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Büchner auf die Ohren

Zum 200. Geburtstag von Georg Büchner dürfen auch neue Hörbücher des hessischen Schriftstellers und Revolutionärs nicht fehlen. Der Münchner Hörbuchverlag lässt drei Klassiker unter anderem von Hans Paetsch, Ursula Karusseit und Dieter Mann sprechen.

Von Wolfgang Schneider | 17.10.2013

    ""Was die Leute nicht alle aus Langeweile treiben! Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile. Sie sterben endlich aus Langeweile. Und das ist der Humor davon: Alles mit den wichtigsten Gesichtern, ohne zu merken warum."

    Er war zweifellos ein tiefer Melancholiker, der mit dreiundzwanzig Jahren am Typhus ver-storbene Schriftsteller Georg Büchner, der hier seinen Prinz Leonce ein Leitmotiv seiner Werke zelebrieren lässt: die Langeweile. Dabei ist Büchner doch in der Literaturgeschichte als revolutionärer Geist verzeichnet, als Idol im Kampf gegen die finsteren Mächte der Restauration – so haben es uns die Deutschlehrer beigebracht. Aber schon Büchners erstes Drama "Dantons Tod" neigt, bei aller scharfen Kritik an der gesellschaftlichen Misere, nicht zur Idealisierung der aufständischen Massen:

    "Wir wollen ihnen die Haut von den Schenkeln ziehen und uns Hosen daraus machen! Wir wollen ihnen das Fett auslassen und unsere Suppen mit schmelzen! Fort, totschlagen, wer kein Loch im Rock hat!"
    "Totschlagen, wer lesen und schreiben kann!"
    "Hey, hey, hey totschlagen, hey hey hey totschlagen, hey hey hey totschlagen!"


    Alte Hörspiele sind ein wenig gewöhnungsbedürftig. Die Tontechnik und die Tricks der Illusionierung sind veraltet und manchmal irritierend in unserer Zeit der perfekten Dolby-Surround-Effekte. Dafür sind die Inszenierungen meist texttreu und die Sprecher herausragend, zumindest bei Produktionen, die die Wiederentdeckung lohnen wie dieser "Danton" vom Rundfunk der DDR aus dem Jahr 1980, in der Hauptrolle Günter Zschäkel.

    "Wie lange sollen die Fußstapfen der Freiheit Gräber sein? Ihr wollt Brot, und sie werfen euch Köpfe hin! Ihr durstet, und sie machen euch das Blut von den Stufen der Guillotine lecken! Es lebe Danton!"

    "Dantons Tod" ist eines der bedeutendsten deutschen Geschichtsdramen nach Schillers "Wallenstein", eine Modernisierung des Genres. Büchner geht es um die tragischen Wi-dersprüche radikalen politischen Handelns. Mitten im blutigen Geschehen wird Danton der revolutionäre Auftrag fragwürdig, überkommt ihn das Gefühl der großen Vergeblich-keit. Eigentlich ist er ein Genießer, ein Liebender, und er gesteht jedem einzelnen Lebensgenuss zu. So muss er mit dem Tugendrigorismus Robespierres kollidieren, dessen Name für den Terror aus gnadenlosem Idealismus steht, den blutigen revolutionären Puritanismus.
    ""Du leugnest die Tugend!"
    "Und das Laster. Es gibt nur Epikuräer, und zwar grobe und feine. Christus war der feinste. Das ist der einzige Unterschied, den ich zwischen den Menschen herausbringen kann. Jeder handelt seiner Natur gemäß, das heißt: Er tut, was ihm wohltut."

    Warum wählte Büchner den Danton-Stoff? Um sein kleines Schicksal in einem großen zu spiegeln – in dem anderen Georg, Georges Danton; um seine Enttäuschung über die misslungene Darmstädter Revolte mit dem "Hessischen Landboten" als Ausprägung einer weltgeschichtlichen Enttäuschung zu erkennen, um mit seiner Schuld fertig zu werden, indem er einen schuldig Gewordenen mit seiner Schuld ringen ließ.

    "Wir haben nicht die Revolution, sondern die Revolution hat uns gemacht. Ich will lieber guillotiniert werden, als guillotinieren lassen. Ich habe es satt."

