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"Asyl-Dialoge"
Theater für mehr Willkommenskultur

Im Heimathafen Neukölln in Berlin haben nun die "Asyl-Dialoge" Premiere gefeiert. In dem Dokumentar-Theaterstück des Vereins "Bühne für Menschenrechte" lernen die Zuschauer die mitunter bedrückenden Geschichten politischer Flüchtlinge kennen. Im Februar beginnt die Tournee des Stücks.

Von Oliver Kranz | 23.01.2015
    Hände von Flüchtlingen hinter einem Stahlzaun.
    Die Theatermacher wollen mit ihrem Stück das gesellschaftliche Klima bezüglich Flüchtlingen verändern. Irrationale Ängste sollen ab- eine Willkommenskultur aufgebaut werden. (JACK GUEZ / AFP)
    Das Arrangement ist einfach: Sechs Schauspieler stehen nebeneinander und tragen die Texte vor. Ein Pianist und ein Schlagzeuger setzen musikalische Akzente.
    "Mein Name ist Wazir. Ich bin das erste Kind in der Familie. Mein Vater ist ein guter Arbeiter. Ingenieur. Ich wollte so werden wie mein Vater."
    Doch jetzt wird Wazir in seiner Heimat Pakistan von der Polizei gesucht. Er hat an einer Demonstration vor dem Haus eines Politikers teilgenommen.
    "Wir wollten mit ihm sprechen, aber er hat behauptet, wir hätten versucht, ihn umzubringen. Vor Gericht hieß es "versuchter Mord". Wenn ich nach Pakistan zurück müsste, dann käme ich 20 Jahre ins Gefängnis."
    "Wir erzählen die Biografien sehr ausführlich. Wir denken, dass das ein guter Startpunkt ist, damit Menschen sich dann noch nachhaltig mit diesen Themen beschäftigen",
    sagt Michael Ruf, der Regisseur und Autor des Stücks. Was man von den Flüchtlingen erfährt, hallt lange nach. Hawar stammt aus dem Irak. Als eine Miliz, die auch gegen die US-Truppen kämpfte, damit drohte, ihn festzunehmen, floh er nach Syrien. Dort konnte er gut leben, bis der Krieg ausbrach und er erneut fliehen musste – diesmal mit Frau und Kindern. Nach Monaten in einem Lager in der Türkei versuchte er, illegal nach Deutschland zu kommen. Doch schon in Bulgarien wurde er festgenommen.
    "Wir mussten uns an die Wand stellen. Ein Kleidungsstück ablegen. Zurück an die Wand. Wieder das nächste Kleidungsstück, bis wir splitternackt an der Wand standen. Splitternackt sich mehrmals um die eigene Achse zu drehen und sich dann nach vornüber zu beugen und wieder hochkommen, wieder nach vornüber beugen und immer den Beamten hinter sich stehen zu haben, das ist sehr demütigend."
    Und das war noch nicht einmal das Schlimmste, was er erlebte. Er wurde mit Schlagstöcken verprügelt und in dunkle Räume gesperrt – und das in einem EU-Land. Warum er am Ende doch nach Deutschland reisen durfte, weiß er nicht genau. Er würde gern bleiben.
    "Hawars Status ist momentan ungeklärt. Deutschland könnte seinen Antrag als offensichtlich unbegründet ablehnen und ihn auffordern, das Land zu verlassen. Anderenfalls wird er abgeschoben. Nach Bulgarien."
    Wohlwollende Hilfe
    Doch Hawar bekommt Hilfe. Ebenso wie die anderen Flüchtlinge, von denen im Stück berichtet wird. Es gibt Juristen, die Asylbewerber beraten, Aktivisten, die Demonstrationen organisieren, Studenten, die Flüchtlingskindern Nachhilfeunterricht geben. Auch diese Menschen kommen im Stück zu Wort ...
    "Wir wurden oft gefragt von Menschen ohne Fluchterfahrung: Was kann meine Rolle sein? Was habe ich zu tun mit dem Thema? Und in diesen Begegnungsgeschichten kann man sehen: Was kann passieren, wenn man mit Flüchtlingen in Kontakt ist? Wie kann man das eigene Land, die eigene Asylpolitik mit anderen Augen sehen?"
    Wie schon mit den "Asyl-Monologen" wird Michael Ruf auch mit den "Asyl-Dialogen" auf Tournee gehen. Publikumsgespräche, zu denen auch Vertreter lokaler Flüchtlingsgruppen eingeladen werden, gehören fest zum Konzept – schließlich wollen die Theaterleute das gesellschaftliche Klima verändern. Irrationale Ängste, die sich zum Beispiel in der Pegida-Bewegung zeigen, sollen ab- eine Willkommenskultur aufgebaut werden.
    Michael Ruf: "Es ist natürlich schwer zu messen, was so eine Arbeit bewirkt, aber wir machen immer Nachgespräche mit den Gastgebern, die uns eingeladen haben und fragen: Was hat sich vor Ort konkret getan? Und wir haben auch schon oft gehört, dass sich vor Ort wirklich was verändert hat und sich mehr Menschen engagieren."