Mittwoch, 30. November 2022

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"Birlikte"-Festival
Gedenken an Nagelbombenanschlag in Köln

Am 9. Juni 2004 explodiert eine Nagelbombe direkt vor einem türkischen Friseursalon auf der Keupstraße in einem belebten türkischen Viertel in Köln. Seit zweieinhalb Jahren ist bekannt, dass der Anschlag von Neonazis des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) begangen worden ist. Jetzt wird mit einem Kulturfestival daran erinnert.

Von Bamdad Esmaili | 05.06.2014

    Die Keupstraße fotografiert am 02.06.2014 in Köln (Nordrhein-Westfalen). Am Pfingstmontag ist es genau zehn Jahre her, dass vor dem Friseursalon in der Kölner Keupstraße eine Bombe explodierte.
    Die Keupstraße fotografiert am 02.06.2014 in Köln (Nordrhein-Westfalen). Am Pfingstmontag ist es genau zehn Jahre her, dass vor dem Friseursalon in der Kölner Keupstraße eine Bombe explodierte. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)
    Das Theaterstück "die Lücke" ist das erste Highlight am kommenden Samstag, das Prämiere feiert. Drei Darsteller des Kölner Schauspielhauses und drei Anwohner der Keupstraße stehen sich auf der Bühne gegenüber. Über ein Jahr lang hat Regisseur Nuran David Calis mit seinem Team auf der Keupstraße recherchiert und mit Anwohnern und Opfern der Nagelbombe im Kölner Stadtteil Mühlheim gesprochen. Auch die Akten des NSU-Prozesses in München hat er gründlich studiert. Doch sein Bestreben sei es nicht gewesen, den Fall oder den Prozess auf die Bühne zu bringen.
    "Uns interessierte eigentlich nur, was für eine Bedeutung hat dieser Fall oder diese Nagelbombe für unsere Gesellschaft? Sind wir wirklich die bunte Republik, die wir sein wollen? Oder ist der institutionelle Rassismus bis in die Mitte der Gesellschaft bei uns so tief eingedrungen, dass wir einfach eine zu tief fremdenfeindliche Atmosphäre schaffen, in der dann solche Morde passieren können."
    "Es geht einem ziemlich nah"
    In dem Theaterstück spielt auch Ayfer Demir mit. Die junge Türkin steht mit Kopftuch auf der Bühne und berichtet, wie sie damals gegenüber dem Friseurgeschäft gearbeitet hat, vor dem die Nagelbombe explodiert ist. Keine leichte Rolle für die Laiendarstellerin.
    "Es gibt so Momente im Stück wo du denkst, da warst du dabei. Es gibt auch Momente wo du halt denkst, scheiße du hättest sterben können oder dein Vater oder dein Bruder. Es geht einem ziemlich nah, sehr emotional manchmal."
    500 Künstler auf 30 Bühnen
    Rund 500 Künstler und Musiker werden am Pfingstwochenende auf über 30 Bühnen auftreten. Nicht nur Open Air, sondern auch in den Läden, Restaurants und Hinterhöfen, berichtet Meral Sahin von der Interessengemeinschaft Keupstraße. Auch in dem Friseurgeschäft, wo noch die Spuren des Anschlages zu sehen sind, gibt es Programm.
    "Sie hatten so viel am Hals und dennoch sind sie bereit, uns die Türen und Toren zu öffnen für diesen Tag. Um 13:30 Uhr kommt Fatih Cevikkollu mit seinem Programm Fatihland. 18:15 Uhr wird Günter Wallraff vorlesen und 19:30 Uhr wird das Schauspiel Köln das Stück Bartleby, der Schreiber aufführen."
    Neben den kulturellen Programmpunkten wird es auch Diskussionen geben. Mit Anwälten und Vertretern der Opferfamilien. Sogar Prozessakten werden vorgelesen. Höhepunkt des dreitägigen, kostenlosen Festivals ist der Pfingstmontag. Dann wird das Arsch Huh Konzert von Bundespräsident Joachim Gauck eröffnet. Namhafte nationale und internationale Künstler wie die Fantastischen Vier, die türkische Popsängerin Sertap Erener, Udo Lindenberg und Peter Maffay werden mit ihrer Musik, Stücken und Reden ein Zeichen gegen Rechtsradikalismus setzen.
    Lindenberg: "Ich bin zwar ein Sänger, aber erst mal bin ich ein Mensch, der in einem Land lebt, das er für tolerant hält. Und ich bin genau wie jeder andere gefordert, mich auf die Bühne zu stellen, um ein bisschen Sensibilität zu streuen."
    Maffay: "Wenn jemand die Perspektive für sich verschlossen sieht, dann ist er empfänglich für Heißmacher und Rattenfänger. Deswegen ist es wichtig, aufklärerisch unterwegs zu sein, um zu zeigen, wohin die Radikalisierung in der Vergangenheit geführt hat und wohin sie auch jetzt noch führt."
    100.000 Besucher erwartet
    Für das Birlikte Festival - was übersetzt 'zusammenstehen' bedeutet - werden an den drei Tagen etwa 100.000 Menschen erwartet. Für die Anwohner eine längst überfällige Veranstaltung. Lange haben sie auf dieses Zeichen der Versöhnung warten müssen. Schließlich sind sie Jahre lang verdächtigt worden, mit der Nagelbombe etwas zutun gehabt zu haben.
    "Ist mal an der Zeit geworden, dass die Gesellschaft sieht, was für ein Schaden hier entstanden ist, und dass man zusammen Hand in Hand gegen Rechtsradikalismus vorgeht, das ist einfach nur klasse."
    "Beim Fest freue ich mich drauf, dass hier die Vielfalt auf der Straße gezeigt wird."
    "Also ich finde das eigentlich nur super. Ich sehe das als Entschuldigung vom Deutschen Staat, dass man Jahrelang beschuldigt wurde, dass die Bombe durch die eigene Gemeinschaft gelegt wurde. Und das ist eine kleine Entschuldigung und deswegen freue ich mich extrem auf das Fest."