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Chloe Hooper: "Der große Mann"
Vom Fluch der Diskriminierung

Ein Drittel aller Australier, die in den Händen der Polizei sterben, sind Aborigines. Einer von ihnen ist Cameron Domadgee. Der 36-Jährige wurde am Vormittag des 19. November 2004 auf Palm Island verhaftet und war noch vor dem Mittag tot. Chloe Hooper hat den Fall als Journalistin verfolgt. "Der große Mann – Leben und Sterben auf Palm Island" ist ihr Buch darüber.

Von Sacha Verna | 03.10.2016
    Ein Polizeiauto steht in einem Stadtteil in Sydney, in dem vor allem Aborigines leben.|
    Ein Stadtteil in Sydney, in dem vor allem Aborigines leben. (dpa / picture alliance / Dean Lewins)
    Wie in der besten Tatsachenliteratur geht es Chloe Hooper um weit mehr als um die bloße Rekapitulation der Ereignisse. Truman Capote hat in seinem Klassiker "Kaltblütig" in die Abgründe der amerikanischen Seele geschaut. David Simon liefert in seinen Werken vernichtende Diagnosen der amerikanischen Justizmaschinerie. Auf der anderen Seite der Erdkugel, eben in Australien, sind die Verhältnisse nicht rosiger. Das zeigt Chloe Hooper.
    Da ist zunächst der Ort des Geschehens. Palm Island ist eine Insel 45 Kilometer von der Küste des nordöstlichen Queensland entfernt. Über ein halbes Jahrhundert lang diente sie den australischen Behörden als Freiluftgefängnis für unliebsame Eingeborene. Heute sind die Nachkommen der Abgeschobenen arbeitslos und meistens betrunken. Der "tropische Gulag", wie Chloe Hooper Palm Island nennt, schwimmt im Alkohol. Häusliche Gewalt und Armut sind die Norm.
    Für ein Kind der weißen australischen Mittelschicht wie die Autorin ist dies ein fremdes Universum. Die Recherchen werden für Chloe Hooper zu einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ihres Landes und mit ihrer eigenen Rolle. Sie ist eine beteiligte Beobachterin. Denn als Begleiterin des Anwalts, der die Angehörigen von Cameron Domadgee vertritt, gehört sie von Anfang an zum Lager der Ankläger. Trotzdem oder eben deshalb, schwankt Hooper zwischen Abscheu, Erbarmen und Schuldgefühlen angesichts des Daseins der Menschen, in denen sie die Opfer eines Systems sieht, das Leute wie sie selber mittragen.
    Mit Domadgees ausgedehnter Familie teilt Hooper zahlreiche Mahlzeiten. Zu Chris Hurley und seiner Familie hat sie keinen Zugang. Umso angestrengter versucht sie sich ein Bild von ihm zu verschaffen, indem sie mit Dutzenden seiner Bekannten spricht und Orte aufsucht, an denen er stationiert war, bevor er zum "großen Mann" von Palm Island wurde. Das Bild bleibt verschwommen.
    Doch auch das Bild von Cameron Domadgee ändert sich ständig. War er wirklich nur ein harmloser Luftikus, der gerne jagte und fischte und zwei Tage die Woche in einem Hilfsprogramm der Regierung arbeitet, hauptsächlich, um sich seinen Fusel zu finanzieren? Und wenn ja, weshalb hat er sich nie darum bemüht, etwas Besseres zu werden? Warum stecken die Bewohner von Palm Island überhaupt alle so tief im Elend fest, dass es scheint, sie wollten es gar nicht anders? Wohlfeiles Gutmenschentum und die eifrige Solidarität privilegierter Zaungucker verpufft unter diesen Umständen sehr rasch.
    Die Verhältnisse, die Chloe Hooper schildert, findet man vor leicht anderer Kulisse überall auf der Welt. Der Fluch der Diskriminierung, der Missbrauch von Macht, die Unbarmherzigkeit der Bürokratie: Man braucht nur richtig hinzuschauen, um auch in skandinavischen Sozialutopien Spuren davon zu entdecken. Nur ist es eben oft einfacher, nicht hinzuschauen. Bei Cameron Doomadge war das nicht möglich. Sein Tod, die Krawalle danach und schließlich der Prozess Hurleys sorgten monatelang für Schlagzeilen. Chloe Hooper gelingt es, das Schicksal der Betroffenen über die Tagesaktualität hinauszuheben. "Der große Mann" ist ein unsentimentaler Erfahrungsbericht, eine traurige Geschichtslektion und eine scharfe Gesellschaftsanalyse. In der feinen Übersetzung von Michael Kleeberg kommt dieses packende Protokoll eines Rechts- und Unrechtsdramas auch auf Deutsch richtig zur Geltung.
    Chloe Hooper: "Der große Mann. Leben und Sterben auf Palm Island".
    Aus dem Englischen von Michael Kleeberg. Liebeskind Verlag, München 2016. 366 Seiten.