Montag, 05. Dezember 2022

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Britischer Musiker Sting
Mit 65 zum hohen C

Jazzpop, Weltmusik und zuletzt ein geflopptes Broadway-Musical – nach diesen Ausflügen hat Sting nun das Album „57th & 9th" eingespielt. Mal klingt er ruhig und getragen, dann rockig wie in alten Police-Tagen. Seine Stimme ist eindeutig besser als früher, sagt Sting. Das hohe C schafft er auch noch, schließlich hat er noch nie etwas Legales in seinem 65-jährigen Leben geraucht.

Von Christiane Rebmann | 06.11.2016

    Der britische Musiker Sting während eines Konzertes in Rio.
    Der britische Musiker Sting während eines Konzertes in Rio. (imago)
    "In den letzten zehn Jahren habe ich esoterische Platten gemacht. Es gab keine kommerzielle Agenda, keine Strategie. Ich bin einfach nur meiner Neugier gefolgt. Diesmal dachte ich: Was wird die Leute überraschen? Wie wäre es, wenn ich ein sehr direktes energiegeladenes Rock’n’Roll Album machen würde?"
    Die Überraschung ist Sting gelungen. Statt wie in den letzten 13 Jahren Klassik- oder Musicalmaterial jetzt also Rock, dazu Pop und Folk. Er hat das Album mit langjährigen musikalischen Weggefährten wie dem Gitarristen Dominic Miller und dem Drummer Vinnie Colaiuta aufgenommen, aber auch mit Gästen wie Josh Freese, der schon Nine Inch Nails und Guns’n’Roses am Schlagzeug unterstützt hat.
    Dass Songs wie "I Can’t Stop thinking about you" klingen wie Police ohne Police, sei nun wieder keine Überraschung, sagt Sting.
    "Schließlich habe ich die Musik von The Police in meiner DNA. Ich habe damals die Songs geschrieben. Und hin und wieder kommt dieser Teil an die Oberfläche."
    Der Song hat mehrere Ebenen, erklärt der britische Musiker. Man kann ihn als Liebeslied verstehen. Aber auch als Beschreibung eines inneren Kampfes.
    "Es geht um den Prozess des Songschreibens. Um die Leidenschaft, die Inspiration zu finden. Als Komponist sehe ich mich jeden Morgen mit einem weißen Blatt Papier konfrontiert. Total leer. Wie ein Feld, das mit Schnee bedeckt ist. Und ich habe keine Ahnung, wo das ist, wonach ich suche, oder was es ist. Eine Geschichte? Eine Figur? Ein Weg? Eine romantische Muse? Eine spirituelle Muse?"
    Kälte gegen die Schreibblockade
    Um die Schreibblockade zu umgehen, zwang er sich letzten Winter, in Eiseskälte vor seinem New Yorker Haus auszuharren.
    "Ja, es war sehr kalt in New York. Ich kam aus dem Studio und hatte noch Musik in meinem Kopf, und dann schloss ich mich auf der Terrasse aus und ging nicht wieder ins Haus, bis ich den Song fertig hatte. Meine Familie durfte mir Kaffee nach draußen bringen. Aber ich durfte nicht reingehen."
    Das war ein Trick, um den kreativen Prozess in Gang zu bringen, sagt er. Immerhin hat dieser Trick funktioniert. Sting schaffte diesmal in kurzer Zeit mehr als davor in vielen Jahren.
    "Ich habe das ein Wochenende durchgezogen, und in dieser Zeit habe ich vier Songs geschrieben. Auch der tägliche Weg ins Studio hat geholfen. Während ich lief, dachte ich über meine Ideen nach. Laufen regt meine Kreativität an. Es ist wie eine sehr rhythmische Meditation. Durch New York zu laufen ist auch schon deshalb sehr stimulierend, weil es eine sehr dramatische Stadt ist. Die Architektur. Die Menschen. Der Lärm. Der Verkehr. Ich blieb jeden Tag an derselben Kreuzung an der 57ten Straße und neunten Avenue länger stehen. Man muss da sehr gut aufpassen, sonst wird man von den Taxis über den Haufen gefahren. Während ich wartete, gab ich mich meinen Gedanken hin."
    Eine wichtige Straßenkreuzung in New York
    Daher auch der Titel des Albums, als Verbeugung vor der Stadt, der er so viele Anregungen verdankt.
    Stings neues Werk ist abwechslungsreich. Die Hälfte des neuen Albums klingt folkig, ruhig und getragen. Die andere Hälfte härter und wilder. Der Song "Petrol Head" wirkt wie ein Befreiungsschlag nach dem doch eher manieriert anmutenden Musicalmaterial des letzten Werkes "The last Ship".
    "In "Petrol Head" spiele ich einen Lastwagenfahrer. Das ist so ein Machotyp, der nur an Sex und Religion denkt. Das bin natürlich nicht ich. Abgesehen von der Religion. Es ist ein witziger Song. In der Mitte zitiere ich William Blake aus der Hymne Jerusalem – bring me my chariot of fire – Bring mir meinen Feuerwagen."
    Mit 65 bis zum hohen C
    Auf "57th & 9th" klingt Sting sehr frisch. Während andere Kollegen mit Stimmbandentzündungen kämpfen, ist er mit 65 immer noch gut bei Stimme.
    "Wenn es gut läuft, wird die Stimme mit dem Alter rauer, da kommt der Charakter in der Stimme durch. Das ist wie bei einem älteren Wein. Ich singe immer noch das hohe C, aber ich kann auch tiefer singen. Meine Stimme ist jetzt eindeutig besser als früher."
    Er tut auch einiges dafür, dass das so bleibt.
    "Ich habe nie in meinem Leben etwas Legales geraucht. Das hilft. Ich sehe, Sie lachen. Was die Stimme betrifft: Sie ist ein Muskel, den man trainieren muss. Bevor ich singe, wärme ich sie also auf, wie ein Athlet."
    Es ist nie zu früh, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen, meint Sting. Er tut das hier nicht auf sentimentale Art, sondern mit einem druckvollen Song wie "50.000", in dem er die Licht- und Schattenseiten des Popstarlebens beschreibt.
    "Zu "50.000" hat mich der tragische Tod einiger meiner Kollegen Anfang 2016 inspiriert. David Bowie, Prince und mein Freund Alan Rickman, ein großartiger Schauspieler, eine Ikone. Ich war wie alle anderen schockiert und traurig. Aber dann ist da auch dieses Kind in mir, das denkt, dass seine Helden unsterblich sind. Es fragt: Wie kann es sein, dass diese Menschen sterben?"
    Er selbst sollte sich noch ein wenig Zeit lassen – schon weil er gerade wieder so gut im Rock’n’Roll gelandet ist, wie die neuen Songs beweisen.