    Der Revolutionär glaubt selbstbestimmt zu handeln, wird aber von der Dynamik mitgeris-sen. Und trotzdem muss er für die "böse" Handlung, die sich beim Kampf um die Herr-schaft nicht vermeiden lässt, die Verantwortung übernehmen.
    "Es muss! Das war dies Muss! Wer will der Hand fluchen, auf die der Fluch des Muss gefallen? Wer hat das Muss gesprochen? Wer? Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet? Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen…"

    Aus der Sicht der anderen Revolutionäre erscheint Dantons Haltung als bürgerliche Ideo-logie, als Inkonsequenz eines Genüsslings, als Wohlstandsverwahrlosung, kurz: todeswürdig.

    "Danton hat schöne Kleider! Danton hat ein schönes Haus, Danton hat eine schöne Frau. Er badet in Burgunder, isst das Wildbret von silbernen Tel-lern und schläft bei euren Töchtern und Weibern, wenn er betrunken ist… Danton war arm wie ihr. Woher hat er das alles?"

    Mit seinen Polit-Pathos und seinem rhetorischem Schliff ist das Stück eine ideale Vorlage fürs Hörtheater. Noch überzeugender aber ist der "Woyzeck". Hier geht es nicht um die Akteure auf der politischen Bühne. "Woyzeck" ist das erste deutschsprachige Theaterstück, das einen "Pauper", einen Mensch vom Boden der Gesellschaft zur Hauptfigur macht, eine geschundene Kreatur. Neben seinen Aufgaben als untergeordneter Soldat und Barbier seines Hauptmanns hat Woyzeck sich medizinischen Versuchen zur Verfügung gestellt, um ein Auskommen zu finden: Er soll sich ausschließlich von Erbsen ernähren. Woyzeck ist das gehetzte Individuum, der Mensch, der den inneren Ruhepunkt verloren hat.

    "Langsam, Woyzeck, langsam! Er macht mir ganz schwindlig! Was soll ich denn danach mit den zehn Minuten anfangen, die er heut zu früh fertig wird mit dem Rasieren? Woyzeck, bedenk er, er hat noch seine schöne dreißig Jahr zu leben. Dreißig Jahr! Macht dreihundertundsechzig Monate und erst Tage, Stunden, Minuten… Was will er denn mit der ungeheuren Zeit anfangen? Teil er sich ein, Woyzeck!"
    "Jawohl, Herr Hauptmann!"

    Der malträtierte, psychisch derangierte Woyzeck hat bei seiner Freundin Marie, mit der er ein uneheliches Kind hat, die männliche Attraktivität eingebüßt. Marie beginnt stattdessen eine Affäre mit einem wirklichen Mannsbild:
    "Der Tambourmajor! Was für ein Mann! Wie ein Baum!"
    "Er steht auf seinen Füßen wie ein Löw!"


    Dieser Tambourmajor ist auf seine Weise wiederum eine lächerliche Figur: eine Hohlform der Virilität, ein Schau-Soldat für Paraden, der gerade deshalb aber strotzt vor Kraft und Potenz.

    "Du bist auch ein Weibsbild, Sapperment! Wir wollen eine Zucht von Tambourmajors anlegen, he!"
    "Lass mich!"
    "Wild Tier!"
    "Rühr mich an…"
    "Dir sieht der Teufel aus den Augen!"
    "Meinetwegen. Es ist alles eins!"


    Bald wird Woyzeck Zeuge von Maries Untreue im Wirtshaus. Während die anderen Figu-ren, zumal die sozial höher stehenden, meist Floskeln und Phrasen von sich geben, ist Woyzecks Rede geprägt von einer bildhaften Sprache, die Bibeldeutsch in Erinnerung ruft und den Expressionismus vorausahnen lässt:

    "Immer zu! Immer zu! Immer zu! Dreht euch! Wälzt euch! Warum bläst Gott nicht die Sonne aus, dass alles sich in Unzucht übereinander wälzt! Mann und Weib, Mensch und Vieh! Tut’s am hellen Tag, tut’s einem auf den Händen wie die Mücken. Weib, Weib, das Weib ist heiß! Immer zu, immer zu… Der Kerl, wie er an ihr herumtappt! An ihrem Leib!"

    Es ist eine grandiose, ungemein suggestive Fassung des "Woyzeck", die hier zu hören ist. Sie stammt aus dem Jahr 1959 – wiederum eine DDR-Produktion, in der Hauptrolle der legendäre Ekkehard Schall. Aber mindestens ebenso gut sind Josef von Santen als Hauptmann und Herwart Grosse als Doktor.

