Biografie über Peter JonasOper für alle

Ein begeistertes Publikum und glänzende Zahlen: Als Intendant der Bayerischen Staatsoper war Peter Jonas äußerst erfolgreich, dabei begann seine Amtszeit 1993 sehr holprig. Seinen Werdegang beleuchtet Julia Glesner in einer neuen Biografie.

Christoph Vratz im Gespräch mit Raoul Mörchen | 24.05.2021

Ein Mann mit kurzen grauen Haaren und schwarzer Brille schaut lächelnd in die Kamera.
Wollte alle Menschen für die Oper gewinnen: Peter Jonas. (picture-alliance / dpa / Felix Hörhager)
Raoul Mörchen: Die Kriminalautorin Donna Leon hat das Vorwort geschrieben, steht auch ganz dick auf dem Cover. Das kennt man, das machen viele Verlage, wenn sie noch einen Prominenteren gewinnen können, um ein Buch zu propagieren und ein bisschen zu pushen. Sieht aus wie ein typischer Marketinggag – hier steckt aber was Ernstes dahinter?
Christoph Vratz: Ja, in diesem Fall ist es nicht diese übliche Lobhudelei. Sondern Donna Leon, bekannt durch ihre "Brunetti"-Krimis, ist eng befreundet gewesen mit Peter Jonas und sollte ursprünglich auch eine Art Autobiografie in seinem Namen schreiben. Jonas sollte das Material liefern und sie, die Schriftstellerin, sollte diese Autobiografie ausformulieren. Dazu ist es aber nicht mehr gekommen. Jonas war lange Jahre immer wieder sehr krank und letztlich hat seine Krankheit auch verhindert, dass dieses Projekt Wirklichkeit wurde. Stattdessen hat nun Julia Glesner diese Biografie geschrieben. Sie ist seit einigen Jahren Professorin für Kultur und Management an der Fachhochschule in Potsdam. Und sie hat Jonas das erste Mal 2004 getroffen, in München, ausgerechnet am Todestag von Carlos Kleiber. Und dann kamen die beiden Jahre später wieder enger in Kontakt und haben eine sehr enge Zusammenarbeit begonnen, die dann auch wiederum unter dem Zeichen des nahen Todes stand. Und sie hat dann eine ungeheure Materialfülle zusammengetragen. Und so ist letztlich eine der ungewöhnlichsten Intendantengestalten der vergangenen Jahrzehnte in Buchform realisiert worden.
Die Bayerische Staatsoper im Abendlicht.
War von 1993 bis 2006 die Wirkungsstätte von Peter Jonas: die Bayerische Staatsoper München. (HR Schulz / imago-images)

"Ungeheure Materialfülle"

Raoul Mörchen: Und in diesem Buch, denke ich mir, finden wir auch etwas aus der Zeit vor jener Zeit, für die Peter Jonas für ein deutsches Publikum bekannt geworden ist: 1993 bis 2006, Intendant der Staatsoper in München. Was erfahren wir denn von dem Peter Jonas vor München?
Christoph Vratz: Es ist eben eine Biografie, die gräbt tief auch in der Vergangenheit, die für Jonas von hoher Bedeutung gewesen ist. Sei es durch die Herkunft und auch seine Großeltern, die aus Angst vor den Nationalsozialisten Suizid begangen haben. Wir erfahren etwas über seine Ausbildung oder Studienjahre, die natürlich auch wilde Jahre letztlich waren. Was seine Ämter betrifft, war er einige Jahre in Chicago beim Chicago Symphony Orchestra, und zwar unter der Ägide von Georg Solti. Dann ist er gewechselt zur English National Opera, auch das war eine Festanstellung. Und er liebte Festanstellungen. Als Freiberufler hat er sich nie gesehen und wäre da wohl auch am falschen Platz gewesen. Deswegen hat er auch ein Angebot der Salzburger Festspiele ausgeschlagen. Ja, und dann kam eben der Ruf nach München, mit dem, wie wir es gerade gehört haben, heftigen Widerstand zunächst und dann doch der großen Erfolgsgeschichte.

