Freitag, 02. Dezember 2022

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Beethovens Streichquartette
Virtuosität, Energie, Leidenschaft

Das Aris Quartett zählt zu den bemerkenswertesten Ensembles der jungen deutschen Streichquartettszene. Der Absprung zur internationalen Karriere ist geschafft. Auf ihrer neuen CD spielen die Musiker zwei Werke von Beethoven und packen den Hörer damit unmittelbar.

Am Mikrofon: Klaus Gehrke | 24.09.2017

    Die Musikerinnen und Musiker des Aris Quartetts mit ihren Instrumenten
    Junge Meister ihres Faches: das Aris Quartett (Website Aris Quartett)
    Wer als Komponist Ende des 18. Jahrhunderts in Wien etwas auf sich hielt, der komponierte Streichquartette. Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart hatten die Messlatte in dieser Gattung schon recht hoch gelegt; allerdings fand auch Ludwig van Beethoven 1798 mit den Haydn gewidmeten sechs Streichquartetten op. 18 Beifall und Anerkennung. Die acht Jahre später entstandenen so genannten Rasumowsky-Quartette op. 59 dagegen wurden weit weniger goutiert. So irritierte etwa das dritte die Hörer mit einer eigenartig düster umwölkten, scheinbar ziellosen Einleitung, die plötzlich in ein quirlig energisches Allegro umschlägt.
    Rätsel um Auftraggeber
    Bekannt geworden sind Beethovens drei Quartette op. 59 unter dem Namen seines Widmungsträgers, des russischen Diplomaten Graf Andrej Rasumowsky; doch ob er auch den Auftrag zu den Werken gab, wird von der neueren Forschung angezweifelt. Möglicherweise regte Beethovens enger Freund, der Geiger Ignaz Schuppanzigh, den Komponisten zu den Quartetten an. Immerhin unterscheiden sie sich in ihren technischen Anforderungen an alle vier Instrumente deutlich von seinen frühen Werken; mit ihnen holt Beethoven die Gattung Streichquartett aus den Salons und transportiert sie in den Konzertsaal; denn zum einfach gemütlichen Spiel sind diese Quartette viel zu schwierig. Während er in op. 59, 1 und 2 mehrere russische Originalmelodien verarbeitete, setzte Beethoven sich im dritten Rasumowsky-Quartett mit verschiedenen Satztechniken auseinander. Interessanterweise begegnet einem hier noch einmal ein ganz klassisch angelegtes Menuett mit Trio, was der Komponist zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon längst gegen das Scherzo ausgetauscht hatte. Diesen Quasi-Blick zurück spielt das Aris Quartett mit einem schlichten, aber überaus delikaten Ton.
    Junges Spitzenquartett
    Anna Katharina Wildermuth und Noémi Zipperling, Violine, Caspar Vinzens, Viola, und Lukas Sieber, Violoncello, die wir hier in einem Ausschnitt aus dem dritten Satz des Beethoven-Quartetts op. 59, 3 hörten, schlossen sich 2009 zum Aris Quartett zusammen; damals waren die 15 – 18-Jährigen Jungstudenten an der Frankfurter Musikhochschule, die kurze Zeit später unter anderem bei Günther Pichler, dem Primarius des legendären Alban Berg Quartetts, und den Mitgliedern des Artemis Quartetts studierten. Ihre zupackenden Interpretationen voller mitreißender Emotionalität und virtuoser Vitalität bescherten ihnen ab 2012 regelmäßig erste Preise bei internationalen Wettbewerben; im vergangenen Jahr wurde das Aris Quartett beim renommierten ARD-Musikwettbewerb in München gleich fünfmal ausgezeichnet – vor allem für seinen fulminanten Vortrag von Beethovens drittem Rasumowsky-Quartett. Davon kann man sich auf der ebenso fulminant gelungenen CD-Einspielung überzeugen, etwa im vierten Satz.
    Preisgekrönte Beethoven-Interpretation
    Präsentierte das Aris Quartett auf seinen ersten beiden CDs mit Werken von Haydn, Reger, Zemlinsky, Bartók und Hindemith vor allem eine breite stilistische Vielfalt sowie sein großes persönliches Interesse an der Musik des 20. Jahrhunderts, so steht ihre neue CD komplett im Zeichen Beethovens. Neben dessen op. 59,3 haben die vier Musikerinnen und Musiker das drittletzte Quartett in cis-Moll op. 131 ausgewählt, ein Werk, welches der völlig ertaubte Beethoven im Sommer 1826 komponierte. Mit seinen sieben Sätzen lässt es die klassische drei- oder viersätzige Anlage weit hinter sich; allerdings scheint Beethoven selbst bei diesem Werk an einen groß angelegten Satz mit sieben Abschnitten gedacht zu haben, die zum Teil ineinander übergehen. Mittelpunkt ist in mehrerlei Hinsicht der vierte Satz, ein Andante ma non troppo, das mit fast 14 Minuten Spieldauer ein Drittel des gesamten Werkes einnimmt, und in dem der Komponist mit sechs sehr freien Variationen noch einmal seinen gesamten Ideenreichtum präsentiert.
    Packende Interpretation
    Sanft, zart berührend und ganz homogen auf der einen Seite und dann wieder wild auffahrend, die Tiefen auslotend und bis ans Limit gehend auf der anderen: Wer dem Aris Quartett bei der Interpretation dieser beiden Beethoven-Werke zuhört, rutscht automatisch auf die Stuhlkante. Die Musiker liefern eine packende Interpretation, sensibel leuchten sie die Stücke aus, wuchtig ist ihre Dynamik, präzise und klar arbeiten sie vor allem in den Fugenteilen die Linienführung heraus und in den ruhigen Sätzen die großen Bögen mit ergreifenden Kantilenen. Diese Aufnahme ist schon etwas ganz Besonderes. Vor allem, wenn man bedenkt, dass da kein Quartett mit jahrzehntelanger Erfahrung, sondern ein geradezu blutjunges Ensemble musiziert. Und das kann sich in Sachen Kraft, Emotionalität, Ausdruck und insbesondere Risikofreudigkeit durchaus mit den etablierten Kollegen messen.
    Ludwig van Beethoven
    Streichquartette Nr. 9, op. 59,3 und Nr. 14, op. 131
    Aris Quartett
    Genuin Gen 17478