Ukraine
Russlands Drohnenkrieg gegen Zivilisten

In der ukrainischen Stadt Cherson macht Russlands Armee mit Drohnen Jagd auf Zivilisten. Der tägliche Terror aus der Luft zielt laut UN darauf ab, die Bevölkerung zu vertreiben.

    Ein Mann fährt auf einem Fahrrad über eine Straße. Über die Straße sind Netze gespannt.
    Um Menschen vor tödlichen Drohnenangriffen zu schützen, wurden in Cherson Fischernetze über die Straßen gespannt (imago / ZUMA Press / Jeremy Bigwood)
    Einkaufen gehen oder zur Arbeit fahren ist seit Juli 2024 in der ukrainischen Stadt Cherson lebensgefährlich. Wer dort vor die Tür tritt, muss damit rechnen, von russischen Drohnen verfolgt und angegriffen zu werden. 
    Von Monat zu Monat werden mehr Sprengladungen auf die Menschen abgeworfen. Rund 6500 Angriffe mit sogenannten FPV-Drohnen gab es nach Angaben der Regionalverwaltung zuletzt in nur einer Woche. Hunderte Zivilisten sind bereits getötet worden, Tausende wurden verletzt.

    Zivilisten verstecken sich unter Bäumen 

    Alina ist Sozialarbeiterin in Cherson und erlebt die täglichen Angriffe. „Wir versuchen, uns unter Bäumen oder Gebäuden zu verstecken. Wir versuchen, uns so schnell wie möglich zu bewegen und zu Fuß zu gehen, da es in Autos oder Bussen äußerst gefährlich ist“, berichtet sie. „Leider ist es in der ganzen Stadt gefährlich.“
    Alina erzählt, dass sich die russischen Soldaten immer perfidere Angriffstaktiken überlegen. Die Piloten würden Drohnen seit Neuestem durch die Fenster in Wohnungen fliegen. Die Gebäude brennen dann von innen nieder. Die Feuer könne sie regelmäßig von ihrem Balkon aus beobachten. 

    Menschenjagd mit handelsüblichen Drohnen  

    Für die Jagd auf Zivilisten nutzt Russlands Armee handelsübliche Drohnen. Die Flugobjekte werden mit Sprengstoff ausgestattet, der abgeworfen wird. Manchmal kommen auch Kamikazedrohnen zum Einsatz, die beim Aufprall explodieren. 
    Die Angriffe werden von russischen Stellungen etwa 800 Meter entfernt von Cherson jenseits des Flusses Dnipro geflogen. Betroffen ist ein circa 100 Kilometer langes Gebiet entlang des Flusses.  

    Piloten wissen, dass sie Zivilisten angreifen  

    Beim Messengerdienst Telegram sind Videos der Attacken zu sehen. Die Filme sind oft im Stil von Videospielen gestaltet und mit Musik unterlegt. Darin zu sehen ist, wie Drohnen Menschen jagen und Sprengstoff auf sie abwerfen. Dabei wird deutlich, dass die Piloten gute Sicht auf ihre Ziele haben und wissen, dass sie auch Zivilisten attackieren.  
    Zu diesem Ergebnis kommt auch ein Bericht einer Untersuchungskommission für Menschenrechte der Vereinten Nationen (UN). Demnach handelt die russische Armee in Cherson mit Vorsatz. Die UN-Kommission hat Russland im Mai des vergangenen Jahres aufgefordert, die Angriffe einzustellen. Doch die Attacken gehen seitdem weiter.

    Angriffe auf Supermärkte und Wärmekraftwerke 

    Die Drohnenangriffe richten sich auch gegen die kritische Infrastruktur der Stadt. Immer wieder sind Krankenwagen, Supermärkte und Kraftwerke Ziele der russischen Angreifer. Im Winter könnte deshalb die Strom- und Wärmeversorgung für längere Zeit ausfallen, warnte im August Oleksandr Prokudin, Gouverneur der Region. 
    Um Autos und Busse vor den tödlichen Flugobjekten zu schützen, wurden in Cherson großflächig Fischernetze über die Straßen gespannt. Wer nichts riskieren will und die Stadt verlassen kann, flieht.  
    Fluchthilfe leistet unter anderem der Berliner Verein „Be an Angel“. Die Organisation hat in den vergangenen Jahren etwa gepanzerte Autos für Evakuierungen aus den gefährlichsten Gegenden Chersons organisiert. 

    Gouverneur appelliert an Familien: „Verlassen Sie die Stadt!“ 

    Doch viele Menschen können die Stadt aus finanziellen oder familiären Gründen nicht verlassen. Ende August wandte sich Gouverneur Prokudin daher mit einem Appell an Familien mit Kindern und ältere Menschen. „Wenn Sie Verwandte oder Freunde in sichereren Regionen haben, verlassen Sie die Stadt!“, so Prokudin. „Wenn Sie sich zu diesem Schritt entschließen, helfen wir Ihnen mit der Evakuierung, dem Transport, Unterbringung und Sozialhilfe.“ 

    UN: Russland will Bevölkerung vertreiben 

    Russland beansprucht die gesamte Region Cherson auf beiden Seiten des Dnipro für sich. Die Angriffe folgten einer koordinierten, strategisch ausgerichteten Politik der russischen Behörden, heißt es in dem Bericht der UN-Untersuchungskommission. Die Bevölkerung solle vertrieben, Cherson unbewohnbar gebombt werden. Die gewaltsame Vertreibung der Bevölkerung könnte der Kommission zufolge den Straftatbestand des Verbrechens gegen die Menschlichkeit erfüllen.

    Ähnliche Angriffe an vielen anderen Frontabschnitten 

    Die Journalistin Zarina Zabriskyj lebt in Cherson und berichtete 2024 als Erste über die Vorfälle. Zabriskyj wünscht sich, dass die Verbündeten der Ukraine Druck auf Russland ausüben. Auch müssten die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Denn das Phänomen weitet sich in der Ukraine aus. Mittlerweile wurden ähnliche Angriffe auf Zivilisten auch an anderen Frontabschnitten dokumentiert.
    Radiobeitrag: Rebecca Barth | Onlinetext: Tobias Kurfer