
Morgens sitzt Rita am liebsten allein am Küchentisch, trinkt Kaffee, raucht eine Zigarette, geht dann in den Garten und versorgt ihre Hühner. An einem Januartag fliegt ihr ein Insekt in die Kehle.
„Sie öffnet die Haustür, das Draußen erschreckend real. Da steht sie in ihrem Morgenmantel, als hätte sie schon immer dagestanden, so hell ist es, wie in einem überbelichteten Bild. Der Mond allerdings wie wegradiert. Sie geht in die Knie, versucht zu schreien, doch es gelingt ihr nicht, und selbst wenn, wer würde sie hören?“
Mit dieser spektakulären Szene beginnt Angelika Klüssendorf ihren Roman „Trost“ und lässt ihre Hauptfigur, die Schriftstellerin Rita, beinahe im selben Moment auf- und wieder abtreten. Das vage Rilke-Zitat aus der Ersten Duineser Elegie – „wer, wenn ich schriee, hörte mich denn von der Engel/ Ordnungen?“ - passt zu der empfindsamen Frau Mitte sechzig, die mit einem Mann namens Joachim liiert ist und gerade ein eher desaströses Weihnachtsfest hinter sich gebracht hat.
Angelika Klüssendorfs Roman „Trost“: Ein vielfältiges Beziehungsnetz
Mit dem zweiten Absatz des Romans setzt eine lange Rückblende ein; den Blickwinkel gibt weiterhin Rita vor. Die Schwiegereltern Irma und Karl haben sich angesagt; Rita hat gebacken, gekocht, gebraten und gesotten und den Weihnachtsbaum geschmückt. Jetzt stochert sie im Kuchen herum.
„Schmeckt es dir nicht? Irma sieht ihren Sohn an. Rita kennt diesen Blick. Es ist ihr was-hat-sie-denn-schon-wieder-Blick: Macht sie dich etwa nicht glücklich?“
Subtil starten Mutter und Sohn ein Ausgrenzungsprogramm und verbünden sich gegen Rita. Es ist eindrucksvoll, wie Angelika Klüssendorf auf knappem Raum das vielfältige Beziehungsnetz ihres Romans aufspannt. Die Fäden der Bindungen verknoten sich, als Joachims Tochter Jane hinzukommt. Ihr fühlt sich Rita am nächsten; umgekehrt ist sie für das Mädchen Bezugsperson und Vorbild.
Ostdeutsche Nachwende-Boheme im Fokus
Mit Joachims labilem Sohn Eric, von Drogenerfahrungen gezeichnet, dessen an der Oberfläche patenter Ehefrau Helene und dem kleinen Sohn gewinnt die Konstellation an Komplexität. Fast nebenbei bietet Klüssendorf eine kleine Milieustudie der ostdeutschen Nachwende-Bohemien-Szene.
Die Festgesellschaft löst sich bald wieder auf; auch ihr Mann Joachim kehrt nach Berlin zurück. Für Rita ist die Sache längst entschieden: Sie will sich trennen. Aber schon nach rund vierzig Seiten endet das Rita gewidmete Kapitel. Das nächste beginnt, markiert durch den Namen der Akteurin: Es gehört Jane, Joachims Tochter, Ritas Stieftochter.
Rita bleibt trotz Komas das heimliche Zentrum
„Doch gerade scheint alles aus dem Takt geraten, die Welt absolut unwirklich. Rita liegt vor ihr in einem Krankenhausbett. Koma, durch einen allergischen Schock.“
Von nun an entfaltet Klüssendorf die Geschehnisse, die im Jahr des russischen Angriffs auf die Ukraine spielen, abwechselnd aus Janes und Joachims Perspektive.
Von nun an entfaltet Klüssendorf die Geschehnisse, die im Jahr des russischen Angriffs auf die Ukraine spielen, abwechselnd aus Janes und Joachims Perspektive.
Obwohl Rita bis zum Schluss des Romans nicht mehr aufwacht, bleibt sie das heimliche Zentrum: imaginäre Gesprächspartnerin, Antagonistin, moralischer Maßstab. Jane schlingert durch ihre späte Jugend, fühlt sich von ihrer Freundin Lea zurückgewiesen, leidet unter ihrer leiblichen Mutter, die von Fernsehserien absorbiert ist und schmeißt schließlich das Abitur. Für sie ist Ritas Koma eine Schwellenerfahrung, aus der sie reifer hervorgeht. Mit viel Gespür für die Nöte einer Heranwachsenden schildert Klüssendorf Janes tastende Suchbewegungen in Richtung Autonomie.
„Jane beobachtet, wie Ritas Hühner in der Erde scharren, gackern, nur die goldgelackte Gundel hockt allein in ihrer Ecke. Über ihnen reißt ein Stück Himmel auf. Es wird Frühling, sagt sie, vielleicht sitzt Rita im Sommer längst wieder mit uns im Garten. Sie fehlt mir, sagt Sperling.“
Ähnlich wie in ihren anderen Büchern geht es Klüssendorf um untergründige Emotionen und das Alphabet der Gefühle. Ihre Sprache ist lakonisch und knapp, die poetischen Vergleiche sind behutsam gesetzt. Dass sie Joachims Blickwinkel ebenfalls Geltung verschafft, hat einen ganz eigenen Reiz. Auch wenn man durch Rita von seiner nörgeligen Selbstgerechtigkeit weiß, verändert seine Perspektive die Wahrnehmung der Paardynamik.
Die Geschichte einer Befreiung
Angelika Klüssendorf ist eine gute Erzählerin. Sie versteht sich auf Dramaturgie und Rhythmus. Nur an manchen Stellen erstarrt ihre Sprache zu Floskeln, mit denen sie die Psyche ihrer Figuren auffächert, statt deren Inneres im Ungefähren zu belassen.
„Rita hat Angst, verlassen zu werden, und so tut sie alles dafür, dass sie verlassen wird - als wollte sie es hinter sich bringen.“ Oder: „Joachim sieht sogleich Rita vor sich, die ihm, wenn er von Schuldgefühlen sprach, entgegnete, dies sei seine Art, sich nicht stellen zu wollen, er verstecke sich hinter Schuldgefühlen, blende die Konflikte damit aus."
Und wenige Zeilen weiter: „Sie haben nicht gelernt, mit ihren Konflikten umzugehen, wie oft hatte sie ihn schroff zurückgewiesen.“ Und schließlich: „Er wollte unabhängig sein, befreit von seiner Mutter, die jeden seiner Schritte überwachte, ihm sein Essen am liebsten vorgekaut hätte und ihm dennoch kalt erschien.“
Die Autorin hätte auf ihre narrative Kraft, die Psyche ihrer Figuren über Dialoge und Szenen zu vermitteln, vertrauen können, statt mit Deutungen und Passe-partout-Begriffen wie „Konflikt“ oder „Schuldgefühlen“ zu operieren. Dennoch: Angelika Klüssendorfs Roman „Trost“, in dem zumindest Jane in der Lage ist, sich durch Ritas Vermächtnis trösten zu lassen, ist absolut lesenswert. Er erzählt auch die Geschichte einer Befreiung.







