"anna & ines walachowski"
Heute soll's wieder um Kammermusik gehen, und da gibt es schließlich auch immer wieder lohnende Entdeckungen. Zum Beispiel Kammermusik von Ferdinand Ries, von der später die Rede sein soll. Zunächst einmal möchte ich Ihnen eine CD des Labels Berlin Classics vorstellen, auf der Standardrepertoire der Musik für zwei Klaviere auf erstaunlich vollkommene Weise geboten wird, und zwar von dem schwesterlichen Duo Anna und Ines Walachowski * Musikbeispiel: W. A. Mozart - aus: Sonate für zwei Klaviere D-dur KV 448 Da spielen zwei Schwestern auf eine bezwingend charmante Weise Mozart. Anna und Ines Walachowski sind aus Polen gebürtig und leben seit 1983 in Deutschland. Auf den Cover ihrer CDs geben sie sich modebewusst und lassen sich sogar von Jim Rakete fotografieren, jenem Meister des leicht schrägen Blicks, der sich selbst immer nur als "Knipser" bezeichnet, aber zu den Größten seines Fachs zu rechnen ist. Kurz: Die Walachowski-Sisters zeigen rundherum Geschmack und das, was auf französisch "civilisation" heißt und hierzulande nicht immer gebührend geschätzt wird. So spielen sie auch: in hohem Maß zivilisiert und geistvoll und keine Sekunde langweilig. Mozarts Sonate in D-dur KV 448 gewinnt sprühendes Leben, denn das perfekte jeu perlé, das die beiden beherrschen und demonstrieren, wird zu einem Spiel der gescheiten Andeutungen. Bei beiden bleiben Läufe bis in die letzten Sechszehntel voll kontrollierter Energie und spannend, Wiederholungen von Verzierungen werden nie gleich gespielt, sondern als Frage und Antwort, als Aperçus und leicht hingeworfene Anmerkungen verstanden, mit minimalen Verzögerungen und nuancierten Akzenten gefärbt, so dass in der Tat ein hochintelligentes Zwiegespräch sich entwickelt, dem bei aller leggierezza ein feiner melancholischer Unterton eigen bleibt. Nicht zuletzt nimmt diese Aufnahme dadurch für sich ein, dass die Basslinien, sonst häufig nach schlechter Kontrabass-Art in stereotypem Nonlegato gespielt, hier immer wieder sehr präzise geformt und artikuliert werden. Es ist ein sehr persönlicher Mozart, den die Walachowskis spielen, und er wirkt trotzdem ausgesprochen authentisch. In den Ecksätzen stieben die Funken, kein Zweifel. Der zweite Satz aber entwickelt eine unvergleichliche morbidezza, wie man dies schon lange nicht mehr so gehört hat, und man muss ihn einfach in voller Länge spielen - denn wo sollte man diese innige Zwiesprache unterbrechen können, ohne unhöflich zu sein? * Musikbeispiel: W. A. Mozart - Andante aus: Sonate für zwei Klaviere D-dur KV 448 Anna und Ines Walachowski mit Mozarts D-dur-Sonate für zwei Klaviere. Da denkt man bisweilen schon an den Mozart-Gesang der Schwarzkopf oder der jungen Lucia Popp. Die CD enthält außerdem die sehr farbenreich gespielten Six Morceaux op. 11 von Sergej Rachmaninow, das gewaltig aufgepeppte cis-moll-Prélude in einer Version für Klavier zu vier Händen sowie zwei kurze Rachmaninow-Stücke zu sechs Händen, bei denen sich Alfons Kontarsky zu den beiden Schwestern gesellt. Doch das sind liebenswürdige Zugaben zu einer Mozart-Interpretation, die in ihrer élégance zur Zeit ihresgleichen nicht haben dürfte.