Arbeitszeitreform - Wie viele Stunden am Tag sollen wir arbeiten?

Die Reform des Arbeitszeitgesetzes droht das nächste große Streitthema der Koalition zu werden. Der Achtstundentag könnte durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit abgelöst werden. Wem nutzt das?

    Ein Dachdecker entfernt im Gegenlicht mit einem Hammer Schindeln aus Bitumen auf einem Dach.
    Arbeitszeitflexibilisierung - wer davon profitiert ist umstritten (picture alliance / dpa / dpa-Zentralbid / Klaus-Dietmar Gabbert)
    Im Koalitionsvertrag haben sich die Sozialdemokraten mit den Unionsparteien auf flexiblere Arbeitszeiten geeinigt. Sie sollen Unternehmen mehr Flexibilität verschaffen und Beschäftigten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern.
    Ein erster Gesetzesentwurf aus dem SPD-geführten Arbeitsministerium wurde im Juni öffentlich. Kritik an dem Papier kam von allen Seiten: Arbeitgeberverbänden und der CDU gingen die Pläne zur Arbeitszeitflexibilisierung nicht weit genug. Die Gewerkschaften sahen Arbeitnehmerrechte in Gefahr. Anfang Oktober haben mehrere Arbeitsgruppen der SPD ein Positionspapier nachgelegt: Wochenarbeitszeiten sollen nur in Branchen und Betrieben mit Tarifverträgen gelten dürfen und Beschäftigte sollen mehr Mitbestimmung über ihre Arbeitszeiten erhalten, die wiederum künftig verpflichtend elektronisch erfasst werden sollen.
    Warum stößt die Abkehr vom Achtstundentag auf so viel Kritik, obwohl sich die Wochenarbeitszeit nicht ändern soll?

    Inhalt

    Was spricht für flexiblere Arbeitszeiten?

    Flexiblere Arbeitszeiten sind per se weder gut noch schlecht. Man müsse aber unterscheiden zwischen „Flexibilisierung von Beschäftigten“ und „Flexibilisierung für Beschäftigte“, sagt Soziologin Svenja Pfahl vom Beratungs- und Forschungsinstitut für sozialwissenschaftlichen Transfer. „Es kann nicht nur darum gehen, dass man Beschäftigte gut einteilen kann. Wenn man will, dass sie gut arbeiten und gut leisten, dann muss man sie mit ins Boot holen.“ Arbeitnehmer müssen sich wertgeschätzt fühlen und sollten – wenn sie bereit sind mehr zu leisten – auch das Recht haben, weniger zu arbeiten.
    Unternehmer sehen in einer Wochenhöchstarbeitszeit den Vorteil, dass sie ihre Beschäftigten bedarfsgerecht einsetzen können, theoretisch bis zu 13 Stunden pro Tag. Denn die europäische Arbeitszeitrichtlinie garantiert Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern eine Ruhezeit von elf Stunden pro Tag.
    Allerdings gibt es in Branchen und Betrieben mit Tarifverträgen bereits viele Ausnahmeregelungen, die schon heute längere Arbeitszeit ermöglichen. Dafür bräuchte es keine Gesetzesänderung, argumentieren Gewerkschaften. Fast die Hälfte aller Beschäftigten arbeitet in tarifgebundenen Betrieben. Alle anderen wollen Teile der SPD von der Arbeitszeitreform ohnehin ausnehmen.

    Was spricht gegen flexiblere Arbeitszeiten?

    Gewerkschaften befürchten, dass flexiblere Arbeitszeiten der erste Schritt zu längeren Arbeitszeiten seien. Dabei würden längere Arbeitstage weder die Auftragslage der Unternehmen verbessern noch neue Absatzmärkte erschließen. Hinzu kommt, dass einer repräsentativen Befragung des DGB von 2025 zufolge, mehr als die Hälfte der Beschäftigten in Vollzeit gar nicht länger, sondern lieber kürzer arbeiten würde.
    Auch die Gesundheit leidet, wenn aus Achtstundentagen regelmäßig Zehn- oder Zwölfstundentage werden. Denn wer länger arbeitet, braucht längere Erholungszeiten. Zudem nimmt das Unfallrisiko zu, je länger der Arbeitstag andauert.
    Laut einer Studie der Krankenkasse Pronova BKK stuft mehr als ein Viertel der Befragten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ihren Gesundheitszustand mittelmäßig bis sehr schlecht ein. Überstunden, Termindruck und hohe körperliche Belastung im Arbeitsalltag werden am häufigsten als Auslöser für Stress benannt.
    Darüber hinaus ist es vielen Beschäftigten kaum möglich, aufgrund persönlicher und familiärer Verpflichtungen flexibel auf die Wünsche des Arbeitgebers einzugehen und länger zu arbeiten. Das betrifft insbesondere Frauen, da sie oft zusätzlich zur Erwerbsarbeit deutlich mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer. Dazu zählen die Betreuung von Kindern und Angehörigen, Hausarbeit oder ehrenamtliches Engagement.

    Wer würde von der Wochenarbeitszeit profitieren?

    Unternehmen könnten flexibler auf Auftragslagen reagieren und ihre Beschäftigten nach Bedarf einsetzen. Vollzeitbeschäftigte, die ihre Wochenarbeitszeit auf vier Tage verteilen, hätten dadurch einen freien Tag gewonnen.
    Ob flexible Wochenarbeitszeiten zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf beitragen können, hängt von der individuellen Situation ab. Wenn eine Viertagewoche mit einer täglichen Arbeitszeit von zehn Stunden bedeuten würde, dass Kinder an vier Tagen in der Woche im Grunde gar nicht von ihren Eltern betreut werden können, stellt sich die Frage, ob dies wirklich familienfreundlichere Arbeitsbedingungen wären.

    Quellen: Deutschlandfunk; Onlinetext: Kristina Reymann-Schneider