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"Brachland" in Jena
Zwischen Kitsch und Vorhersehbarkeit

Zwei Brüder, die von Osteuropa in den Westen gekommen sind, stehen im Mittelpunkt von Dmitrij Gawrischs' Stück "Brachland". Die Figuren, mit denen sich die Schauspieler schwer tun, zeigen Migrantensein nahe am Klischee und werden von der Inszenierung nicht zum Leben erweckt.

Von Hartmut Krug |
    Eine Matratze auf Betonboden, dahinter ein mit Plastikplane verhängter Bauzaun: Das ist die Unterkunft der Brüder Oleg und Ivan. Die Szenerie in der niedrigen Unterbühne des Theaterhauses Jena passt zu der örtlichen wie seelischen Unbehaustheit der beiden Brüder. Bei ihrer vergeblichen Suche nach Arbeit sind sie aus Osteuropa in den Westen gekommen und haben doch nur von Brachland zu Brachland gewechselt. Während die beiden darüber streiten, wer die letzte Konserve gelehrt hat, packt der ältere Ivan plötzlich eine volle Einkaufstüte aus. Und schon tritt eine schicke, selbstbewusste Frau auf: Petra ist Ivan gefolgt, weil er ihr vor dem Supermarkt die Tüte entrissen hat und will ihr Portemonnaie zurück. Beim Streit zwischen den Brüdern bricht Ivan dem jüngeren Oleg die Nase. Petra ist Ärztin und will Oleg ins Krankenhaus bringen. Doch der Illegale weigert sich verständlicherweise. Aber wir ahnen schon in dieser ersten Szene des arg mechanisch konstruierten Stückes, dessen Probleme und Figuren wirken, als seien sie aus der Grabbelkiste der Beziehungskonflikte gefischt: Da kommt noch was an Problemen. Zwischen reicher Westlerin und armen Migranten, und, klar, auch noch was zwischen Frau und Mann.
    Migrantensein nahe am Klischee
    Seine Figuren, eingehüllt in ein undeutliches Migrantensein nahe am Klischee, sind weder sozial, regional noch überhaupt genau charakterisiert. Sie werden einfach hingestellt. Immerhin werden Emotionen manchmal durch Gesang ausgedrückt, wenn auch in Liedern mit krampfhafter Poesie:
    "Die Tage werden wieder heller, der Tau glitzert wie von Eiskristallen gefüllt. Zu Ende geht der Sommer, und reißt die Unbeschwertheit mit sich fort. Vor der Haustür steht der Winter, und Kälte bringt den Hunger."
    Olegs Familie Elend hat alles Geld zusammen gelegt, damit er im Westen Geld verdienen kann, - und Bruder Ivan hat sich ihm als Beschützer beigesellt. Doch wie es so ist in Beziehungsstücken: Alle haben ihre Verhaltens- und Sehnsuchtsleichen im Keller. Ivan ist der Vater der Tochter seiner Schwägerin, und Oleg hat gelogen, als er von einer sicheren Arbeit im Westen erzählte. Egoisten allesamt. Auch die taffe Erfolgsärztin: Die kinderlose Vierzigjährige greift sich den Mittzwanziger Oleg, heiratet ihn, bringt ihm das richtige Verhalten im Westen bei, kommandiert ihn herum und nimmt aus Kinderwunsch einfach heimlich die Pille nicht mehr.
    Der griechische Regisseur Anestis Azas, Jahrgang 1978, hilft dem Autor, dessen mattes Stück zwischen existentiellen und boulevardesken Szenen schlingert, leider nicht. Gawrisch' ausgedachte Figuren werden von der Inszenierung weder ausgemalt noch wenigstens zum Leben erweckt, sondern fast völlig zum Stillstand gebracht. Ob Petra sich Oleg aus Liebe, als Langeweile, aus Machtgefühl, aus Kinderwunsch zum Mann nimmt, bleibt offen. Wenn dann Oleg als Ehemann ins Haus der Ärztin zieht, öffnet sich der Bauzaun für einen weißen Steg vor strahlenden Leuchtröhren. Hier lässt sich noch besser nebeneinander herumstehen und streiten:
    Ivan: "Wir haben in dich investiert. Deine Reise hierher haben wir uns vom Mund abgespart. Du ahnst gar nicht, welchen Preis wir dafür bezahlt haben."
    Oleg: "Würdet ihr meine Fotos auch aus den Alben reißen und verbrennen, wenn kein Geld mehr käme?"
    Kitsch und Vorhersehbarkeit
    Die Schauspieler tun sich schwer mit dem von Kitsch und Vorhersehbarkeit geprägtem Stück. Ella Kaiser steckt ihre Ärztin Petra in einen allzu blassen Panzer der Selbstsicherheit, während Yves Wüthrich den gewalttätigen und kriminellen Ivan nur als braven Knuddelbär gibt. Allein Marios Gavrilis als der junge Oleg lässt mit kraftvollem Spiel Leben in seine Figur.
    Dass dieses 2011 beim Berliner Stückemarkt vorgestellte Stück erst jetzt auf die Bühne kommt, überrascht wenig. Auch wenn mehr in "Brachland" steckt, als in Jena zu sehen ist. Letztlich aber hören wir nur ein paar Sprüche über Fremdheit, Elend und Chancenlosigkeit. Lebendige Figuren sehen wir nicht. Und wenn Petra Ivan mit Geld aushilft, muss er sich dieses verdienen: Also zieht Petra ihn aus, - und am Schluss steht sie endlich mit dickem Bauch zwischen den beiden Männern. Wieder was gelernt über Frauen, oder?