    "Herr Doktor, ich bin so schwermütig. Ich hab so was Schwärmerisches. Ich muss immer weinen, wenn ich meinen Rock an der Wand hängen seh!"

    "Hmm. Aufgedunsen, fettiger Hals, apoplektische Konstitution. Tja, Herr Hauptmann, Sie können eine Apoplexia cerebri kriegen. Im besten Fall geistig gelähmt werden und nur fortvegetieren. Das sind so Ihre Aussichten für die nächsten Wochen. Übrigens kann ich Sie versichern, dass Sie einen von den interessanten Fällen abgeben. Und wenn Gott will, dass Ihre Zunge nur zum Teil gelähmt wird, so machen wir die unsterblichsten Experimente."

    "Herr Doktor, erschrecken Sie mich nicht! Es sind schon Leute am Schreck gestorben. Am bloßen, hellen Schreck!"

    Auch die Figuren des Stücks, die auf der Seite der Macht zu verorten wären, sind beschä-digte Gestalten, sodass eine simple Antithese von Unterdrücktem und Unterdrückern nicht funktioniert. Der Doktor in seinem bornierten Wissenschaftsrationalismus ist eine Karikatur, und der Hauptmann, dem hier eine miserable Prognose gestellt wird, ist auch kein musterhafter Militär, sondern einer, der sich was darauf einbildet, dass er keine "Courage" hat, denn die mutigen und tapferen Soldaten kommen um. Ein schwermütiger Mann, der wieder und wieder Entschleunigung empfiehlt.

    "Ah, Woyzeck! Was hetzt er sich so an mir vorbei! Bleib er stehen, Woyzeck! Er läuft ja wie ein offenes Rasiermesser durch die Welt. Man schneidet sich an ihm!"

    Woyzeck ist ein kraftvolles soziales Drama, aber kein plattes Lehrstück – statt Änderungs-optimismus herrscht düsterer Fatalismus. Auch der religiöse Hinterausgang ist einem Menschen wie Woyzeck verschlossen. Wenn die "armen Leute" in den Himmel kämen, so müssten sie wohl "donnern helfen", meint er einmal.

    Die metaphysische Unruhe und Ausweglosigkeit, die sich mit dem Stimmen hörenden Woyzeck verbindet, wird noch direkter in der Novelle "Lenz" thematisiert. Sie schildert den Aufenthalt des verstörten Sturm-und-Drang-Schriftstellers Lenz beim Pfarrer Oberlin im Steintal in den Vogesen. Grandios die wuchtige Bildlichkeit der Erzählung, die fürs Hörspiel allerdings stark bearbeitet wurde:

    Wasser rieselt die Felsen hinunter und springt über den Weg. Die Äste der Tannen hängen herab in die feuchte Luft, schwer vom Schnee. Am Himmel ziehen graue Wolken, aber alles so dicht… Und dann dampft der Nebel herauf und streicht schwer und feucht durch das Gesträuch… so träg, so plump.

    Faszinierend setzt Büchner die psychische Befindlichkeit des weltflüchtigen Lenz in Naturbeschreibung um und vermittelt so Erfahrungen der Panik und Klaustrophobie.

    "So ein schöner fester grauer Himmel… Man könnte Lust bekommen, einen Kloben hineinzuschlagen und sich daran zu hängen. So nass alles! Man möchte die ganze Erde packen und hinter den Ofen stellen… Diese kleine schmutzige Erde… Es ist doch alles so eng… so nah!"

    Büchner ist unübertroffen darin, schwerste existenzielle Krisen zu inszenieren. Lenz durchleidet manische und depressive Phasen, er wechselt zwischen Langeweile, Verzweiflung und Unrast. Das Überspannte ist in der Literatur oft schwer erträglich – aber wenn Büchner es darstellt, entsteht eine Prosa von höchster poetischer Suggestivität:

    "Aber nur, solange das Licht im Tal liegt, ist es ihm erträglich. Gegen Abend befällt ihn wieder diese sonderbare Angst. Er möchte der Sonne nach-laufen. Wie die Gegenstände nach und nach schattiger werden, kommt ihm alles so traumartig, so zuwider vor. Es kommt ihn die Angst an, wie Kinder, die im Dunkeln liegen und nicht schlafen können."