Kampf gegen den Krebs

Raoul Mörchen: Es ist merkwürdig, ich hätte jetzt drauf getippt, dass irgendwie unter dieser Geschichte des Kulturfunktionärs noch die Geschichte eines verkappten Künstlers schlummert. Tut sie hier nicht, oder?
Christoph Vratz: Doch, natürlich, er ist ein Künstler gewesen. Ich finde, in diesem Buch kommt die Charakterisierung des Menschen ohnehin sehr gut zur Geltung. Es ist ein sehr vielschichtiges Bild, das Julia Glesner hier entwirft. Und sie zeigt einen Menschen, der sich selber auch als Spieler in gewisser Hinsicht bezeichnet hat. Als einen Menschen, der, wenn er erzählt hat – und er muss ein fantastischer Erzähler gewesen sein –, die Sprache der Bühne in seinen eigenen Erzählungen integriert hat. Er war wohl, wie man auch sagt, ein Pingel. Sprich, er war extrem pedantisch. Er hatte einen ausgeprägten Sinn für Genauigkeit, für Details, Termine, Gesprächsnotizen: Alles hat er akribisch festgehalten, was vielleicht auch in diese Materialfülle entscheidend eingeflossen ist. Er war aber auch ein über Jahre kranker Mann. Und der kranke Mann hat immer wieder gekämpft. Und dieser Kampf bildet einen der Schwerpunkte dieser Charakterisierung.

Hunger auf Oper

Raoul Mörchen: Was sind denn die großen Highlights dieser Münchener Zeit? 97 Prozent Auslastung – da hat Jonas selbst gesagt, das sei ihm eigentlich herzlich egal, daran kann man sich nicht messen lassen. Obwohl er natürlich die Kämmerer der Stadt oder der Staatskanzlei froh gemacht hat. Aber was sind die künstlerischen Leistungen dieser 13-jährigen Intendanten-Zeit
Christoph Vratz: Ich möchte es gar nicht an einzelnen Inszenierungen festmachen. Ich möchte es eher am Titel des Buches festmachen. Der lautet ja "Oper für alle". Und das war seine Maxime. Er wollte, dass die Menschen – egal wo sie herkommen, egal mit welcher Vorbildung – Hunger haben auf Oper. Und das in einem Umfeld wie in München zu realisieren, ist nicht unbedingt einfach gewesen. Und dazu hat er auch mit seiner Gabe, Menschen zu gewinnen, natürlich auch anzuecken, wesentlich dazu beigetragen, nicht nur die nackten Zahlen nach oben zu schrauben, sondern auch eine Neugierde, einen Hunger zu wecken, dass Menschen in die Oper gehen, die möglicherweise sonst sich da nicht verirrt hätten.

"Detaillierte Schilderung dieses schillernden Lebens"

Raoul Mörchen: Ich hatte so ein bisschen den Eindruck, diese Stadt hat sich wirklich in diesen Peter Jonas verliebt. Eine Lichtgestalt eigentlich, wenn man bedenkt, vor einem Jahr, als er gestorben ist, was es da für Nachrufe gegeben hat. Das war tatsächlich ein Münchner geworden.
Christoph Vratz: Ja, uneingeschränkt. Absolute Zustimmung. Klar, es gibt immer die Apologeten und es gibt die Beckmesser. Aber letztlich hat dieser Workaholic, dieser Begeisterte und Begeisternde, rücksichtslos auch sich selbst gegenüber, die Münchner für sich gewinnen können, klar. Und dieses Buch zeigt das auf zweierlei Weisen: Die ersten 100 Seiten sind ein Schweinsgalopp, oft hin und her springend, Persönlichkeit, Werdegang und so weiter. Und die eigentliche Biographie beginnt kurioserweise erst nach 100 Seiten. Da schließen manche Biografien schon, aber hier fängt es dann erst richtig an. 650 Seiten sind es insgesamt. Und so hat man im ersten Durchgang eine Tour d'Horizon, wenn man so möchte. Und dann folgt die sehr detaillierte, sehr anschauliche Schilderung dieses schillernden Lebens.
Raoul Mörchen: Jetzt haben Sie mehrmals drauf hingewiesen, wie detailreich das Ganze ist. Kann man das lesen? 650 Seiten Peter Jonas?
Christoph Vratz: Ja, man kann es lesen. Man hätte aber auch durchaus etwas kürzen können. Also erstens gibt es einige Redundanzen. Zweitens gibt es auch einige fachliche Fehler: Beispielsweise Ivor Bolton ist nachgewiesenermaßen kein Regisseur, sondern ein Dirigent. Und andere Unschärfen mehr. Es ist in der Breite ein bisschen viel, in der Detailfülle vielleicht etwas zu viel. Auf der anderen Seite: Wer viel Material hat, kann daraus schöpfen. Gut, man hätte etwas kürzen und raffen können, dann wäre es vielleicht noch prickelnder gewesen.
Julia Glesner: "Oper für alle. Die Biografie von Sir Peter Jonas"
Insel Verlag 2021, 652 Seiten.