Montag, 06. Dezember 2021

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CorsogesprächDer singende Therapeut

"Lions" ist bereits das sechste Album des US-amerikanischen Songwriters William Fitzsimmons. Meist schlägt er beim Singen leise Töne an, um seine Zuhörer zu berühren und ihr Innerstes zu erreichen. Und darin ist er Meister, denn Fitzsimmons ist eigentlich ausgebildeter Psychotherapeut.

Das Gespräch führte Eric Leimann | 15.02.2014

Eric Leimann: "Lions" ist Ihr sechstes Album. Finden Sie thematisch einen roten Faden darin?
William Fitzsimmons: Ich höre auf diesem Album zwei Dinge, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen wollen. Die Songs haben etwas sehr Freudiges, gleichzeitig aber auch etwas Tragisches. Je älter ich werde, desto mehr spüre ich diese Gleichzeitigkeit auch in meinem Leben. Selbst dann, wenn alles warm und hoffnungsvoll zu sein scheint, gibt es diese Unterströmung, die dem Ganzen widerspricht. Von diesem Gefühl handelt das Album in erster Linie.
Leimann: Wird es schwieriger mit dem Alter, Gefühle pur zu empfinden? Also: einfach nur glücklich sein, ohne gleichzeitig Schmerz zu spüren?
Fitzsimmons: Ich glaube, wenn man jung ist, scheinen die Gefühle sehr klar zu sein. In Wirklichkeit ist es aber so, dass man einfach noch nicht in der Lage dazu ist, beide Gefühlsströmungen gleichzeitig zu verarbeiten. Das ist auch okay und entspricht dem Lebensalter. Als ich 18 war, war die Welt immer entweder großartig oder ganz schrecklich. Es sind die typischen Gefühle eines Teenagers. Ich bin allerdings ein bisschen länger bei dieser zweigeteilten Sichtweise geblieben als andere Leute, aber - so war es eben. Heute kann ich die Komplexität des Lebens erkennen und ich fühle mich damit wohl. Ich kann verunsichert sein und trotzdem mit diesem Gefühl in Einklang leben. Ich bin glücklich, nicht immer, aber glücklicher als früher. Ich fühle mich gesund und offen für viele Dinge.
Leimann: Sie haben in einem Text zum neuen Album geschrieben, dass Sie bei Liederschreiben zunehmend eine Verantwortung gegenüber dem Hörer empfinden. Das ist eine eher ungewöhnliche Aussage für einen Songwriter. Woher kommt dieses Verantwortungsgefühl?
Fitzsimmons: Ich kann Ihnen genau sagen, aus welcher Erfahrung dieser Satz stammt. Ich spielte ein Konzert in Glasgow, Schottland - ein paar Jahre ist das her. Nach den Shows komme ich immer gern noch mal raus, um mit den Leuten zu reden, Fotos zu machen, Alben zu signieren und so weiter. Da kam ein sehr nettes Paar auf mich zu und erzählte mir, dass ihr Sohn gestorben war und dass meine Musik ihnen in ihrer Trauer geholfen hatte. Wir haben nicht viel gesprochen, wir umarmten uns, ich habe ihnen mein Beileid ausgesprochen, mich bei den beiden bedankt. Das Erlebnis war trotzdem ein Einschnitt für mich. Klar, ich habe meine Musik auch vorher schon ernst genommen. Trotzdem hat mich diese Begegnung daran erinnert, dass mir meine Musik nicht komplett selbst gehört. Musik ist eine gemeinschaftliche Erfahrung. Nur weil ich sie geschrieben oder produziert habe, darf ich nicht sorglos mit ihr umgehen. Wenn ich heute Lieder schreibe, denke ich an solche Dinge. Dass ein Mensch diesen Song brauchen könnte in einem Moment, der sehr viel tiefer geht als der Moment, in dem ich das Lied erschaffen habe.
Leimann: Nun haben wir eine Verbindung zu Ihrem alten Beruf als Psychotherapeut. Arbeiten Sie noch als Therapeut?
Fitzsimmons: Nein. Ich habe schnell herausgefunden, dass beide Jobs vollen Einsatz erfordern, man kann nur einen richtig machen. In der Zeit, als ich meinen alten Job an den Nagel hängte, ging es mir selbst nicht besonders gut. Ich war nicht mehr in der Lage dazu, anderen Menschen zu helfen. Das Schicksal wollte, dass ich mich fürs Musikmachen entscheide.
Leimann: Sehen Sie eine Verbindung zwischen den beiden Berufen?
Fitzsimmons: Ja, die sind schon sehr verwandt. Im Prinzip mache ich heute eine lockere, beiläufige Art therapeutischer Arbeit. Ich habe das therapeutische Sitzungszimmer gegen Bars und Musikklubs eingetauscht. Ich rede über Dinge, die es hoffentlich wert sind, im Leben diskutiert zu werden. Ich begleite Menschen von Punkt A zu Punkt B in ihrem Leben. Das ist meine Definition dieses Jobs. Ich habe tatsächlich das Gefühl, ich mache in etwa das Gleiche wie vor einigen Jahren...
