Sonntag, 16. Januar 2022

Copa Libertadores der FrauenWie steht es um den Frauenfußball in Südamerika?

Am 2. November startet in Asunción die Copa Libertadores im Frauenfußball. Trotz Superstars wie Marta und Formiga aus Brasilien ist über den Vereinsfußball in Südamerika kaum etwas bekannt. Der Kontinentalverband CONMEBOL sieht noch wenig Potenzial und spart an Investitionen.

Von Viktor Coco | 31.10.2021

Limpia Fretes hat den Ball in einem Laufduell.
Limpia Fretes (rechts) bei einem Spiel der Copa Libertadores 2019 mit Cerro Porteno (Jose Jacome/IMAGO / Agencia EFE)
In einem Büro im Stadion des paraguayischen Fußballklubs Cerro Porteño begutachtet Limpia Fretes in Plastik verpackte Fußbälle. Es sind die Spielbälle für die in wenigen Tagen startende Copa Libertadores. Die 21-jährige Fretes wird als Kapitänin des paraguayischen Meisters dabei sein. Später, beim Blick auf den Rasen der Arena kommt Limpia Fretes ins Schwärmen: "Das ist das modernste und schönste Stadion von Paraguay. Ein Stadion der Elite."
Die SSG Bergisch Gladbach 09 - 40 Jahre später.
Frauenfußball vor 40 Jahren - Erinnerungen an das Wunder von Taipeh
Weil der DFB zu dem Zeitpunkt noch kein Frauennationalteam hatte, reisten vor 40 Jahren die deutschen Meisterinnen der SSG Bergisch Gladbach 09 zu einer inoffiziellen Weltmeisterschaft nach Taiwan – und gewannen diese sensationell. Zum Jubiläum wurde die Mannschaft im Fußballmuseum in Dortmund geehrt.
Fretes und ihre Mannschaft spielen manchmal hier. Aber das Pendant zur europäischen Champions League der Frauen, das seit 12 Jahren immer als Turnier innerhalb weniger Wochen an einem Ort ausgetragen wird, findet in zwei kleineren Stadien von Asunción statt. Vom Kontinentalverband CONMEBOL gibt es dazu folgende Erklärung:
"Nur im Gleichschritt mit der Entwicklung des Frauenfußballs kann auch der Wettbewerb wachsen. Es macht keinen Sinn ein Riesenturnier über mehrere Monate zu organisieren, wenn die Vereine noch nicht auf der Höhe sind",
sagt Fabimar Franchi, zuständig für Frauenfußball beim Verband. Die CONMEBOL hat in den letzten Jahren einiges getan. Sponsoring ist nicht mehr an Verträge der Männerwettbewerbe gebunden. Das Finale wird erstmals in "der großen Finalwoche" kurz vor den Endspielen der Libertadores und Sudamericana der Männer stattfinden. "Außerdem sind wir der einzige Kontinentalverband, der alle 93 Teilnehmer der internationalen Männerwettbewerbe dazu verpflichtet, mindestens zwei Frauenteams zu betreiben", ergänzt Franchi. Aber Spielerin Limpia Fretes sieht noch einige Mängel: "Ich glaube es fehlt uns noch an mehr Sichtbarkeit, um mehr Zuschauer in die Stadien zu locken. Und außerdem auch etwas mehr finanzielle Unterstützung."

Copa Libertadores der Frauen hinter Beachsoccer und Futsal

Im Haushalt der CONMEBOL für 2021 taucht Frauenfußball nicht explizit auf und lässt sich nur innerhalb der Position "Entwicklung" vermuten – diese macht bescheidene 3,4 % des Etats aus. 2019 betrug das Gesamtbudget für die Copa Libertadores der Frauen 350.000 Euro. Weniger als für Beachsoccer oder Futsal bei den Männern.
Auch innerhalb vieler Vereine ist die finanzielle Situation prekär. Das Team von Limpia Fretes aus Asunción stemmt seinen Frauenfußball mit knapp 80.000 Euro Jahresetat. "Die Spielerinnen, die einen Vertrag haben, kann man an einer Hand abzählen. Bei Cerro Porteño sind es, soweit ich weiß, drei mit festem Vertrag. Und die verdienen dann einen Mindestlohn", sagt die Sportjournalistin Laura Morel. Ein monatlicher Mindestlohn in Paraguay beträgt 280 €. Wer diesen also nicht bekommt, lebt nur von den Siegprämien. Und selbst die wurden zuletzt nicht ausgezahlt, so dass die Mannschaft von Cerro Porteño kurz vor Turnierbeginn in einen Trainingsstreik trat.

Brasilien dominiert, Argentinien holt langsam auf

Naila Imbachi nimmt zum vierten Mal an der Libertadores teil. Die 37-jährige Kolumbianerin spielt für den argentinischen Meister San Lorenzo. Sie sieht – auch durch die CONMEBOL-Vorgaben ‒ Verbesserungen.
"Ich glaube, die Klubs sind heute verantwortungsbewusster gegenüber ihren Frauenmannschaften. Früher haben wir wirklich nur aus Liebe zum Verein gespielt. Wir hatten keine soziale Absicherung, Gesundheits- oder Rentenversicherung, keine Bezahlung oder überhaupt einen Vertrag. Das ist heute anders. Heute haben die Spielerinnen gewisse Sicherheiten."
In Argentinien gibt es seit ein paar Jahren einen regulären Ligabetrieb mit regelmäßigen Fernseh-Übertragungen, was sich zunehmend in der Identifikation der Fans mit den Frauenteams wiederspiegle. Anders ist es zum Beispiel in Kolumbien, wo die Meisterschaft zuletzt nur drei Monate dauerte. "Für die Entwicklung hin zu höchstem Niveau ist der Wettkampf sehr wichtig, Aber daran mangelt es sonst fast überall in Südamerika, außer in Brasilien. Es gibt sehr kurze Meisterschaften, manche Länder haben überhaupt keine Liga und es gibt nur ein Turnier, um einen Teilnehmer für die Copa Libertadores zu qualifizieren", so Imbachi.
Immer stand bisher ein Vertreter aus Brasilien im Finale, nur dreimal konnten sie nicht gewinnen. Limpia Fretes will sich mit Cerro Porteño dieses Jahr dagegenstemmen und den Heimvorteil in Paraguay ausspielen. Sie hofft langfristig auf weitere Fortschritte.
"Es wäre schön, in ein paar Jahren die Copa Libertadores wie bei den Männern austragen zu können. Nicht nur innerhalb eines Monats, sondern im ganzen Jahresverlauf mit Spielen in unterschiedlichen Ländern. Also genauso! Das wäre wirklich schön. Wer weiß, vielleicht ist das in ein paar Jahren möglich."