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Berliner Humboldt Forum
Diversität und Demütigung

Mitarbeiter des Aufsichtspersonals im Berliner Humboldt Forum berichten von rassistischen und sexistischen Äußerungen sowie angedrohten Kündigungen und anderen Missständen. Die Leitung des Humboldt Forums nimmt die Vorwürfe ernst, hat personelle Konsequenzen gezogen und will aufklären.

Von Christiane Habermalz | 19.05.2021
Der Schriftzug des Humboldt Forums vor der Eröffnung. Das Humboldt Forum im wiederaufgebauten Berliner Schloss soll nach gut sieben Jahren Bauzeit und mehrfach verschobener Eröffnung am Dienstag (16. Dezember) seine Pforten öffnen - coronabedingt zunächst nur digital.
Antirassistisch, divers und weltoffen will das Humboldt-Forum sein. Mitarbeiter des Aufsichtspersonals berichten vom Gegenteil (picture alliance/dpa | Fabian Sommer)
Die Vorwürfe betreffen eine Tochtergesellschaft des Humboldt Forums, die Humboldt Forum Service GmbH, die Ende 2020 insgesamt 75 Personen für den Besucherservice eingestellt hat. Seitdem kam es zu zahlreichen Entlassungen, andere Beschäftigte gingen von selbst. Von einem Klima der Angst und Demütigung ist die Rede, von rassistischen und sexistischen Bemerkungen und drohender Kündigung, wenn sich jemand beschwerte.
Nadine Geyersbach, Irene Kleinschmidt und Martin Baum (v.l.) in "Aus dem Nichts" am Theater Bremen in der Regie von Nurkan Erpulat. Ein Schauspieler und zwei Schauspielerinnen stehen auf einer Theaterbühne. Der Mann und eine der Frauen führen ein Gespräch.
Machtmissbrauch am Theater
Frauen haben eine höhere Arbeitsbelastung, sind häufiger existenziell bedroht, erfahren öfter psychischen oder physischen Missbrauch. Studien-Herausgeber Thomas Schmidt sieht eine Ursache bei den Intendanten.
Über die Mitarbeiter soll zudem eine Liste geführt worden sein, auf der auch persönliche Informationen notiert worden seien, etwa Schlafstörungen und psychotherapeutische Behandlungen, ob jemand sich für andere einsetzt oder gerne Missstände kritisiert. Auch Sonderwünsche für die Einteilung zu bestimmten Schichten seien vermerkt worden mit dem Hinweis "Gehaltskürzung".

Ernste Vorwürfe

Man nehme die Vorwürfe sehr ernst, ließ Kulturstaatsministerin Monika Grütters verlauten, die dem Stiftungsrat vorsitzt. Auch die Stiftung Humboldt Forum reagierte betroffen auf den Medienbericht. Eine solche Liste hätte nie existieren dürfen, erklärte Christine Rieffel-Braune, die im Vorstand des Humboldt Forums für die Tochtergesellschaft zuständig ist. "Eine solche Liste, ganz klar, die darf es nicht geben, wir haben uns bei den betroffenen Mitarbeiterinnen auch entschuldigt, also mündlich bis jetzt, und schreiben die jetzt heute und morgen auch noch an um ihnen genau mitzuteilen, was auf dieser Liste stand."

Klima der Angst

Wer die Liste angefertigt habe und welchen Personenkreisen sie zugänglich gewesen sei, werde derzeit von der Innenrevision untersucht, die verantwortlichen Geschäftsführerin der Tochtergesellschaft sei von ihren Aufgaben entbunden worden. Von einem Klima der Angst sei jedoch bislang nichts bekannt gewesen. Man werde die Vorwürfe untersuchen und weitere Gespräche mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern führen, kündigte Rieffel-Braune an. "Wir sind da jetzt natürlich in der Fehleranalyse und gucken, ob da noch was anderes zu tun ist, und ob wir das noch weiter Dinge verbessern können."

Unzufriedene Mitarbeiter

Für das angeschlagene Image des Humboldt-Forums steht einiges auf dem Spiel. Der Besucherservice soll das weltoffene Aushängeschild für das Humboldt Forum sein, ein diverses, multiethnisches Team, kompetente und freundliche Ansprechpartner für Besucher aus aller Welt. Doch bereits vor einigen Monaten gab es Beschwerden wegen rassistischer und sexueller Bemerkungen im Team – zwei Mitarbeitern war deswegen fristlos gekündigt worden. Man dulde keine Form des Rassismus im Haus, hatte Intendant Hartmut Dorgerloh damals erklärt.

Humboldt-Forum entschuldigt sich

Heute ging das Humboldt Forum in einer vierseitigen schriftlichen Stellungnahme auf die neuen Vorwürfe ein. Darin wird erklärt, dass es viel Unzufriedenheit gegeben habe, weil die Mitarbeiter der Besucherservices ihren Job durch die pandemiebedingte verschobene Öffnung des Hauses nicht wie geplant antreten konnten. Um Kurzarbeit zu vermeiden, habe man sie in anderen Bereichen eingesetzt – unter anderem als Aufsichtspersonal während der Bauarbeiten. Dies habe verständlicherweise zu viel Frustration geführt. Die hohe Zahl der Kündigungen wurde bestätigt.

"Keine ungewöhnliche Kündigungsquote"

"Von den 75 Kolleginnen die dort eingestellt wurden, haben 13 selber gekündigt in der Zeit und 15 wurde die Kündigung ausgesprochen. Das ist jetzt keine Quote die sehr ungewöhnlich ist für eine Probezeit, vor allem, wenn man eine Stelle anbietet, die jemand auch noch nie ausgefüllt hat. Dann kommt natürlich noch dazu dass die Arbeitsaufgabe gar nicht da war." Im Frühsommer soll das Humboldt Forum endlich seine Pforten öffnen. Dann wird der Besucherservice dringend gebraucht werden, viele neue Personen müssen eingestellt werden. Bis dahin werden wohl noch einige Dinge zu klären sein.