
Der mehr als 1.000 Seiten umfassende Bericht "Architects of Atrocities" ("Architekten der Gräueltaten") gilt nach Angaben von Amnesty als eine der umfangreichsten Untersuchungen der Organisation. Für die Recherche wurden 270 Interviews geführt, mehr als 2.000 Videos ausgewertet sowie geleakte Behördendokumente, Gerichtsurteile und weitere Beweismittel analysiert.
Auslöser der Proteste war der Tod der 22-jährigen iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini im September 2022. Sie war von der sogenannten Sittenpolizei festgenommen worden, weil sie ihr Kopftuch angeblich nicht den vorgeschriebenen islamischen Regeln entsprechend getragen hatte. Aminis Tod in Polizeigewahrsam löste landesweite Demonstrationen unter dem Motto "Frau, Leben, Freiheit" aus.
Amnesty: Repression war staatlich organisiert
Nach Darstellung von Amnesty International reagierten die iranischen Behörden mit systematischer Gewalt auf die Protestbewegung. Die Organisation dokumentiert rechtswidrige Tötungen, Folter, Vergewaltigungen, Fälle des gewaltsamen Verschwindenlassens sowie die Verfolgung von Angehörigen getöteter Demonstrierender. Die Vorfälle seien nicht auf das Handeln einzelner Sicherheitskräfte zurückzuführen, sondern Teil einer staatlich angeordneten Strategie zur Unterdrückung der Proteste gewesen, heißt es.
Der Bericht benennt 87 Amtsträger entlang der staatlichen Befehlsketten, gegen die nach Auffassung von Amnesty wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ermittelt werden sollte. Die Liste reicht von hochrangigen Verantwortlichen des Sicherheitsapparates bis zu Funktionären auf Provinz- und lokaler Ebene.
Hunderte Tote
Amnesty dokumentiert die Tötung von 377 Menschen während der Proteste, darunter 56 Kinder. Die meisten Opfer wurden demnach zwischen September und Dezember 2022 von Sicherheitskräften getötet. Einsatzkräfte der iranischen Revolutionsgarden und der Polizei hätten wiederholt mit Sturmgewehren, Handfeuerwaffen und Schrotmunition auf Demonstrierende geschossen, heißt es in dem Bericht. Zudem wirft die Menschenrechtsorganisation iranischen Justizbeamten vor, mehrere Inhaftierte vergewaltigt zu haben.
Besonders betroffen waren nach Angaben der Organisation Angehörige der kurdischen und belutschischen Minderheiten. Obwohl diese Bevölkerungsgruppen nur einen vergleichsweise kleinen Teil der Bevölkerung ausmachen, entfielen laut Amnesty 62 Prozent der dokumentierten Todesopfer auf sie.
Forderung nach internationalen Ermittlungen
Amnesty fordert die internationale Gemeinschaft auf, zu handeln. Die Menschenrechtsorganisation dringt auf die Einrichtung eines internationalen Strafverfolgungsmechanismus innerhalb der Vereinten Nationen, eine Überweisung der Situation im Iran an den Internationalen Strafgerichtshof sowie Ermittlungen nach dem Weltrechtsprinzip in einzelnen Staaten.
Die Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland, Julia Duchrow, erklärte, die fehlende Aufarbeitung der Verbrechen von 2022 bilde die Grundlage für weitere Gewaltexzesse. Die Straflosigkeit habe auch zu den Massentötungen bei den Protesten vom 8. und 9. Januar 2026 beigetragen. Der Bericht liefere eine umfassende Beweisgrundlage, um Verantwortliche vor Gericht zu bringen.
Politisch ohne Folgen, gesellschaftlich mit Wirkung
Die Proteste führten zwar nicht zu grundlegenden politischen Veränderungen im Iran. Dennoch gelten sie als Auslöser eines tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandels in der Islamischen Republik. Vor allem in den großen iranischen Städten verzichten viele Frauen inzwischen offen auf das gesetzlich vorgeschriebene Kopftuch und widersetzen sich damit den staatlichen Kleidervorschriften.
Diese Nachricht wurde am 16.09.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.
