Sonntag, 14. August 2022

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Anschläge in Dresden
"Erhöhte Wachsamkeit ist angesagt"

Nach den Anschlägen von Dresden und vor dem Tag der offenen Moscheen am 3. Oktober stellt sich die Frage: Wie sicher sind muslimische Gotteshäuser in Deutschland? In Regionen Deutschlands, wo rechtsradikale Gruppierungen aktiv sind, sei Polizeischutz sinnvoll, sagt die Frankfurter Islam-Expertin Susanne Schröter im Deutschlandfunk.

Susanne Schröter im Gespräch mit Gerald Beyrodt | 28.09.2016

    Polizisten stehen in Dresden vor der Fatih Camii Moschee.
    Polizisten stehen in Dresden vor der Fatih Camii Moschee. (picture alliance / dpa / Sebastian Kahnert)
    Gerald Beyrodt: Wenn die Worte Islam und Gewalt zu hören sind, dann haben viele schon eine klare frage im Kopf: "Wie hält man junge Muslime davon ab Islamistin zu werden Gewalttäter zu werden?" Um diese Frage geht es hier auch immer wieder bei der Islamkonferenz die ihren zehnjährigen Geburtstag feiert. Doch seit gestern rücken die Worte Gewalt und Islam ganz anders ins Bewusstsein da kam die Nachricht von einem Bombenanschlag an die Öffentlichkeit einen Anschlag auf eine Mosche in Dresden. Wir wollen fragen, was tuen gegen Islamfeindlichkeit und gegen solche Anschläge, fragen über die ich mit der Ethnologin Susanne Schröter vom Forschungszentrum Politischer Islam in Frankfurt am Main sprechen möchte. Frau Schröter, seit dem Anschlag bewacht die Polizei Islamische Einrichtungen in Dresden. Wäre es nicht eigentlich eine gute Idee Moschen Polizeischutz zu gewähren, bevor solche Anschläge passieren?
    Susanne Schröter: Das ist durchaus eine Option, allerdings nicht flächendeckend bundesweit, meiner Meinung nach. Wir haben ja nicht jeden Tag Anschläge auf Moscheen. Die Anschläge auf Muslime und muslimische Einrichtungen sind im Vergleich zum Vorjahr, sogar etwas zurückgegangen. Im Vergleich zu den Anschlägen und Angriffen auf Flüchtlingseinrichtungen ist es zahlenmäßig sehr viel geringer. Trotzdem muss man sagen: Dort, wo es radikale, rechtsradikale Gruppierungen gibt, wo die auch in der Öffentlichkeit schon in Erscheinung getreten sind wie beispielsweise in Dresden, dort ist erhöhte Wachsamkeit angesagt und dort muss man auch tatsächlich überlegen, ob Polizei die Sicherheit von Moscheen und auch Muslimen, die sich in Moschen versammeln, garantiert. Das, würde ich durchaus befürworten, aber jetzt nicht in eine allgemeine Hysterie Verfallen und sagen jede Mosche, muss unter Polizeischutz gestellt werden.
    "Um sich greifende Islamfeindlichkeit"
    Beyrodt: Aber Sie sprechen es an: das Klima in Sachsen, die Beliebtheit der AFD, die dem Islam eigentlich Verfassungsfeindlichkeit unterstellt, jede Woche Pegida Demonstrationen. Wie stark ist der Zusammenhang mit diesem Klima?
    Schröter: Anschläge sind eine radikale Form einer allgemeinen radikalen Einstellung und radikale Einstellung, islamfeindliche Einstellungen haben wir natürlich in bestimmten Regionen Deutschlands, insbesondere in einigen Regionen der neuen Bundesländer, aber nicht nur dort. Es ist also nicht nur ein reines Ost-Problem. Überall dort, wo es tatsächlich schon zu organsierter rechtsradikaler Gewalt gekommen ist, wo Parolen gerufen werden, die sich dezidiert gegen Muslime, dezidiert gegen den Islam richten, dort muss man schauen, was getan werden kann. Da sind natürlich die Sicherheitsorgane in der Pflicht. Aber darüber hinaus, muss man auch sehen, dass man etwas unternimmt gegen diese um sich greifenden Islamfeindlichkeit.
    Beyrodt: Ich finde es immer noch schwer verständlich, wieso der Islam dermaßen zur Zielscheibe, zum Feindbild wird, zumal in Ostdeutschland. Haben Sie eine Erklärung?
    Schröter: In Ostdeutschland gibt es sehr wenig Berührung der lokalen Bevölkerung mit Muslimen. Da können sich natürlich Bilder, die sich aus den Medien gewonnen werden oder aus dem Internet gewonnen werden, dort können sie an Stelle einer realistischen Einstellung setzten. Dort dämonisiert man mangels realer Erfahrungen mit Muslimen. Von daher haben wir natürlich in Regionen, in denen wenig Muslime wohnen, paradoxerweise die meisten Menschen, die islamfeindlich sind.
    Offene Moscheen brauchen mehr Werbung
    Beyrodt: Das heißt umgekehrt aber auch: Wenn man Muslime kennt aus der Nachbarschaft, aus dem Beruf, dann ist das anders?
    Schröter: Dann ist es definitiv anders! Also dort, wo Muslime seit vielen Jahrzehnten zur Bevölkerung gehören, dort, wo man ihnen begegnet am Arbeitsplatz, in der Schule, auf der Straße, in der Nachbarschaft, dort ist das Verhältnis deutlicher entspannter. Und das ist ja auch klar: Dort sieht man lebendige Menschen, die ganz normale Sorgen haben wie andere auch und dann ist es nicht so leicht tatsächlich ein Feindbild, ein Stereotyp des Feindbilds zu entwickeln.
    Beyrodt: Am Montag ist nicht nur Tag der Deutschen Einheit, sondern auch Tag der offenen Moschee. Nachdem was sie jetzt gesagt haben, würde ich denken, dass sie das für eine gute Idee halten ein solches kennenlernen.
    Schröter: Ich halte das für eine ganz hervorragende Idee. Ich glaube auch, dass die Tage der offenen Moscheen noch sehr viel deutlicher beworben werden müssen. Zum Teil ist es gar nicht so einfach herauszufinden, welches Programm dort angeboten wird. Da kann man wirklich seitens der Kommunen viel tun, dass die Bevölkerung auch animiert wird, einmal eine Moschee zu betreten, sich mit den Muslimen dort, mit den Vorständen, den Imamen, den Frauen, Gruppen, Mitgliedern zu unterhalten. Dann korrigiert sich auch ein Eindruck den man bislang vielleicht nur aus den skandalisierten Schlagzeilen gewonnen hat.
    Beyrodt: Welche Konsequenzen man aus dem Anschlag auf die Mosche in Dresden ziehen soll, darüber habe ich mich mit Susanne Schröter unterhalten, Professorin am Forschungszentrum Politischer Islam in Frankfurt am Main.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.