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Berliner Sozialprojekt
Medienhof Wedding vor dem Aus

In Berlin beginnen die Sommerferien. Für viele Schüler aus dem sozialen Brennpunktbezirk Wedding gibt es neben der Freude aber auch traurige Nachrichten. Ein erfolgreiches Bildungsprojekt könnte nach den Ferien geschlossen bleiben: der Medienhof Wedding. Hier konnten Kinder aus dem Kiez kostenlose Nachhilfe bekommen.

Von Kemal Hür | 15.07.2015

    Graffiti auf einem Tor und auf Mauern, aufgenommen 2013 im Wedding in Berlin auf einem Hinterhof.
    Berlin-Wedding gilt als sozialer Brennpunkt mit besonders vielen Migrantenfamilien. (picture alliance / Wolfram Steinberg)
    Letzter Schultag. Endlich keine Hausaufgaben mehr. Der Nachhilfelehrer Konstantin Bengelsdorf und einige seiner Schüler aus der Herbert-Hoover-Oberschule im Wedding verabschieden sich voneinander.
    "Und weißt du schon, wie es weitergehen soll? Ausbildung oder vielleicht sogar Abitur? - Ich will Abitur machen? - Weißt du schon, an welcher Schule? - Ja."
    Die Herbert-Hoover-Schule ist eine von sieben Schulen im Wedding, die mit dem Bildungsprojekt Medienhof kooperiert. Lehramtsstudenten wie Konstantin Bengelsdorf helfen Schülern in den Räumen des Medienhofs und direkt in den Schulen bei den Hausaufgaben, sie geben ihnen gezielte Nachhilfe in einzelnen Fächern. Die 15-jährige Beyza Pala hat gerade die 10. Klasse mit einem MSA Plus abgeschlossen und möchte Abitur machen, später Medizin studieren. Ohne die Nachhilfe beim Medienhof hätte sie nicht so gut abgeschnitten, sagt Beyza.
    "Ich hab das von meiner Schwester gesehen, weil sie immer dort war und ihre Noten sich schon verbessert haben. Dann war auch mal da. Am Anfang war ich schüchtern, aber die Nachhilfelehrer sind auf mich zugekommen, haben mir dann geholfen. Dann war ich öfter, also fast jeden Tag dort. Und meine Noten haben sich allgemein viel verbessert."
    Kostenlose Nachhilfe
    Beyza ist eine von Hunderten Schülern, die im Medienhof Wedding kostenlose Nachhilfe bekommen. 50 angehende Lehrer helfen den Mädchen und Jungen bei Hausaufgaben, Referaten und Prüfungsvorbereitungen an vier Tagen in der Woche. Bis zu 70 Schüler kommen täglich aus der Umgebung in die Räume in einem Hinterhaus mit einem großen Hof. In einem Raum stehen ihnen 15 Computer zur Verfügung, im zweiten sogar eine Bühne. Herbert Weber hat den Medienhof vor gut zehn Jahren gegründet, mit dem Ziel, den Jugendlichen aus Einwandererfamilien bessere Bildungschancen zu ermöglichen, sagt er.
    "Nicht nur für die Kinder persönlich, sondern auch für die gesamte Gesellschaft finde ich das wichtig, dass die benachteiligten Schüler tatsächlich Facharbeiter werden und studieren können und in diesem Land die entsprechenden Positionen bekleiden, die wir zukünftig dringend brauchen."
    10.000 Euro fehlen
    Idealistische Ziele. Nun fürchtet der Politikwissenschaftler Weber allerdings, dass er das Projekt nach den Sommerferien nicht mehr weiterführen kann. Denn ihm fehlen 10.000 Euro. Das ist keine sehr hohe Summe, aber Weber klingt verzweifelt und vor allem von der Politik enttäuscht.
    "Viele Politiker waren hier, die uns insofern geholfen haben, dass sie uns Tipps gegeben haben, wo man sich bewerben kann, oder auch Empfehlungen geschrieben haben, aber wenn es um konkrete Finanzierungen geht, ist nichts da. Und das finde ich auch etwas erschreckend, dass wir hier nachweisbar im Brennpunktkiez für die benachteiligten Schüler bessere Bildungschancen gestalten, also genau das machen, was alle in Talkshows immer fordern, aber wenn man dann mal nachfragt, kriegen wir denn dafür Geld, ist niemand zuständig."
    Der Medienhof hat keine institutionelle Dauerförderung, sondern er finanziert sich seit seiner Gründung über Projektgelder von Stiftungen und über Spenden. Dass sich die Politik mit der Finanzierung zurückhält, habe nichts damit zu tun, dass der Bezirk Mitte selbst kein Geld habe, sagt die Bezirksstadträtin für Jugend und Bildung, Sabine Smentek von der SPD. Vielmehr sitze das Projekt mit seinem Angebot zwischen den Zuständigkeiten der Jugendhilfe und der Bildung.
    Aber die Arbeit des Medienhofs sei zu wichtig, als dass der Bezirk die Schließung des Projektes zulassen würde, kündigt Stadträtin Smantek an.
    "Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn man die 10.000 Euro nicht findet für dieses tolle Angebot. Ich kann nur zusagen, dass wir uns mit dem Medienhof zusammensetzen und uns mal angucken, ob es nicht möglich ist, zumindest eine Überbrückung hinzubekommen. Aber das Gesprächsangebot sollte der Medienhof auf alle Fälle annehmen."
    Sollten die 10.000 Euro gefunden werden, wäre der Medienhof für dieses Jahr gerettet. Ab nächstem Jahr müsste sich Herbert Weber wieder um neue Projektgelder bewerben.