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Auferstanden aus Ruinen

Goethe war hingerissen. Als er während seiner italienischen Reise auch in Padua weilte, besuchte er "il Mantegna”. Einen Freskenzyklus, der damals unter Italienreisenden berühmt war. Man konnte, man durfte nicht an Padua vorbeireisen ohne die "Geschichte des Heiligen Jakob und des Heiligen Christopherus” gesehen zu haben.

Thomas Migge |
    Tempi passati, vergangene Zeiten. Wer bis vor kurzem diese Fresken eines der bedeutendsten Maler der italienischen Kunstgeschichte sehen wollte musste eine der rechten Seitenkapellen der Chiesa degli Eremitani aufsuchen. Im Halbdunkel der Kappelle standen über 100 versiegelte Kisten. Darin lagerten jahrzehntelang die berühmten Fresken des Mantegna. In diesen Kisten aus Holz lagen über- und untereinander - und ohne dass sich jemand um ihren Erhalt kümmerte - mehr als 80.000 Fragmente. Jene Reste, die von den gemalten Geschichten des Jakob und des Christopherus übrig geblieben sind. Am 11. März 1944 sorgten allierte Bomben für das Ende der Mantegnakapelle in der Chiesa degli Eremitani. Jetzt werden die Fragmente zusammengesetzt. Mit einer bahnbrechenden Technik, erklärt Domenico Toniolo, Physikprofessor an der Universität Padua:

    Unser Ziel war es alle Fragmente, auch die kleinsten, auf einer Fotografie so anzuordnen, dass wir genau sehen, wo was hingehört. Das gelingt uns jetzt mit Hilfe eines Computers und eines ganz neuen Computerprogramms. Wenn das ein Mensch machen sollte, würde das von ihm ungeheure Anstregungen abverlangen.

    Aus diesem Grund hatte das Kulturassessorat der Stadt Padua jahrzehntelang die Fragmente in ihren Kisten gelassen. Immer wieder wetterten Kunstexperten aus ganz Europa gegen diesen Frevel und forderten - vergeblich - dass sich Restaurateure der Reste des Mantegna annehmen. Jetzt kommt ein Computer dem Menschen zu Hilfe. In Zusammenarbeit mit Kunsthistorikern und der städtischen Universität wurde das "Projekt Mantegna” entwickelt. Das erste vollständig computergesteuerte System für das Zusammensetzen zerbrochener Fresken. Dazu Domenico Toniolo, der das Projekt mitentwickelte:

    Die Hauptarbeit liegt also beim Rechner, der die auf CD-Rom erfassten Fragmente erfasst und mit dem auf seiner Hardware gespeicherten Fotografien der noch heilen Mantegnafresken vergleicht. Auf diese Weise kann auch das kleinste Fragmente zugeordnet. An diesem Punkt kommt der Mensch hinzu und überprüft die computergesteuerte Zuordnung.

    Das von Toniolo und seinen Kollegen entwickelte System wandelt die in den 20er Jahren entstandenen Schwarz-Weissfotografien der damals noch kompletten Fresken des Mantegna - das einzige erhaltene Bildmaterial - nach einem Algorithmus in Zahlenwerte um. Das gleiche Verfahren wird auch bei den auf CD-Rom erfassten Fragmenten der Fresken angewandt. Der Computer vergleicht die Zahlenwerte der einzelnen Fragmente und sucht die datentechnisch erfassten Fotografien nach diesen Zahlenkonstellationen ab. In nur wenigen Sekunden wird der Rechner fündig und ordnet ein Stück Fresko - zum Beispiel ein Stück Bart eines der beiden von Mantegna gemalten Heiligen - dem Gesamtbild zu. Der Rechner liefert anschliessend ein Bild der Fotografie, auf dem deutlich die zugeordneten Fragmente zu erkennen sind. Es entsteht also eine Art Geographie der erhaltenen Teile. Domenico Toniolo:

    Auf diese Weise ist es uns möglich jedes einzelne Teilstück eines Freskenbildes mit anderen Teilstücken in Verbindung zu setzen. Und das in einer Rekordzeit. Jedes noch so kleinste Fragment erhält somit seine Wichtigkeit.

    Bei ersten Tests an den Resten der zerstörten Wandbilder des Mantegna wurde deutlich, was diese neue Restaurierungstechnik bewirken kann: in nur wenigen Wochen Arbeit konnten bereits zehn Prozent der rund 80.000 Freskenstücke - die zirka 77 qm Wandfläche einnahmen - auf den Fotografien zugeordnet werden.

    Problematisch ist nur, dass der verheerende Bombenhagel 1944 einige Teile der Fresken total zerstört hat. Das "Projekt Mantegna” wird deshalb keine komplette Restaurierung liefern, aber es macht eine Rekonstruktion dieser Bilder, die einmal zu den beeindruckendsten der italienischen Kunstgeschichte gehörten, möglich.

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