Montag, 28. November 2022

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Anfeindungen gegen Fußball-Reporterin
Ein Armutszeugnis

Die Journalistin Claudia Neumann ist die erste Frau im deutschen Fernsehen, die Fußballspiele bei einer Männer-WM kommentiert. Schon bei der EM in Frankreich musste sie sich üble Beschimpfungen anhören - mit ihrer Arbeit bei der WM in Russland gehen die Anfeindungen weiter. Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir einen Kommentar aus dem Jahr 2016 erneut.

Von Andrea Schültke | 20.06.2016

    Claudia Neumann mit einem ZDF-Mikrophon in der Hand in einem Fußballstadion.
    Claudia Neumann ist Sportreporterin für das ZDF. (imago sportfotodienst)
    Ich bin stinksauer!
    Immer und immer wieder muss ich mich mit den gleichen, dämlichen Kommentaren auseinandersetzen. Nur, weil ich meinen Job mache. Ich bin eine Frau und Journalistin in einer Sportredaktion. Hier erhebe ich meine Stimme - auch zum Thema Fußball.
    Wir sind viele hier in der Sportredaktion des Deutschlandfunks. Und - Achtung ihr Dumpfbacken - wir haben sogar eine Chefin. Und wir alle haben sie satt, die Briefe, die in die Redaktion kommen.
    DLF-Sportredakteurinnen müssen sich Ähnliches anhören
    Da schreibt ein Hörer, er könne dieses Zitat: "dümmliche, von keinerlei Sachkenntnis getrübte Geschwätz diverser Damen über Fußball nicht mehr ertragen. Warum beschränken sich die Pieps-Stimmchen nicht auf das Gekicke der Mädels, anstatt ständig bei den "großen Jungs" mitreden zu wollen." Zitat Ende.
    Oder dieser Hörer hier. Er monierte während der Fußball-WM vor zwei Jahren:
    Zitat: "Die Tatsache, dass immer wieder weibliche Redakteur die Berichte dazu moderierten bzw. kommentierten. Mögen diese für Frauensport eingesetzt werden. Im Männersport, zumal im Fußball, sind sie entbehrlich. Wenn der DLF diesbezüglich keine männlichen Kollegen einsetzen kann oder will, so ist dies ein Armutszeugnis." Zitat Ende.
    Männer werden für Inhalte kritisiert, Frauen fürs Frausein
    Ich bin stinksauer und genervt, dass ich mich auch nach jahrelanger Tätigkeit als Sportjournalistin immer noch mit diesem Thema Frauen im Sport und dann auch noch im heiligen Fußball auseinandersetzen muss. Und ich ärgere mich, dass es mich ärgert und meine Gedanken ablenkt von meinem eigentlichen Thema: Ausschluss der russischen Leichtathleten von Olympia, Korruption in FIFA und UEFA oder sexualisierte Gewalt im Sport.
    Klar, wer kommentiert, wird auch kritisiert. Richtig so, wenn es um Inhalte geht. Natürlich: Auch Männer, die die Spiele kommentieren, müssen sich einiges anhören. Mit dem einen großen Unterschied: Wer sie angreift, kritisiert den Inhalt.
    Zerpflückt Mann uns Frauen, dann nur, weil wir weiblich sind. Es geht einfach nur um die Form - nicht um den Inhalt. Immer noch, wie vor Jahrzehnten. Und das stinkt mir.
    Ok, in den Redaktionen haben wir inzwischen den Rückhalt. Die männlichen Kollegen stellen sich hinter uns, wie gerade eben ARD und ZDF mit ihrer öffentlichen Unterstützung für Claudia Neumann. Da geht es - meistens wenigstens - um die inhaltliche Qualität unserer Arbeit.
    Die Typen haben es nicht kapiert
    Aber draußen, bei Hörern, Lesern und Zuschauern ist das immer noch nicht angekommen. Die Typen haben es einfach nicht kapiert.
    Die besten Schmäh-Briefe haben wir uns übrigens eingerahmt und an die Wand gehängt. Lachen uns bei unserer täglichen Strickrunde mit Kaffee und Kuchen in der Redaktion immer wieder gern darüber kaputt.
    Aber wenn ich die unverschämten, dämlich-dummen, dreisten und dreckigen Absonderungen zu Claudia Neumann lese, dann bleibt mir doch das Lachen im Hals stecken. Da wird mir schlecht und ich habe Mitleid mit denen, die es einfach immer noch nicht kapiert haben. Wir Frauen liefern Inhalt und nur daran lassen wir uns messen.
    Schreibt weiter Eure Briefe. Nur die besten werden wir einrahmen. Uns davor stellen und lachen, wir Frauen im Sport. Und über Euch Dumpfbacken denken wir mehr denn je das, was einer von Euch an uns geschrieben hat:
    Zitat: "Man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte."
    Zitat Ende.