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Arbeitsplatzspezifische Rehabilitation

Wenn sich ein Tennis-Profi verletzt, dann wird er nach der medizinischen Behandlung wieder vorsichtig anfangen zu üben: Aufschlag, Vorhand, Rückhand, die typischen Bewegungsabläufe - bis es wieder klappt. Aber wie ist das bei andere Profis? Bei einem Dachdecker? Oder einem Schlosser? Da galt bislang: Egal welcher Beruf - in der Reha machen alle die gleichen Übungen. Es geht auch anders: mit der "arbeitsplatzspezifischen Rehabilitation".

Von Martin Koch |
    Peter Herzer ist mächtig am Schwitzen. Um den 58-Jährigen herum stehen unterschiedlich hohe Podeste und Regale. Auf die muss er eine Kiste mit zwanzig Kilo Steinen wuchten. Kiste rauf, Kiste runter. Ein Podest nach dem anderen. Bei einem in Kopfhöhe muss er allerdings passen:

    "Hier komm ich leider noch nicht hoch, das ist noch ein bisschen zu hoch."

    Dem Maschinenbaumeister ist vor knapp einem halben Jahr ein 140 Kilo schwerer Schaltkasten auf die linke Schulter gefallen und hat sie zertrümmert. Jetzt schuftet er in der "Arbeitsplatzspezifischen Rehabilitation". Die Übungen entsprechen seinem Arbeitsalltag, er hat sie gemeinsam mit den Therapeuten zusammengestellt. Dieses Miteinander ist enorm wichtig, sagt der Erfinder des Konzeptes Bernard Nguyen:

    "Der Patient steht ja im Mittelpunkt des ganzen: "Nichts ohne mich über mich" gibt es ein Sprichwort, an das wir uns halten, das auch in unseren Leitlinien steht. Der Patient gibt zum Beispiel auch Rehabilitationsinhalte vor, er kann also dort auch mitbestimmen, was er in der Werkstatt macht."

    Bis in die 90er Jahre hinein hat Bernard Nguyen als Sporttherapeut Bundesliga-Fußballer, Leichtathleten und Formel-1-Fahrer nach Verletzungen wieder fit gemacht. Vorher war er Maschinenbauer. Irgendwann kombinierte er beides und baute die Reha-Werkstatt auf. Nach dem Motto: Was für Spitzensportler gut ist, kann für Handwerker nicht schlecht sein. Das Kernstück ist eine große Halle, in der es aussieht wie auf einer Baustelle: an zwei Dachstühlen mit unterschiedlicher Neigung trainieren Dachdecker, Estrichleger streichen Sand in einer überdimensionierten Sandkiste glatt und zwei Klempner drehen über ihrem Kopf Schrauben und Muttern in Blechplatten. Bewegungsabläufe aus insgesamt 85 Berufen können hier geübt werden:

    "Wenn ein Maurer mauern muss, dann wird er das auch bei uns machen, und wenn ein Dachdecker ein Dach eindeckt typischerweise, dann deckt er das auch bei uns. So können wir viel besser erkennen aus medizinisch-therapeutischer Sicht und der Patient vor allen Dingen auch selbst, ob er das wieder leisten kann oder nicht."

    Im Durchschnitt kommen die Patienten nach zehn oder elf Monaten Arbeitsunfähigkeit in das Reha-Zentrum in Köln-Kalk. Die meisten haben mehrere Operationen und Reha-Maßnahmen hinter sich, viele sind verzweifelt und fühlen sich nutzlos. An genau diesem Punkt setzt die Therapie' von Bernard Nguyen an:

    "Die Patienten haben ja einen Beruf, und wenn Sie sich vorstellen, dass die ein Jahr nicht mehr befragt worden sind und auch nicht mehr mitreden können im Beruf, also das Werte-Gefühl sehr stark sinkt, dann haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir, wenn wir über berufliche, fachliche Fragen an den Patienten herantreten, dass der Patient dann plötzlich eine ganz andere Körperhaltung einnimmt, und das zeigt uns dann auch, dass wir ihn da abholen können, wir können ihn da packen."

    68 Prozent aller Patienten können nach der Reha bei Bernard Nguyen und seinem Team wieder in den ursprünglichen Beruf zurückkehren, eine doppelt so hohe Erfolgsquote wie bei sonst üblichen Therapiekonzepten. Mit bis zu zweihundert Euro pro Tag ist die ambulante Arbeitsplatzspezifische Rehabilitation zwar ein gutes Stück teurer als herkömmliche stationäre Angebote. Aber: Der Patient muss die Kosten nicht selber tragen. Und Versicherungen oder Berufsgenossenschaften können ihrerseits Millionen sparen, weil sie weniger Umschulungen und Invaliditätsrenten zahlen müssen - davon ist Bernard Nguyen überzeugt. Dachdecker, LKW-Fahrer und Gerüstbauer kommen inzwischen zu ihm, aber auch Leute mit vergleichsweise exotischen Berufen - etwa der Schauspieler Michael Policnik:

    "Das Schöne ist, dass sich die Therapeuten viele Gedanken machen über meine beruflichen Anforderungen und viele gute und effektive Vorschläge, auf der anderen Seite kann ich auch sagen, ich muss balancieren können und dann improvisiert man eben. Draußen ist ein Sandkasten, in dem übe ich die ersten Sprünge wieder, die ich mir dann so langsam wieder zutraue."

    Der durchtrainierte Mann ist im März bei einem Auftritt als Pirat von einer Leiter auf die Bühne gestürzt und hat sich das linke Fersenbein kompliziert gebrochen. In der Zeit nach dem Unfall kam zu den körperlichen Schmerzen - wie bei fast allen Patienten hier - auch ein seelisches Tief, erinnert er sich der 42-Jährige:

    "Man bekommt auch Depressionen davon, es ist schlimm, nicht nur die finanzielle Komponente, ich will ja arbeiten, ich hab mir den Job ja ausgesucht, ich liebe meinen Beruf ."

    Mit eisernem Willen und intensivem Training ist der Schauspieler wieder auf die Beine gekommen - und klettert mittlerweile in der Werkhalle schon wieder eine Leiter hoch. Im Außengelände der Klinik geht es dann über einen Hindernisparcours: auf Schrägen, Treppen und einem Schwebebalken muss Policnik wieder unterschiedliche Gangarten lernen. Trotz der großen Fortschritte ist Physiotherapeut Marcus Küpper noch nicht zufrieden:

    "Bei genauem Hinsehen sieht man, dass er schnell wieder auf das rechte Bein will und wenn er die Treppe hinabgeht, dann will er auch schnell wieder aufs rechte Bein kommen. Die Technik stimmt nicht und die Schrittlänge stimmt nicht, da muss noch dran gearbeitet werden. "

    Doch der Therapeut ist zuversichtlich, dass auch Michael Policnik bald wieder arbeiten kann. Wie der Gerüstbauer, der nach einem 24-Meter-Sturz jetzt in seinen Job zurückkehren kann. So einen Moment zu erleben ist der schönste Lohn für die Arbeit, sagt Marcus Küpper:

    "Das ist grandios. Da hat man das Gefühl, man ist dabei, wenn jemand eine Goldmedaille gewinnt."