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Bitte nicht nach Schweizer Vorbild

Die Suche nach einem atomaren Endlager: Die Schweiz favorisiert aufgrund der Gesteinsstruktur einen Standort an der Grenze zu Baden-Württemberg. Das "Ländle" hingegen sieht das auf der deutschen Seite ganz anders. Aus Sicht von Umweltschützern ist dies ein unhaltbarer Widerspruch.

Von Thomas Wagner | 15.11.2010

    Höchste Alarmstufe beim BUND-Oberrhein in Freiburg: Wenn der Standort Gorleben für ein radioaktives Endlager ungeeignet sei, müsse bundesweit ein anderer Standort gesucht werden - diese Forderung hat Axel Mayer, Geschäftsführer des BUND Oberrhein, aufgeschreckt. Sein Blick richtet sich dabei vor allem in die Schweizer Nachbarschaft:

    Wegen der rund 110 Meter dicken Opalinustonschichten favorisieren die Schweizer Behörden dort Standorte in den Kantonen Aarau und Schaffhausen, also in Grenznähe zu Baden-Württemberg. Und: Die geologische Gesteinsstruktur mache nach der Grenze zu den deutschen Landkreisen Waldshut-Tiengen und Konstanz ja keineswegs Halt. Will heißen: Eine ähnliche Gesteinsstruktur finde man eben auch im deutschen Südwesten in Grenznähe zur Schweiz vor - eine Gesteinsstruktur, die sich nach Aussagen der Schweizer Behörden für ein Endlager eigne.

    Wenn dies so sei, könnten Politiker und Kraftwerkbetreiber durchaus auf die Idee kommen, sich im Süden Baden-Württembergs einen solchen Standort auszugucken - und zwar allen Beteuerungen der baden-württembergischen Landesregierung zum Trotz, dort seien die Gesteinsformationen für ein Endlager eher ungeeignet. Genau diese Aussage hält Axel Mayer vom BUND-Oberrhein für unglaubwürdig:

    "Das Erstaunliche ist doch: Diese Opalinustonschichten in Baden-Württemberg, Bayern und in der Schweiz sind absolut ähnlich. In Baden-Württemberg sind diese Schichten ein klein wenig dicker als 100 Meter. In der Schweiz sind sie 110 Meter dick. Und da erleben wir diese sehr unterschiedlichen Aussagen."

    Axel Mayer hält daher die Beteuerungen des baden-württembergischen Umweltministeriums, der Südwesten eigne sich eher nicht für ein Endlager, für unglaubwürdig. Er vermutet vielmehr, dass die Regierung in Stuttgart nach den heftigen Protesten um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 kein neues umweltpolitisches Fass aufmachen möchte, das ebenfalls heftige Proteste nach sich ziehen könnte. Schließlich stehen am 27. März Landtagswahlen an. Und da, so Axel Meyer, erscheinen Diskussionen um ein radioaktives Endlager im Südwesten eher lästig.

    "Ich glaube, die baden-württembergische Landesregierung ist derzeit unter starkem Druck, unter politischem, unter ökologischem Druck. Und deshalb scheut man derzeit im Süden des Landes eine Atommülldebatte wie der Teufel das Weihwasser."

    In einem Schreiben an das baden-württembergische Umweltministerium bittet BUND-Geschäftsführer Axel Mayer um Aufklärung: Wie kann es sein, dass geologische Formationen, die in der Schweiz als "Endlager-tauglich" angesehen werden, in Baden-Württemberg plötzlich "Endlager-ungeeignet" sein sollen? Diese Frage sei aber schon vom Ansatz her falsch, entgegnet Karl Frantz, Sprecher des baden-württembergischen Umweltministeriums:

    "Wir haben zuhause im Sandkasten ja auch Sand, deswegen sind wir noch lange nicht am Meer. Und es ist ja auch so, dass diese Opalinustonschichten, die in Baden-Württemberg vorkommen, sind nicht vergleichbar mit denen in der Schweiz. Es sind die Ausläufer der Schweizer Alpen, die wir im Südwesten Baden-Württembergs finden, hinterm Rhein schon. Und da finden Sie auch viele wasserführende Schichten. Und Wasser ist eigentlich das Aus für jedes atomare Endlager und alle Überlegungen dazu."

    Karl Frantz weist als Sprecher des baden-württembergischen Umweltministeriums auf den aktuellen Stand der Dinge hin: Demnach sei nach wie vor Gorleben der favorisierte Standort. Ein mögliches Abrücken von Gorleben sei noch längst nicht ausgemacht. Sollte es dazu kommen, müsse in der Tat neu gesucht werden - und zwar bundesweit, prinzipiell auch in Baden-Württemberg:

    "Und dann wäre natürlich Baden-Württemberg nicht von vornherein draußen. Aber wir haben dann nicht die besten Voraussetzungen."

    Im Stuttgarter Ministerium bleiben die Experten dabei: Dass die Fachleute sich ausgerechnet die Region im Südwesten als Endlager-Standort ausgucken, sei mehr als unwahrscheinlich. Der BUND-Oberrhein bleibt aber ebenso bei seiner Befürchtung, dass die Opalinus-Tonschichten in der Nähe zur Schweiz plötzlich, nach den Landtagswahlen, doch als geeignet angesehen werden könnten. Mit eigenen Experten will der BUND Oberrhein der Behauptung nachgehen, wonach sich die Opalinustonschichten in Baden-Württemberg offenbar von denen in der Schweiz unterscheiden - und im übrigen wachsam die weitere Suche nach einem Endlager-Standort in Deutschland begleiten.