Freitag, 12. August 2022

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Barockkunst und ihre Nachfolger

Barock muss nicht im Barock anfangen oder aufhören. Die Ausstellung "Deftig Barock" im Kunsthaus Zürich konfrontiert Fotos, Installationen, Skulpturen und Malerei der Gegenwartskunst mit Bildern aus dem 17. Jahrhundert.

Von Christian Gampert | 02.06.2012

    Im Mittelpunkt der Ausstellung steht ein zerknautschtes Doppelbett des in New York lebenden Schweizer Künstlers Urs Fischer, popfarben-hellblau, das Gestänge ist merkwürdig in die Knie gegangen. Das Ganze sieht aus wie ein Unfallauto, ein gestürztes Pferd als Liegestatt, ein Torso. Das Bett aber ist für die Kuratorin Bice Curiger ein Synonym für all die Themen, die gemeinhin mit dem Barock in Verbindung gebracht werden: man werde geboren im Bett, sagt sie, man mache dort Sex, meistens sterbe man auch dort.

    Sinnenfreude, Vanitas und Tod sind nun nicht gerade Themen, die heute gemieden werden. Curiger will aber, im Zuge der Post-68iger-Entfremdungsdebatte, gerade bei Gegenwartskünstlern eine zunehmende Sehnsucht nach Vitalität bemerkt haben – auch so ein Schlüsselbegriff des Barock.

    "Wenn ich an Albert Oehlen denke, der ja sehr früh auch den Computer, Computerprint in die Malerei hineingenommen hat, und dann aber auf solche Prints mit der flachen Hand, also ohne Pinsel, draufmalt, dann ist das ein Ausprobieren, ein Erleben des eigenen Körpers, der Malerei macht. Das ist auch ein Sich-Spüren-Wollen in der Malerei. Und das hat mit Vitalität und verlorener oder erträumter Vitalität etwas zu tun."

    Die Ausstellung konfrontiert nun Fotos, Installationen, Skulpturen, Malerei der Gegenwartskunst mit Werken des Barock – und will daraus Funken schlagen. Von der in einer Kiste gekreuzigten weiblichen Menschenfigur des Maurizio Cattelan (von 2007) schaut man zurück zu dem virilen, einen Fluss umleitenden Herkules des Francisco Zurbarán von 1634. Dabei geht es nicht um stilgeschichtliche Parallelen, die sind meist nicht vorhanden, und Curiger will auch nicht einen neuen Barock in der Gegenwart ausrufen. Aber es geht um gemeinsame Themen und Haltungen. Dabei stellt sich allerdings bald heraus, dass das Bäurisch-Burleske, des Opulent-Ausladende, Übertrieben-Künstliche, Düster-Religiöse der Barockwerke den Künstlern der Gegenwart weit überlegen ist; man sieht zwar, auf welchem Grund die Gegenwart steht, aber man sieht, trotz aller angestrebten Wollust, auch ihre ungeheure Coolheit.

    Curiger hat die Abteilungen sorgfältig voneinander getrennt und an bestimmten Punkten dann in einen Dialog gebracht: auf Raufasertapete der Barock, im White Cube die Gegenwart – verbunden durch Schlüsselskulpturen wie Urs Fischers gecrashtes Bett, Oscar Tuazons geometrisches Stahlgerüst oder Paul McCarthys Schneewittchen-Orgasmus, eine aus Holz gefräste Disney-Kitschfigur mit beigegebenem Zwerg.

    Im zentralen Barockraum sieht man links die Erotika und rechts die Albträume – von der schlafenden Venus geht es also zu den Flagellanten, den Hexenküchen, den Medusenhäuptern. Ob die stürzenden Leiber, die Apokalypsen des Jacob Swanenburg, der um 1600 das "Maul des Leviathan" malte, wirklich so viel zu tun haben etwa mit den metallisch gleißenden Figuren der Marilyn Minter, ob die postsowjetische Tristesse des Fotografen Boris Mikhailov wirklich nur die Kehrseite der Vanitas-Stilleben des Barock ist, das ist die Frage. Es gelingen dieser Ausstellung auf alle Fälle überraschende Bezüge: eben war man noch bei der "Fleischauslage" des Holländers Pieter Aertsen von 1551, und dann steht man vor einem deftig-ironischen Sexcomic von Robert Crumb. Sah man eben noch eine "Barbierstube mit Affen" von Abraham Teniers, so irrt man gleich darauf mit Diana Thaters Wackelkamera durch die Trümmer von Tschernobyl.

    Der Tod ist allpräsent in dieser verzweifelt die Sinnlichkeit suchenden Ausstellung, und am frechsten ist der letzte Raum inszeniert: Neben die Tierstillleben von Jusepe de Ribera, neben all die gerupften Hühner und toten Schweine mit hervorquellendem Gedärm hat man die großformatigen Alte-Frauen-Bilder von Cindy Sherman gehängt, wo der maskenhafte Reichtum der heutigen Oberschicht in Photoshopnachbearbeitung zu sehen ist. Postmoderne Dekadenz als barocke Fleischauslage.