ist des Rätsels Lösung, wenn auch ein wenig versteckt.

"Herr Bundeskanzler. – Ist ja schön, dass Sie mich so ansprechen. – Sind Sie nicht mehr, sind Sie jetzt schon zurückgetreten? – Überhaupt nicht, Herr Brender. Ich wundere mich ja nur. – Dass Sie das verwundert."

Schröder war gleich zu Beginn der Sendung auf Krawall gebürstet, weil Nikolaus Brender, so erzählten es Kabelratten im Studio, in der Maske die Frau Merkel mit "Frau Bundeskanzlerin" begrüßt haben soll. Und den Schröder mit "Herr Schröder". Deshalb die gespielte Verwunderung, dass er jetzt doch "Herr Bundeskanzler" zu ihm sagt. Deshalb die ganze Testosteron-Show. Hat nichts genützt. Die SPD hat zwar eine kurze Weile so getan, als nähme sie Schröders Auftritt ernst. Als könne tatsächlich die Partei mit dem schlechteren Ergebnis den Kanzler stellen. Wenn auch nur für eine Halbzeit.

"Ich glaube, die israelische Lösung ist sinnvoll: Zwei Jahre Schröder, zwei Jahre Merkel. Wir Sozialdemokraten halten an Gerhard Schröder fest."

Johannes Kahrs, treuer Gefolgsmann Schröders und Sprecher des konservativen "Seeheimer Kreises", brachte diesen Vorschlag ein. Aber auch der war bald Geschichte. Schröders Partei ging auf Merkels Gesprächsangebot ein, sie wurde Kanzlerin, sie hat Schröder überholt. Ist aber immer noch kürzer im Amt als Helmut Schmidt, Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Aber die schafft sie sicher auch noch.