Sonntag, 14. August 2022

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"Das Plattengeschäft hat nichts mehr mit dem Alltagsleben zu tun"

Ry Cooder meldet sich vor den US-Präsidentschaftswahlen mit einem politischen Album zu Wort. Auf "Election Special" holt er zu einem gesellschaftspolitischen Rundumschlag aus.Mit dem Song "Mutt Romney Blues" macht der Sänger und Gitarrist klar, dass die Wahl des republikanischen Kandidaten Romney eine Katastrophe bedeuten würde.

Das Gespräch führte Michael Kleff | 29.08.2012

    Michael Kleff: Welche Gefühle löst ein möglicher Sieg des Republikaners bei Ihnen aus? Wut? Angst? Oder beides?

    Ry Cooders: Die sogenannten Republikaner sind keine politische Partei mehr. Der Autor und Politiker Gore Vidal hat ihre Einstellung mit der der Hitlerjugend verglichen. Wir können nicht froh sein über solche Leute wie Romney und seinen Kampfhund Ryan als Kandidaten für den Vizepräsidenten. Allein das ist schon widerlich. Aber da sind sie nun einmal. Sie sind die Schöpfung von Leuten wie den Koch-Brüdern, diesen konservativen Großunternehmern. Wir haben auch Angst vor der immensen Macht des Kapitals. Das haben kriminelle Geldeinsammler möglich gemacht, die sich Richter am Obersten Gerichtshof nennen. Und die Gier, die von den Koch-Brüdern und anderen an den Tag gelegt wird. Sie hinterlassen mit anrüchigen Intrigen Spuren der Zerstörung im Land. All das ist das Ergebnis einer Deregulierungspolitik der ihnen ergebenen Diener, dieser sich Politiker nennenden Schleimer. Sie haben den Abbau aller sozialen Netze organisiert. Deshalb sind wir wütend. Und wir haben Angst, weil es - wie es in einem meiner Songs heißt - das Ende sein könnte.

    Kleff: Und wie steht es um Obama? Sie machen keinen Hehl aus Ihrer Enttäuschung über seine Amtsführung. Mit dem Titel "Cold Cold Feeling" äußern Sie jedoch Verständnis für die Einsamkeit des Präsidenten im Oval Office.

    Cooders: Über Obama wollte ich Folgendes sagen: Die Zeile "Ich bin im Weißen Haus auf und ab gegangen, bis ich mir die Sohlen durchgelaufen habe", geht auf einen alten Blues Song zurück. Afroamerikanern war es lange untersagt, öffentliche Transportmittel zu benutzen. Sie mussten zu Fuß gehen. Sie hatten kein Geld für ein Auto. Diese Zeile hat eine Bedeutung in unserer Geschichte. Dabei ist heute Rassentrennung wieder angesagt - und zwar in großem Stil. Ich kann mich nicht in Obama hineinversetzen. Ich kenne ihn nicht persönlich. Aber ich kann mir gut vorstellen, wie man sich angesichts von Rassismus und nacktem Hass fühlen muss. Die sogenannten Stand-Your-Ground-Selbstverteidigungsgesetze sind nichts anderes als eine moderne Form des Lynchens. Damit wurde die Ermordung von mittlerweile achtzig Afroamerikanern in Florida legalisiert. Nur ein Fall davon, der von Travon Martin, hat die Öffentlichkeit irgendwie berührt. In was für einer Welt leben wir eigentlich? Wenn ich Präsident wäre, hätte ich Todesangst und würde schlaflos im Weißen Haus herumlaufen.

    Kleff: Alle Ihre letzten Alben sind durch und durch politisch. Wobei es einen thematischen roten Faden gibt, wenn Sie von einem kulturellen und politischen Erbe sprechen, das Ihrer Ansicht nach in den USA verloren gegangen ist.

    Cooders: Wenn ich von Grundwerten rede, dann meine ich die der arbeitenden Bevölkerung - nicht die der Milliardäre. Sie haben das Land nicht geschaffen, sondern die Arbeiter. Für sie waren Solidarität und Einheit unabdingbar, um gemeinsam zu arbeiten und sich ein eigenes Leben aufzubauen. Ich denke an die Arbeiterbewegung und die Gewerkschaften. Das brauchen wir jetzt, wenn wir die Angriffe gegen uns überstehen wollen. Die Occupy-Bewegung macht mir Hoffnung. Dort reden die Leute wieder miteinander und hören sich gegenseitig zu. Nur so kannst du dich gegen die Propaganda und die Manipulation des Denkens durch diese Bastarde wehren. Das ist wohl das Einzige, was du tun kannst. Wir besitzen keine Milliarden von Dollar und haben weder den "Supreme Court" noch die Politiker in unserer Tasche. Unsere Stärke ist unsere Anzahl. Auf welcher Seite stehst du, das war immer die Frage. Lass uns auf die Straße gehen, lass uns singen. Was haben Woody Guthrie und Pete Seeger immer gesagt: Gemeinsam sind wir stark. Pete war ein Meister darin. Ob vor zehn oder zehntausend Menschen - nach wenigen Minuten hast du die Hand des neben dir Stehenden geschüttelt. Dieses Gefühl konntest du dann mitnehmen. Und Pete hat das mit Musik erreicht. Ich denke, das wollen wir am Leben erhalten.

    Kleff: Sie haben einmal gesagt, Karl Marx habe auf ganzer Linie recht gehabt. Er und George Orwell würden ein Gesamtbild ergeben. Aber der normale Arbeiter würde weder Marx noch Orwell lesen. Wie kann man ihm dann die von Ihnen als richtig angesehenen Erkenntnisse beibringen? Songs schreiben und Gitarre spielen, ist das die Antwort?

