Archiv

Bayern
Skizirkus am Riedberger Horn

Um zwei kleine Skigebiete zu verbinden, verändert Bayern einen Alpenschutz-Plan – zum ersten Mal seit 45 Jahren. Die Gemeinden rund um das Gebiet hoffen auf mehr Tourismus. Opposition und Naturschützer schlagen Alarm.

Von Tobias Krone | 25.11.2017
    Berni Huber, Ex-Weltcupskifahrer und Geschäftsführer des Skigebiets Grasgehren, steht vor dem baumlosen Gipfel des Riedberger Horns.
    Berni Huber, Ex-Weltcupskifahrer und Geschäftsführer des Skigebiets Grasgehren, würde das Gebiet gerne vergrößern. (Deutschlandradio/ Tobias Krone)
    Berni Huber: "Macht richtig Spaß, wenn man da die ersten Schwünge fahren kann auf tollem Schnee."
    Berni Huber grinst in die strahlende Sonne. Der Geschäftsführer des Skigebiets Grasgehren am Riedberger Horn schaut auf den halbvollen Parkplatz, die zwei gut gefüllten Skilifte. Nicht schlecht für einen Werktag Ende November. Berni Huber ist als Skirennläufer 1992 bei Olympia in Albertville angetreten. Gelernt hat er das Fahren hier, im Familienskigebiet.
    Berni Huber: "Es ist nicht zu steil und gerade für Anfänger und Fortgeschrittene ideal für unser Klientel, die Familien, einfach sehr sehr gut. Und das macht ein bisschen das Flair aus. Gemütlich. Klein und fein."
    An Größe und Gemütlichkeit könnte sich hier demnächst etwas ändern. Denn zusammen mit der Nachbargemeinde Balderschwang will man eine Bergbahn verlängern – und Grasgehren über eine neue Piste mit dem dortigen Skigebiet verbinden – eigentlich eine überschaubare Angelegenheit. Doch dafür müsste man nahe vorbei am Gipfel des Riedberger Horns. Und der war bisher Schutzzone C, das heißt Tabu für touristische Nutzung. Aus gutem Grund: Das seltene und streng geschützte Birkhuhn lebt dort oben, auf über 1700 Metern. Nun hat der bayerische Landtag entschieden, für das Projekt den deutschen Alpenplan umzuschreiben – und die Schutzzone zu verlegen. Das erste Mal seit 45 Jahren.
    Florian von Brunn: "Statt ruhiger Almen und stiller Bergnatur Massentourismus und Vergnügungsparks, Schneekanonen, Schneebars und Musikantenstadl – Sölden und Zillertal in Bayern: das wäre es ohne den bayerischen Alpenplan."
    "Auf Kosten der Natur Kasse machen"
    Florian von Brunn, Naturschutzexperte der SPD wettert am 9. November im Landtag gegen die Entscheidung. Den Sozialdemokraten und den Grünen geht es dabei ums Prinzip, man fürchtet, auch anderswo könnten Skigebiet-Projekte in bisher geschützten Zonen wieder aus der Schublade geholt werden.
    Florian von Brunn: "Und warum das Ganze? (…) Weil Sie es, Herr Söder, und auch der Herr Kreuzer, Ihren Spezln dort ermöglichen wollen, auf Kosten der Natur Kasse zu machen."
    Auch CSU-intern ist das Projekt umstritten. Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf äußerte sich kritisch, ebenso wie die Umweltbehörden. Umwelt- und Tierschutzverbände sowie der Alpenverein – alle sind strikt gegen die Entscheidung. Darf eine Regierung so einfach ein jahrzehntelanges Prinzip kippen? - Ja. Denn schließlich hätten sich die beiden betroffenen Gemeinden am Riedberger Horn dafür ausgesprochen, sagt Markus Söder.
    "Wenn in einer Gemeinde Leute entscheiden, in einem demokratischen Verfahren – es hätte ja auch anders ausgehen können, so eine Entscheidung -, dann finde ich, sind wir das aus demokratischen Gesichtspunkten als oberster Repräsentant der Demokratie in Bayern schuldig, dass wir auch Respekt vor der kommunalen Demokratie haben, meine Damen und Herren, und die nicht einfach nur so arrogant zur Seite wischen."
    Söder als Anwalt der kleinen Landgemeinden
    Wie so häufig tritt Söder als Anwalt der kleinen Landgemeinden auf. In den Dörfchen Balderschwang und Obermaiselstein, wo man hauptsächlich vom Tourismus lebt, ist man froh über die Entscheidung – und beginnt mit den konkreten Planungen für den Ausbau des Skigebiets. In der breiteren Region Allgäu ist die Stimmung weniger eindeutig.
    Rund eintausend Demonstrierende empfingen Ministerpräsident Horst Seehofer im Sommer bei einem Auftritt in Kempten mit dem Ruf: "Hände weg vom Alpenplan!" Mit organisiert hat den Protest Martin Simon von der Allgäuer Bürgerinitiative "Freundeskreis Riedberger Horn". Sie wollen das Schutzgebiet erhalten – und sich nicht damit abfinden, dass die Staatsregierung für die gestrichene Schutzzone C ein Vielfaches an Ausgleichsflächen nebenan ausgewiesen hat.
    Martin Simon: "Es ist ja schön, wenn man andernorts auf der anderen Seite und ein bisschen weiter weg Ausgleichsflächen schafft – wer zieht dann die Birkhühner um, frage ich jetzt mal ganz platt."
    Auf der anderen Seite, in Balderschwang, steht Bürgermeister und Hotelier Konrad Kienle, ein rundlicher Gemütsmensch, auf der Dorfstraße, gesäumt von mehreren großen Hotels. Er sieht im Zusammenschluss der Skigebiete die wirtschaftliche Zukunft seiner Gemeinde gesichert.
    "Es gibt einen unwahrscheinlichen Qualitätsschub. Mit einem kleinen Verbindungsstück bekommen Sie zwei Skigebiete zusammen. Ohne dass man viel baut und macht."
    Konrad Kienle, Bürgermeister des 300-Seelendorfs Balderschwang.
    Konrad Kienle, Bürgermeister des 300-Seelendorfs Balderschwang. (Deutschlandradio/ Tobias Krone)
    Angst vor zu viel Tourismus am Riedberger Horn
    Gegen den Skitourismus habe man nichts, versichern die Gegner. Aber man fürchte, die Urlauber könnten das Riedberger Horn überrennen – zumal die Planer auch einen Sommerbetrieb der Bergbahn für Wanderer und ein Bergrestaurant nahe des Gipfels nicht ausschließen. Zurück im alten, noch sehr kleinen Skigebiet Grasgehren. Die Meinungen der Skifahrer zu dem Thema gehen auseinander.
    Mann: "Ich halte es für nicht so tragisch, da einen Lift raufzumachen. Nachdem so viele Tourenski unterwegs sind, dürfte sich auch das Birkhuhn und der Auerhahn oder was dran gewöhnen."
    Frau: "Ich halte gar nichts davon, ich bin dagegen. Dass sie das jetzt ausbauen. Zu viele Leute werden dann kommen – für dieses kleine Gebiet eigentlich."
    Manchen wäre es sehr recht, bliebe der Skizirkus am Riedberger Horn so fein – und klein wie eh und je. Viele fürchten, dass Heimatminister Söder für das Projekt zweier kleiner Gemeinden das größte Kapital verspielt, das Bayern besitzt: eine halbwegs intakte Alpenlandschaft.