Samstag, 03. Dezember 2022

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"Berlin ist zu einem riesigen Magneten geworden"

In Dänemark ist die Berlin-Fixierung noch größer als in Deutschland, kritisiert der Leiter Bernd Kretschmer den Umzug seines Instituts an die Spree. Ihm seien aber weder Zeitpunkt noch Ort einer Wiedereröffnung in Berlin bekannt, fügte Kretschmer hinzu.

Bernd Kretschmer im Gespräch mit Beatrix Novy | 22.11.2011

    Beatrix Novy: Gestern kam eine Presseaussendung, geschickt vom Dänischen Kulturinstitut in Bonn, des Inhalts, dass es in Bonn demnächst kein dänisches Kulturinstitut mehr geben wird. Nach 50 Jahren werde es im Dezember seine Arbeit einstellen. Jetzt also noch die Vorführung eines Films des dänischen Regisseurs Sören Kragh-Jacobsen, ein Vortrag über Isländer-Sagas. Das kam nun etwas plötzlich. Gleichzeitig ist die Rede nicht wirklich von Schließung, sondern von einem Umzug nach Berlin. - Frage an Bernd Kretschmer, Leiter des Dänischen Kulturinstituts in Bonn: Wie wird denn die Schließung überhaupt offiziell begründet?

    Bernd Kretschmer: Die offizielle Begründung ist einfach – das kann ich nur wiederholen; es ist eine, die kam für mich auch überraschend -, dass ein Vorstandsbeschluss gefasst wurde, wir machen in Bonn zu und werden das Institut nach Berlin holen. Das hängt damit zusammen, dass in Dänemark die Berlin-Fixierung fast noch größer ist als hier in Deutschland. Berlin ist zu einem riesigen Magneten geworden in den letzten zehn Jahren. Viele dänische Künstler und Kulturschaffende haben sich in Berlin niedergelassen inzwischen.

    Novy: Das heißt aber auch, dass es keineswegs so ist, dass die dänische Kultur, das Institut sich aus Deutschland zurückzieht?

    Kretschmer: Die Wege der Politik und der Kulturpolitik sind natürlich etwas geheimnisvoll manchmal. Geplant ist es schon, in Berlin wieder aufzumachen. Wann jedoch, steht noch in den Sternen. Ich selber habe die Information nicht, das weiß man auch bei unserem Hauptbüro nicht.

    Novy: Gibt es denn einen Ort, einen vorgesehenen?

    Kretschmer: Nein! Nein, auch noch nicht. Noch gar nichts! Eine Neueröffnung oder Wiedereröffnung - wohl kaum ... vielleicht im nächsten Jahr irgendwann.

    Novy: Das könnte ja doch für ein gewisses Desinteresse sprechen, für die Möglichkeit, dass es gar nicht mehr passiert. Was stünde da dahinter?

    Kretschmer: Dass es gar nicht passiert, liegt dahinter: auch wieder auf ziemlich hoher politischer Ebene. Wir sind als Gesamtorganisation eine öffentlich-rechtliche Einrichtung, mit eigenem Vorstand und so weiter, bekommen aber natürlich auch die Gelder vom dänischen Kulturministerium. Das heißt, wir haben da ein Mitspracherecht, und da ist man ein bisschen der Meinung, dass man sagt, na ja – das gilt übrigens nicht nur für Dänemark; diese Entwicklung beobachten wir bei anderen Ländern auch -, wir haben in Berlin eine Botschaft mit einer Presse- und Kulturabteilung und das muss leider reichen, und wir müssen auch im globalen Rahmen zum Beispiel an die Schwellenländer denken.

    Novy: Da würde man also lieber mal ein Institut eröffnen?

    Kretschmer: Lieber nicht! Da war Dänemark ziemlich schnell. Vor fünf Jahren ist in Peking eines eröffnet worden. Jetzt fragt man sich in Deutschland natürlich, na ja, was wollen die Chinesen mit dänischer Kultur, das ist ja ein bisschen weit weg. Aber so denken ja die Politiker nicht. Da stehen ja auch andere Sachen dahinter. In Brasilien wurde eines vor drei Jahren eröffnet, also die normalen Schwellenländer, die wir so kennen.

    Novy: Als vor fünf Jahren das Goethe-Institut in Kopenhagen zurückgestuft werden sollte, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung ganz empört darüber, und da gab es natürlich auch diesen Ausspruch, Kopenhagen ist out, Schanghai ist in. Das heißt, es gab ja auch beim Goethe-Institut eine Verlagerung nach außen.

    Kretschmer: Ja, genau. So ist das zu sehen. British Council hat in Kopenhagen zum Beispiel ganz zugemacht. Also das alte Europa hat es zurzeit recht schwer, sage ich mal. Das gilt jetzt nicht nur für die Dänen, das gilt für alles und das sind so, wie ich finde, dann auch natürlich die Negativauswirkungen der Globalisierung.

    Novy: Und man könnte sich ja fragen, ob Europa, das in der globalen Bedeutungshierarchie ja gerade Federn lässt, nicht eher zusammenhalten und das Bewusstsein der gemeinsamen Kultur plus Differenzen stärken sollte?

    Kretschmer: Ja, das ist richtig. Das ist aber dann leider nur Wunschdenken von Ihnen und von mir und vielleicht von vielen. Unser Publikum hier – wir haben ja bundesweit gearbeitet. Wir haben uns beteiligt an Ausstellungen in Stuttgart, in Hamburg und so weiter. Und die Leute oder die Kulturvermittler, Institutionen und so weiter innerhalb dieses Netzwerkes, bedauern das natürlich auch sehr. Aber an wen kann man appellieren, es doch nicht zu machen? Die Möglichkeiten sind sozusagen kaum da. Wenn da ein Beschluss da ist, der dann politisch auch noch gestützt wird ... ich weiß noch genau: ich kannte den damaligen Leiter des Goethe-Instituts in Kopenhagen sehr gut, und da war die Reaktion auch in Dänemark unter den Intellektuellen und Kulturkreisen Empörung und es wurde ein offener Brief geschrieben an die damalige Leiterin des Goethe-Instituts in München. Aber das bringt alles nichts und hilft nicht – leider.

    Novy: Der Fall ist exemplarisch. Das Dänische Kulturinstitut in Bonn wird geschlossen. Das war Bernd Kretschmer, Leiter des Instituts.

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.