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BerichterstattungSport kritisch und zugleich emotional begleiten?

Bei den Olympischen Spielen in Rio im Sommer 2016 hat sich gezeigt, wie schwierig der Spagat zwischen Berichterstattung über Sport und über die negativen Rahmenbedingungen wie Doping, Korruption und politische Spannungen ist. Beim Mainzer MedienDisput haben sich Sportler, Journalisten und Wissenschaftler der Frage angenommen, wie sich der Sportjournalismus weiter entwickeln und wie transparent er werden muss.

Von Jörg Wagner | 13.11.2016

A TV cameraman shoots during the Women's Individual 1/8 Eliminations of the Archery events during the Rio 2016 Olympic Games at the Sambodromo in Rio de Janeiro, Brazil, 11 August 2016. Photo: Sebastian Kahnert/dpa | Verwendung weltweit
Rio 2016 - TV-Kamera beim Bogenschießen (Sebastian Kahnert/dpa/picture alliance)
Der Sommer 2016 war für den Leistungssport eine Zäsur. Die Olympischen Spiele in Rio stürzten Athleten und berichterstattende Journalisten in eine beachtliche Motivationskrise. Auch den mit fast 40 Dienstjahren im Sportjournalismus tätigen Sportchef des ZDF, Dieter Gruschwitz, der seine 16. Olympischen Spiele erlebte:
"Für mich war diese Spiele in Rio im Vorfeld so überlagert von Schattenseiten, dass ich mich gar nicht so richtig freuen konnte. Ich bin hingefahren, habe meinen Job gemacht und bin wieder nach Hause gefahren. Und diese Erkenntnis haben, glaube ich, sehr viele andere Kollegen auch gehabt."
Olympische Sommerspiele waren vorbelastet
Massive wirtschaftliche und politischen Spannungen im Gastgeberland, der Zika-Virus, Korruptionsvorwürfe, Umweltverschmutzung und nicht zuletzt das Thema Doping entzauberten Olympia und den Leistungssport. Die Wildwasserkanutin Silke Kassner:
"Herr Gruschwitz, Ihre Sicht auf die Olympischen Spiele, die können wir als Athleten teilen. Das war im Vorfeld so belastet, was uns Sportler betrifft eben: Anti-Doping, nicht zuletzt wirklich durch die Recherche eben von auch Herrn Seppelt, das hat uns richtig fertig gemacht und wir haben uns gar nicht mehr auf die Spiele gefreut."
Silke Kassner beschwert sich nicht über die kritische ARD-Dopingberichterstattung. Die Zeiten, als Journalisten wie Hajo Seppelt als Nestbeschmutzer galten, sind überwunden. Zumindest in Deutschland. Der deutsche Sportjournalismus habe ein anderes Problem, gerade im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das höhere journalistische Maßstäbe haben sollte als kommerzielle Sender. Hajo Seppelt:
"Wir machen eine gesellschaftspolitische Betrachtung und Diskussion über die Frage wie man mit Sport umgeht und eine Minute später kommt der Trailer mit einer röhrenden Stimme: 'Und jetzt kommt Usain Bolt. Die 100 Meter! Das Ereignis der Olympischen Spiele.' Da wird genau das, was wir versucht haben gesellschaftlich zu diskutieren, plötzlich konterkariert durch die nächste Sache. Auf der einen Seite machen wir Hochkultur und dann spielen wir Barbie."
Für den erfahrenen ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz ist dieser Widerspruch nicht aufzulösen. Dieser Spagat gehöre zum Sport.
"30 Millionen Zuschauer bei einem Finale einer Fußball-WM, schalten doch nicht ein, um jetzt einen Kulturton zu hören, sondern sie wollen mitgenommen werden durch die Reporter, durch die Moderatoren, durch die Interviewer."
Seppelt: "jahrelang Sportbetrug live übertragen"
Für Hajo Seppelt kein Argument: "Wir haben im Deutschen Fernsehen nichts anderes als jahrelang großflächig Sportbetrug live übertragen. Ob Tour de France oder Olympia, Sotschi wird in den nächsten Wochen herauskommen der Bericht. Wir werden alle vom Glauben abfallen, was da passiert ist."
Dieser neueste WADA-Report des kanadischen Rechtsprofessors Richard McLaren wird für Mitte Dezember erwartet. Aber bereits jetzt liegen viele Hinweise für Sportbetrug auf dem Tisch. Für Wildwasserkanutin Silke Kassner auch ein Grund, sich sportpolitisch zu engagieren. Sie vertritt bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA) die Athlet/innen-Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes, der sie als stellvertretende Vorsitzende angehört. Jetzt ginge es darum, sich auch als Sportlerinnen und Sportler stärker zu positionieren. Aber:
"Dieses Netzwerk existiert eigentlich im Augenblick nicht. Wir sind neun ehrenamtlich gewählte Athletenvertreter. Das ist einfach überhaupt nicht mehr zu leisten. Allein dieses Thema Anti-Doping - da haben wir zu dritt im Grunde drei Stellen voll gemacht, um das irgendwie inhaltlich für uns aufzuarbeiten, Stellungnahmen für die Athleten zu produzieren, in Gremien zu gehen, mit anderen Athleten-Vertretungen international zu sprechen."
Den Zuschauern klar machen, wohin das Geld fließt
Auch der Sportjournalismus müsse sich weiterentwickeln. Gerade im öffentlich-rechtlichen System müsse er transparenter sein zum Beispiel bei den Geldflüssen. Prof. Dieter Dörr vom Mainzer Medieninstitut:
"Nicht 100 Prozent Transparenz. Es gibt durchaus auch Bereiche, wo ich zumindest im Vorfeld nicht transparent sein kann und darf, etwa bei Vertragsverhandlungen. Weil sonst ja die anderen Bieter wissen, was ich gedenke, auf den Tisch zu legen. Etwa bei Rechten für Sportereignisse. Aber im Nachhinein muss ich transparent sein. Ich muss allen Zuseherinnen und Zusehern, allen Hörerinnen und Hörern klar machen, warum ich für welche Bereiche wie viel Geld ausgegeben habe."
Sich ehrlich machen, der Gesellschaft und nicht nur den Gremien dienen. Das will die ARD, aber nicht gegen geltendes Recht und lässt zur Zeit die juristischen Rahmenbedingungen überprüfen. Die ARD-Generalsekretärin Dr. Susanne Pfab sieht noch ein anderes Problem:
"Ich sag's auch ganz offen, wir müssen den einen oder anderen in der ARD auch noch mitnehmen bei unseren Transparenzbemühungen. Es wird meistens in Verbindung gebracht mit dem Thema Sportrechte oder Moderatoren-Verträge, aber es geht ja auch um ganz andere Bereiche, wo wir Transparenz schaffen wollen. Eine Idee wäre für uns auch, Sportrechtemanagement offen zu legen oder, wie werden Gremien eingebunden."