    Cooders: Musik hat immer eine wichtige Rolle in diesem Kampf gespielt. Mit Sicherheit in den 30er-Jahren. Angefangen mit Joe Hill. Und jemand wie Jimmie Rodgers hat schon in den 20er-Jahren Hobo-Songs millionenfach verkauft. Diese Musik war durchaus populär. Heute ist das natürlich anders. Wo Plattenfirmen zu Großunternehmen geworden sind und zu immer noch größeren fusionieren - wie beispielsweise Time Warner. Diese Konzerne sind kaum an sozialer Musik oder gar an Musik für soziale Kämpfe interessiert. Sie wollen etwas verkaufen - und das ist Lifestyle. Sie verkaufen Künstler, denen es um Ruhm geht und um Aussehen. Das Plattengeschäft hat nichts mehr mit dem Alltagsleben zu tun. Sie verkaufen dir ein vermeintliches Leben, das mit deinem Leben und mit deinen Gedanken darüber nichts zu tun hat. Das heißt aber nicht, dass alle Musiker diesen Weg einschlagen. Ganz bestimmt nicht.

    Kleff: In dem Song "Wall Street" klagen Sie über die Raubritter der Finanzbranche. Ausgerechnet ein Republikaner, der frühere Gouverneur von Louisiana, Buddy Roemer, meinte: Washington sei nicht pleite, sondern gekauft.

    Cooders: So sieht es wohl aus. Wir haben einen Punkt erreicht, wo nichts mehr reguliert werden und niemand mehr zur Verantwortung gezogen werden kann. Weil es keine gesetzliche Grundlage dafür gibt. Diese Typen wagen, vor dem Kongress mit den Worten aufzutreten: "Wir haben doch nur Geld verdient. Warum hackt ihr deshalb auf uns rum?" Und die meisten Abgeordneten meinen, genau. Macht weiter euren Profit! Selbst wenn Länder untergehen, wie Griechenland, dem sie ihre Schrottpapiere verkauft haben. Und wenn du fragst, ob es zu spät ist, das Rad noch umzudrehen? Ja, es ist zu spät. Diese Leute sind übrigens Dummköpfe. Die Leute an der Wall Street sind nicht klug. Am Ende scheitern sie alle. Klar, sie verdienen Milliarden von Dollar. Aber wer hat etwas davon? Nein, keiner. Es höhlt alles nur aus - wie eine Flutwelle. Und dann kommen die Hyänen aus ihren Löchern und ihre Problemlösung lautet: Privatisierung von Gefängnissen, Schulen und Krankenhäusern. Vergesst die soziale Verantwortung der Regierung. Alles wird an den Höchstbietenden verscherbelt. Ach. Das zu beobachten, ist qualvoll. Aber genau das passiert jetzt in der Wahlkampfzeit. Das macht mir Angst. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, was ich mache. Ich sitze mit meiner Mandoline und meiner Gitarre im Haus und warte auf eine gute Idee. Wenn ich dann ein paar gute Songs habe, rufe ich Joachim, um sie vielleicht aufzunehmen. Was sonst kannst du denn machen.

    Kleff: "Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber" heißt es. Bertolt Brecht hat diesen Spruch, wenn auch vermutlich nicht erfunden, so doch öffentlichkeitswirksam benutzt. Ich habe den Eindruck, dass er auch auf die USA zutrifft, wo viele Menschen immer wieder ausgerechnet für die Politiker stimmen, die gegen ihre existenziellen Interessen Politik machen. Wie kommt das?

    Cooders: Wie konnte es dazu kommen? Das ist eine gute Frage. Ich stelle mir so jemanden in dem Lied "Kool-Aid" vor. Diese Person hat genau getan, was man ihr gesagt hat. Sie hat sich ein Gewehr besorgt und von Stand Your Ground - also vom Gesetz beschützt, hat sie jemanden erschossen. Ich habe Leute so gehasst, wie ihr es von mir wolltet, sagt diese Person. Und gegen meine Interessen habe ich euch auch gewählt. Was habe ich dafür bekommen? Eine gesicherte Zukunft? Einen Job? Weder noch. Ich habe meine Arbeit verloren und jetzt nimmt man mir auch noch mein Haus weg. Ich habe Kool-Aid getrunken. Ich habe eure Botschaft für bare Münze genommen und an euch geglaubt. Es ist ein verzweifelter Song. Alle diese Leute werden untergehen und trotzdem Romney wählen. Warum? Rassismus ist einer der Hebel, den sie ansetzen. Stand Your Ground spielt eine Rolle. Und auch die in mehreren Bundesstaaten erlassenen fürchterlichen Gesetze, die das Wahlrecht de facto einschränken. Dann sind da die unbeschränkten Spendengelder, die von den sogenannten "Political Action Committees" gesammelt werden können. Das ist alles beängstigend und widerlich. Wie ist das möglich? Welche Macht haben Leute wie die Koch-Brüder? Sie besitzen die totale Kontrolle. Was zum Teufel wird Obama tun, sollte er wiedergewählt werden - was ich glaube. Ich habe wirklich keine Ahnung. Ich sage es nur ungern: Pete Seeger soll neulich gemeint haben: Ich habe keine Hoffnung. Aber vielleicht habe ich unrecht. Ausgerechnet Pete Seeger? Wow. Er ist ein mutiger Mann. Er hat sich Tyrannei und allen dunklen Mächten mit seinem Banjo entgegengestellt. Er ist für uns alle ein Vorbild. Wir sollten seinem Beispiel folgen. Aber wenn er gleichzeitig sagt, ich habe keine Hoffnung. Aber vielleicht habe ich unrecht. - Das sind düstere Aussichten.

    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.