Mittwoch, 18. Mai 2022

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D-Day auf der Theaterbühne
Kriegsgeschichten für Kinder

Die Kneehigh Theater Company aus Cornwall und der britische Autor Michael Morpurgo bringen ein vergessenes Stück englisch-amerikanischer Kriegsgeschichte als familiengerechtes Theater auf die Bühne. Es geht um die Angst vor Verlust, neue Freunde finden in widrigen Umständen und den Sieg des Menschlichen. Die US-Premiere war in New York.

Von Andreas Robertz | 29.03.2017

Britische Truppen üben in Slapton Sands für den D-Day, die Landung in der Normandie. Durch Kommunikationsfehler bei den Alliierten starben während des Manövers 946 US-Soldaten, die meisten bei einem Angriff deutscher Schnellboote, die die ungeschützten Landungsboote torpedierten.
Eine Übung in Slapton Sands für den D-Day. Jetzt Hintergrund für ein Theaterstück. (imago/United Archives International)
Mit sanfter dunkler Stimme singt Mister Blue "Leaving on a Jet Plane" von John Denver und nicht wenige Zuschauer stimmen im Refrain mit ihm ein.
Das Lied vom schmerzlichen Abschiednehmen und ungewisser Heimkehr passt gut zu der Geschichte von Soldaten, die ins Ungewisse ziehen und Angehörigen, die nicht wissen, ob sie je zurückkehren. Doch traurige Melancholie ist nicht die vorrangige Stimmung dieser manchmal vor Lebensfreude berstenden Adaption des Kinderbuches von Michael Morpurgo, der zusammen mit Regisseurin Emma Rice und der Kneehigh Theater Company auch die Bühnenfassung geschrieben hat.
Kaum sitzt das Publikum, da stürmen die Schauspieler der Kneehigh Company auf die Bühne, fangen an zu fegen und zu putzen, Wäsche zu waschen und mit dem Publikum zu schäkern. Mr. Blue hat mit seiner fünfköpfigen Band mittlerweile zum Swing gewechselt.
Straßentheater, Livemusik und ausgeklügeltes Puppenspiel
Bühnenbildner Lez Brotherstone hat einen multifunktionalen Raum geschaffen, der wie ein ausklappbares Bilderbuch aussieht: Der Horizont ist ein Wolkenhimmel aus bemalten Planken, die strahlenförmig angeordnet sind und im Zentrum hängt ein großer Flugzeugpropeller, hinter dem die Band sitzt. Die Vorderbühne ist aus hellen Bohlen gezimmert mit jeder Menge Sandsäcke und davor stehen dutzende von Blecheimern und -bottichen voller Wasser; an der Seite parkt ein uralter Traktor mit roten Reifen. Die Spieler spielen alle verschiedenen Rollen, Frauen Männer und Männer Frauen, es gibt große und kleine Puppen - Schafe, Hühner, Hunde und die Katze Adolphus Tips - und natürlich die Hauptfigur Lily, die verzweifelt überall im Publikum nach ihr sucht.
Die Mischung aus Straßentheater, Livemusik, fliegenden Rollenwechseln und ausgeklügeltem Puppenspiel ist das Markenzeichen der Kneehigh Company aus Cornwall. Und die Geschichte von Lily und ihrer Familie ist vielschichtig. Lilys Vater kämpft an der Front und die Familie hält sich so gerade über Wasser. Aus London evakuierte Schüler werden im Dorf argwöhnisch beäugt – bis die Farmer ihre Häuser verlassen müssen und selbst zu Vertriebenen werden. Und während sich die weißen amerikanischen Soldaten über die Engländer lustig machen, weil sie keine Kühlschränke haben, freunden sich die beiden schwarzen G.I.s Adi und Harry mit Lily an und versprechen, ihre Katze zu finden.
Das Gefühl von Freiheit
In einer turbulenten Thanksgiving-Szene feiern und tanzen die beiden mit Lilys Familie zum letzten Mal vor dem Manöver und Harry gesteht, dass er sich zum ersten Mal in seinem Leben wirklich frei fühlt. Die Band spielt Nina Simones Freedom Song und man versteht, was diese Gastfreundschaft für einen afroamerikanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg bedeutet haben mag.
Denn viele zogen enthusiastisch in den Zweiten Weltkrieg, um dem Rassismus zu Hause entfliehen zu können. Er ertrinkt, als die Deutschen die Landungsboote torpedieren. 60 Jahre später treffen sich Adi, der seinem alten Kameraden gedenkt, und Lily, deren Mann gestorben ist, am Strand von Slapton wieder und sie folgt ihm nach New York.
Schwieriges Thema auf wunderbar leichte Weise
"946 The Amazing Story of Adolphus Tips" ist die Adaption des gleichnamigen Kinderbuches nach einer wahren Geschichte. Das Stück bereitet ein schwieriges Thema für ein Publikum mit Kindern auf wunderbar leichte Weise auf, ohne auf schmerzhafte Momente wie den Tod des Großvaters oder Harrys zu verzichten. Die Tatsache, dass der tragische Tod so vieler Soldaten am Strand von Slapton auch ein vergessenes Stück amerikanische Geschichte ist, mag das Berkely Repertory Theater bewogen habe, es zu Koproduzieren.
Im einzigen Pub von Slapton hängen heute noch alte Fotos mit Lily, ihrer Familie und den beiden schwarzen Soldaten Adi und Harry. Sie waren der Grund für Autor Michael Morpurgo beim Wirt nachzufragen und so die alte Geschichte auszugraben.