    Hans Paetsch ist als Erzähler in diesem Hörspiel aus dem Jahr 1955 zu hören, einst eine der bekanntesten deutschen Radio- und Hörbuchstimmen. Sein eindringlicher, präziser Ton kontrastiert wirkungsvoll mit dem Lenz-Pathos des Schauspielers Günther Dockerill:

    "Versuchen Sie doch in Gott die Ruhe zu finden."

    "Gott ist zu ruhig. Gott ist ewig. Ewig! Das Denken über die Ewigkeit reißt mich in die größte Unruhe!"

    Das Hörspiel betont die theologischen Aspekte der Novelle, die christliche Motivik, die lange vernachlässigt wurde, was jüngst Hermann Kurzke in einer neuen Biografie zu korri-gieren versucht hat. Büchner war alles andere als ein orthodoxer Kirchenchrist, aber eine starke metaphysische Unruhe trieb ihn um, wie die Figur des Lenz. Er bekommt die Got-teswut, weil der Schöpfer angesichts einer Erde voller Elend stumm und gleichgültig bleibt.

    "Er stürzt hinaus ins Gebirg. Wolken ziehen rasch über den Mond. Er rennt dahin, In seiner Brust ist ein Triumphgesang der Hölle. Der Wind klingt wie ein Titanenlied.
    "Könnte ich die Welt mit den Zähnen zerreißen und sie dem Schöpfer ins Ge-sicht speien. Herunter mit dir! Herunter in den Dreck, den du geschaffen hast! In den Dreck mit dir! "

    Das Leiden ist der Fels des Atheismus. Auch bei der Darstellung des Wahnsinns, in den Lenz schließlich versinkt, findet Büchner expressive Formulierungen:

    "Es ist alles zu schwer. Viel zu schwer. Wissen Sie, wie ungeheuer schwer die Luft ist. Ich hab’s auch nicht gewusst. Jetzt spüre ich es."

    "Lenz" ist ein poetologischer Text. Im Kunstgespräch mit Kaufmann werden die berühm-ten antiklassizistischen Formeln entwickelt.

    "Aber wo bleibt denn da unser Schönheitsempfinden?"

    "Der liebe Gott, mein Fräulein, hat die Welt wohl gemacht, wie sie sein soll, und wir können nicht was Besseres klecksen. Wir können höchstens versuchen, ihm ein Weniges nachzuschaffen. Ich verlange in allem Leben, zumindest Möglichkeit des Lebens. Dann ist’s gut. Ob es schön oder hässlich ist, brauchen wir dann nicht zu fragen."

    Man hat diese Forderungen umstandslos übertragen auf Büchners eigene Werke, sie wur-den zu Interpretationshebeln der Forschung. Aber das Ideal eines schlichten, kreatürlichen Realismus ist auf Büchners Werke nur begrenzt anwendbar. Von schlichter Abbildung der Realität kann keine Rede sein. Es handelt sich immer auch um virtuose Sprachspiele. Die Rhetorik ist ebenso wichtig wie die Realitäten.

    Das wird am deutlichsten im letzten Werk, das Büchner vollenden konnte, der kurzen, knackig komprimierten Komödie "Leonce und Lena". Auch sie ist enthalten in der Hörspiel-Edition des Hörverlags. Die bessere Fassung aber ist die einzeln im Audio-Verlag erschienene SWR-Bearbeitung von Gert Westphal aus dem Jahr 1958. Die Besetzung mit Oskar Werner als Prinz Leonce und Werner Krauß als Narr Valerio ist unübertrefflich.

    "Was ich ein Gefühl für die Natur habe! Das Gras steht so schön, dass man ein Ochs sein möchte, um es fressen zu können. Und dann wieder ein Mensch, um den Ochsen zu essen, der solch Gras gefressen…"

    "Unglücklicher, Sie scheinen auch an Idealen zu laborieren!"

    "O Gott, ich laufe schon seit acht Tagen einem Ideal von Rindfleisch nach, ohne es irgendwo in der Realität anzutreffen."

