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Beethovens "Missa Solemnis"
Harnoncourts letzte Aufnahme

Nikolaus Harnoncourt und der von ihm gegründete Concentus Musicus Wien revolutionierten und prägten die Musikszene mit ihren Interpretationen. Vor Kurzem ist beim Label Sony Classical die letzte Aufnahme des Dirigenten erschienen, in der er sich noch einmal mit einem Monumentalwerk auseinandersetzt: Ludwig van Beethovens "Missa Solemnis" op. 123.

Von Klaus Gehrke | 17.07.2016
    Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt
    Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt (picture alliance /dpa /epa Keystone Sigi Tischler)
    Eigentlich sollte die "Missa Solemnis" der glanzvolle musikalische Höhepunkt bei der Einführung von Beethovens Schüler, Freund und Förderer Erzherzog Rudolf von Österreich zum Erzbischof von Olmütz sein; doch als der 1820 sein neues Amt antrat, war Beethovens Messe noch weit von ihrer Vollendung entfernt. Erst drei Jahre später konnte der Komponist das Werk abschließen, das bis heute mit seinen gewaltigen Dimensionen beeindruckt.
    Schwierige Beziehung zur "Missa"
    Vermutlich waren es genau diese Dimensionen mit Tendenz zum Pathos, die den jungen Cellisten Nikolaus Harnoncourt eher abstießen. Bei den Wiener Symphonikern, so ist im Booklet der CD zu lesen, lernte er sieben Interpretationen der "Missa Solemnis" kennen, die ihr seiner Meinung nach "nicht angemessen" waren. Jahrzehnte lang fand Harnoncourt keinen Zugang zu dem Werk; erst 1988 dirigierte er Beethovens monumentale Messe – und war tief beeindruckt von deren inniger Emotionalität. Sie stand vier Jahre später auf dem Programm seines Debüts bei den Salzburger Festspielen.
    2006 spielte Harnoncourt die "Missa Solemnis" erstmals auf CD ein – damals mit dem Chamber Orchestra of Europe. Die jetzt erschienene Aufnahme mit dem Concentus Musicus dürfte den Klangvorstellungen des Dirigenten hundertprozentig entsprechen. Denn das Orchester spielt auf Instrumenten des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts mit entsprechend tieferer Stimmung und verleiht damit der Missa einen eher samtig-weichen und zugleich obertonreichen farbig differenzierten Ton. Volle Tuttipassagen wie etwa der Beginn des Gloria klingen dadurch weniger knallig pompös, sondern mehr kraftvoll energetisch. Mit dem Arnold Schönberg Chor hat Nikolaus Harnoncourt ebenso oft und gern zusammengearbeitet, sondern auch mit Laura Aikin, Bernarda Fink, Johannes Chum und Ruben Drole, den Solisten dieser Aufnahme. Sie gestalten ihre Partien mit großer Innigkeit und Schlichtheit sowie nuancen- und facettenreicher Dynamik. Ein Beispiel dafür ist das Quartett "Et incarnatus" aus dem "Credo".
    Interpretation aus der Stille
    Gerade den leisen Passagen misst Harnoncourt bei seiner Interpretation große Bedeutung zu, wie er überhaupt die monumentale Messe aus der Stille heraus sieht. Darüber hinaus spielen auch Beethovens über 30 verschiedene Tempoangaben für die unterschiedlichen Messetextpassagen in dem Werk für ihn eine wichtige Rolle. In ihnen erkannte Harnoncourt eine versteckte Tempodramaturgie des Komponisten. Diese hatte er vermutlich schon bei seiner ersten Einspielung 2006 entdeckt, denn die jetzige Aufnahme ist mit etwas über 81 Minuten praktisch genauso lang wie die andere. Verglichen mit John Eliot Gardiners "Missa Solemnis", die 2013 auf den Markt kam, lässt Harnoncourt sich deutlich mehr Zeit. Gardiner lässt seine Solisten beispielsweise im Abschnitt "Pleni sunt coeli" im "Sanctus" durchaus virtuos aufjubeln; die gleiche Passage klingt in Harnoncourts neuer Aufnahme wesentlich ruhiger.
    Friedensbitte und Kriegsgetümmel
    Ungewöhnlicher und bis heute noch rätselhafter Höhepunkt der "Missa Solemnis" ist der Schluss des "Agnus Dei", in dem plötzlich martialisch kriegerische Rhythmen anklingen. Als Beethoven diesen Satz komponierte, lagen seine Wiener Kriegserfahrungen mit den Napoleonischen Truppen über zehn Jahre zurück. Und sicherlich, so sagt Harnoncourt in einem im Mai 2015 geführten Interview, das im Booklet abgedruckt ist, dürften diese bei der Bitte des Komponisten um den inneren und äußeren Frieden nachgewirkt haben. Aber für den Dirigenten ist ein anderer Aspekt noch wichtiger:
    "Das Schlachtengemälde schildert viel mehr den Konflikt im Inneren des Menschen. Und es kommt mir viel plausibler vor, dass der innere Konflikt das eigentliche Drama ist. Das Innere ist wichtiger als das Äußere. Das ist doch für jeden Menschen so."
    Für diese Auseinandersetzung nimmt Harnoncourt sich Zeit; und sowohl das "Dona nobis pacem" als auch der Rest der "Missa Solemnis"-Einspielung spiegelt das wider, wofür der Dirigent sich sein Leben lang leidenschaftlich eingesetzt hat: eine in allen Einzelheiten durchdachte und im historischen Kontext durchleuchtete Interpretation.