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Artenschutz
Kaviar-Schwarzmarkthandel bedroht den Stör

Ein Artenschutzsiegel auf Dosen oder Gläsern soll zeigen, dass Kaviar aus unbedenklichen Quellen stammt. Aber weil sich mit den Eiern des vom Aussterben bedrohten Störs enorme Summen verdienen lassen, existiert ein blühender Schwarzmarkt.

Von Andrea Rehmsmeier | 27.12.2013

    "UNO-City" nennen die Wiener den Sitz der Vereinten Nationen. In der Diplomatenwelt auf der Donau-Insel geht es um die großen Fragen der Globalisierung – und dabei spielt auch das organisierte Verbrechen eine Rolle. Jurij Fedotov, Direktor des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, sorgt sich seit einigen Monaten besonders um die wachsende Branche des illegalen Handels mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten.
    "Es gibt keine globale Schätzung. Aber wir gehen davon aus, dass der illegale Wildtierhandel allein in den Ländern Südostasiens einen Markt von bis zu 20 Milliarden Dollar ausmacht. Er geht mit Korruption und Gewaltverbrechen einher, und er kann zum Tode von Menschen führen."Kriminelle Banden nutzen für den Wildtierhandel die gleichen Vertriebskanäle wie für den Drogen-, Waffen- und Menschenhandel. Es gibt auch Verbindungen zum Terrorismus."
    Den illegalen Wildtierhandel, den Fedotov jetzt verstärkt mit Aufklärungs- und Strafverfolgungsprogrammen bekämpfen will, gibt es keineswegs nur in Südostasien.
    Im Herzen von Wien liegt der berühmte Naschmarkt. Hier schiebt sich an diesem Tag auch die Artenschützerin Jutta Jahrl durch das Gedrängel.
    Bis zu 250 Euro muss man auf dem Naschmarkt für eine 125-Gramm-Dose mit Schwarzem Kaviar vom Beluga-Stör berappen. Der Handel mit Kaviar von gefangenen Wild-Stören aus dem Schwarzen Meer und dem Kaspischen Meer ist derzeit verboten, legal ist nur der Verkauf von Zuchtkaviar. "Unser Kaviar stammt von wilden Stören aus dem Kaspischen Meer" – preisen dennoch vier der sechs Fischhändler auf dem Naschmarkt ihre Ware an. Das wäre illegaler Handel, erklärt die Mitarbeiterin des WWF. Doch ihr kundiger Blick auf die obligatorischen und offenbar vertrauenswürdigen Artenschutzsiegel der Dosen zeigt, dass der angebotene Kaviar tatsächlich aus legaler Aquakultur stammt: Die Verkäufer haben Unsinn erzählt. Besonders die kleineren Fischstände im hinteren Teil des Naschmarktes will sich Jutta Jahrl genauer ansehen.
    "Jetzt kommen die Fake-Kaviars, wahrscheinlich. Ich glaub, so richtigen Kaviar wird es jetzt nicht mehr geben. Aber es gibt diese schönen bunten Dosen, die Stör draufgemalt haben und kyrillische Schrift, die aber nicht wirklich vom Stör stammen."
    Nicht immer enthalten Kaviardosen das, was ihr Etikett deklariert, weiß Jutta Jahrl. Für eine Studie des WWF, die in diesem Sommer veröffentlicht wurde, hat sie Kaviarproben aus Bulgarien, Rumänien und Österreich per DNA-Analyse untersuchen lassen. Immer wieder fand sie minderwertige Ware: Statt edlem Beluga-Rogen enthielten viele Dosen billige Fischeier.
    "Als wir den Behörden unsere Studien damals aus Wien übergeben haben, hat mir einer gesagt, er fühlt sich eigentlich total schlecht, dass wir die Arbeit machen, die sie eigentlich machen sollten. Und sie haben keine Kapazität, um das nachzukontrollieren. Dann hilft es aber nichts."
    Noch mehr als über die Verbrauchertäuschung sorgt sich die WWF-Expertin über Vermarktung der aussterbenden Fischart. Ein besonders beflissener Kaviarhändler winkt sie nach kurzem Verkaufsgespräch hinter seinen Verkaufstresen. Er holt er eine Dose Beluga-Kaviar hervor: Die Banderole ist aufgerissen, das Etikett zerfetzt, der Artenschutz-Code unleserlich. Nicht auszuschließen, dass das Störweibchen, das für diese blaue Dose am Angelhaken hing, zu den letzten seiner Art gehörte.