    König Popo und sein kleines Königreich – es eine Darstellung spätfeudalistischer Absurditäten, eine Satire auf die deutsche Kleinstaaterei. Popo als satirische Anspielung auf Darmstadt, das Großherzogtum. Es ist ein Königreich wie eine Spieluhrlandschaft mit lauter Menschenautomaten. Die Untertanen dürfen bei der Prinzenhochzeit Spalier stehen:

    Landrat: "Macht uns keine Schande! Seid standhaft! Kratzt euch nicht hinter den Ohren und schnäuzt euch die Nasen nicht mit den Fingern, so lang das hohe Paar vorbeifährt und zeigt die gehörige Rührung, oder es werden rührende Mittel gebraucht werden. Erkennt was man für euch tut, man hat euch grade so gestellt, dass der Wind von der Küche über euch geht und ihr auch einmal in eurem Leben einen Braten riecht. Könnt ihr noch eure Lektion? He! Vi!"
    Bauern: "Vi!"
    Schulmeister: "Vat!"
    Die Bauern: "Vat!"

    Den Braten riechen – das ist doppeldeutig, denn es könnte ja auch gemeint sein, dass die armen Bauern endlich den Braten der Unterdrückung riechen. "Leonce und Lena" hört sich über weite Strecken an wie geistreichstes Kabarett. Handlung ist kaum zu erkennen, es geht um die Entfesselung von Wortwitz. Scharfe Kritik an gesellschaftlichen Realitäten verbindet sich mit der komödienhaften Infragestellung des Realitätsprinzips überhaupt.

    "Denn war arbeitet, ist ein subtiler Selbstmörder, und ein Selbstmörder ist ein Verbrecher, und ein Verbrecher ist ein Schuft. Also: Wer arbeitet, ist ein Schuft! Es ist ein Jammer. Man kann keinen Kirchturm herunterspringen, ohne den Hals zu brechen."

    Wenn sich der ziemlich vertrottelte König Popo anzieht, geht es philosophisch zu. Büchner hatte sich, neben seinen anatomischen Forschungen, zeitweise mit der akademischen Philosophie gequält und entspannt sich davon durch groteske Anwendungen der Terminologie.

    "An sich ist an sich. Versteht ihr! Jetzt kommen meine Attribute, Modifikationen, Affektionen und Akzidentien. Wo ist denn mein Hemd, meine Hose? Halt, pfui! Der freie Wille steht da vorn ganz offen! Wo ist die Moral? Wo sind die Manschetten? Die Kategorien sind in der schändlichsten Verwirrung!"

    Da trifft das Banale komödienhaft auf das Elaborierte – und zugleich wird das Zusammenspiel von Geist und Macht, idealistischer Philosophie und Politik, aufklärerischer Vernunft und Absolutismus deutlich.

    "Leonce und Lena" ist eine Vorform des absurden Theaters: Die Satire auf Herrschaftsge-bärden und den Automatismus des höfischen Lebens geht über in die Karikatur menschlichen Tuns, ähem, an und für sich. Aber bei aller Komik ist auch dieses Stück durchdrungen von Vergeblichkeit und Melancholie. Lena über Leonce:

    "Er war so alt unter seinen blonden Locken. Den Frühling auf den Wangen und den Winter im Herzen. Das ist traurig. Es kommt mir ein entsetzlicher Gedanke. Ich glaube, es gibt Menschen, die unglücklich sind, unheilbar, nur weil sie sind."

    Unheilbar unglücklich. Ist die Melancholie, die Büchners Figuren erfasst, bedingt durch die sozialen Missstände und Ungerechtigkeiten? Oder hat sie mehr damit zu tun, dass ein gesellschaftlicher Aufbruch zum Besseren kaum möglich scheint? Oder ist sie noch tiefer in einem anthropologisch-metaphysischem Pessimismus begründet, der das Menschenleben generell für eine fatale, unzulängliche Sache hält? Das sind so Fragen, die sich über Büchners Werken immer wieder stellen und die je nach intellektueller Marktlage anders beurteilt wurden. Mit König Popos Beratern gesagt:

    #"Vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so. Ja, vielleicht ist es so, vielleicht ist es aber auch nicht so. Oh meine Weisen! Von was war eigentlich die Rede."

    Ja, wovon eigentlich? Von vier Hörspielen, die das Sprachvergnügen, das Büchner bereitet, beeindruckend zur Geltung bringen. Eine schöne Gabe zum 200. Geburtstag.

    Zum 200. Geburtstag von Georg Büchner
    Neue Hörbücher:

    Georg Büchner:
    Die Hörspiel-Edition. Hörverlag, München 2013, 5 CDs 318 Min, 24,99 Euro

    Georg Büchner:
    Leonce und Lena. Hörspiel. Der Audio Verlag, Berlin 2013, 1 CD, 62 Min., 9,99 Euro