Leimann: Und dann machen Sie auch noch diese Musik, die perfekt zur Geschichte des ehemaligen Psychotherapeuten passt. Musik, die man den Menschen wie eine warme Decke überwerfen kann. Ist das Zufall, dass sie diesen ruhigen und tröstenden Sound haben?
Fitzsimmons: Ich glaube, ich war aus dem gleichen Grund gerne Psychotherapeut, wie ich heute diese therapeutische Musik spiele: Ich fühle mich wohl damit, das ist ein wichtiger Teil von mir. Ich glaube noch nicht einmal, dass ich ein besonders guter Therapeut war. Es gibt Menschen, die sind geborene Helfer und Ratgeber - egal, ob sie diese Fähigkeit nun zu ihrem Beruf gemacht haben oder nicht. Sie besitzen die Fähigkeit, Menschen zu trösten. Jeder braucht so jemanden im Leben. Ich mag dieses therapeutische Milieu: die völlige Offenheit, das Nichtverurteilen und den Trost. Dass man seine Schmerzen mitbringt und sie mit Anderen teilt. Und dass sich am Ende alle besser fühlen, weil man diesen Schritt getan hat.
Leimann: Hat Ihre Musik auch einen meditativen Aspekt, ist sie gar eine Art Meditation für Sie?
Fitzsimmons: Ja, man kann das auf jeden Fall so sagen. Meine Musik ist natürliche keine Meditation im formellen Sinn, kein Programm wie TM, transzendentale Meditation - aber sie hat eine ähnliche Wirkung auf mich. Manche Leute sagen, dass sie beim Hören meiner Songs eine Art Trance-Gefühl erleben. Viele meiner Lieder haben etwas Zyklisches. Sie können dich in diesen Zustand versetzen, in dem Gehirn und Körper besser miteinander kommunizieren. Sie können helfen, die großen Sorgen beiseite zuschieben und Aufmerksamkeit auf kleine Dinge zu richten, die wir gerne verstecken wollen. Es ist gut, die Aufmerksamkeit ein bisschen stärker auf diese Dinge zu richten.
Leimann: Ist auch das Spielen der Musik auf der Bühne meditativ für Sie?
Fitzsimmons: Oh ja, auf jeden Fall. Ich liebe die Momente auf der Bühne, sie sind irgendwie berauschend. Es sind Situationen, in denen ich die Verbindung zwischen dem Publikum und mir spüre. Es braucht Zeit und eine Menge Übung, das so zu empfinden. Man muss nämlich die Idee aus dem Kopf bekommen, dass man "performt". Bruce Springsteen hat ein paar sehr interessante Dinge darüber geschrieben. Er sagt, wenn man nur darüber nachdenkt, dann tut man es schon nicht mehr. Um präsent zu sein, darfst du dir keine Gedanken darüber machen, dass du einem Publikum gegenüberstehst. Es ist ein seltsamer Prozess, aber es geht darum, loszulassen...
Leimann: Interessant, dass Sie Bruce Springsteen erwähnen. Seine Musik ist natürlich ganz anders als Ihre, sehr viel kräftiger, aber der meditative Aspekt seiner Shows zeigt sich ja schon alleine daran, dass seine Konzerte oft zwischen drei und fünf Stunden dauern. Warum sollte man so etwas tun, es sei denn, man ist in einer Art meditativem Zustand....?
Fitzsimmons: Ich denke, was ich gesagt habe, gilt für Springsteen und sein Publikum ebenso wie für mich. Es geht darum, Grenzen zu überschreiten, durchlässig zu werden. Manche sagen, das ist Eskapismus. Ich möchte lieber C.S. Lewis zitieren, einen meiner Lieblingsautoren, der hat mal gesagt: Du bist eine Seele, du hast einen Körper. Es ist nicht andersherum, auch wenn wir die meiste Zeit so leben, als wären wir ein Körper und dann haben wir eben noch diese Seele.
Leimann: Ich habe noch eine letzte Frage, vielleicht ist sie ein bisschen dämlich, aber ich muss nach Ihrem Bart fragen. Was ist die Idee hinter diesem gewaltigen Bart?
Fitzsimmons: Das ist einfach eine Familientradition. Alle Fitzsimmons-Männer tragen Anzüge und einen Bart. Ich habe das mit dem Bart einfach ein bisschen ernster genommen (lacht) oder auch weniger ernst, je nachdem wie man es verstehen will. Mein Vater, mein Onkel, mein Bruder - alle haben schöne, wohl gekämmte Bärte. Meiner ist einfach größer. Ich wusste immer, wenn ich erwachsen bin, will ich einen großen Bart haben. Es ist nichts Religiöses dahinter, auch keine kulturelle Idee. Ich wollte einfach nur wie mein Vater sein. Und es ist angenehm, dass ich mich nicht rasieren muss.